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Fiebrige geistige Unruhe
Die Furche und die katholische Publizistik nach 1945. Eine Spurensuche. Von Kurt Wimmer

Schutt und Leere, diese beiden Phänomene fielen Friedrich Heer besonders auf, als er nach dem Krieg seine Heimatstadt Wien wieder sah. Er war nach kurzer Kriegsgefangenschaft 1946 heimgekommen – und er fand Wien, seine „dunkle Mutter“, als Trümmerhaufen, den das Chaos des Krieges hinterlassen hatte. Friedrich Heer spürte auch die geistige Leere nach dem Zusammenbruch einer totalitären Ideologie, die Hirne verwüstet, Moral zerstört und Humanität vernichtet hatte. Das aber war, so merkwürdig es klingen mag, die „Stunde des Christen“. So empfand es damals jedenfalls der Katholik Friedrich Heer, der als Pub-lizist und Historiker versuchte, seinen Teil zum Neubeginn beizutragen. Er fühlte die Hoffnung, die in der Luft lag, er wurde erfasst von der fiebrigen geistigen Unruhe, die hinter der Leere vibrierte. Es gab in diesen ersten Nachkriegsjahren „echten Enthusiasmus, Ergriffenheit und den Willen, alle Impulse aufzunehmen, die man erhalten konnte“ (F. Heer).
Friedrich Heer stand, wie er es selbst formulierte, im April 1946 „mit an der Wiege“ der von Karl Strobl und Otto Mauer gegründeten Monatszeitschrift Wort und Wahrheit, obwohl er nie zu deren Herausgebern gehörte. Otto Schulmeister wurde 1948 Mit-herausgeber. Der Heimkehrer Heer schrieb als freier Mitarbeiter für die Furche schon unter deren Gründer Friedrich Funder. Als nach dem Tod Funders im Jahr 1959 Kurt Skalnik als Chef-redakteur die Leitung des Wochenblattes übernahm, erfüllte Friedrich Heer mit zahlreichen Beiträgen bis zum Jahr 1961 eine wichtige geistige Führungsrolle.

Funder, Heer, Schulmeister
Persönlichkeiten wie Funder, Heer und Schulmeister, die unmittelbar nach dem Krieg die katholische Publizistik prägend mitformten, stehen mit ihrem Namen und mit ihrer journalistischen Arbeit auch für die Bandbreite dessen, was damals unter „katholisch“ verstanden wurde.
Friedrich Funder war als Jahrgang 1872 noch durchdrungen vom Geist der christlichsozialen Bewegung eines Karl Lueger, die erfolgreich den Aufstand gegen einen klerikal geprägten katholischen Konservativismus gewagt und die Bastionen des Liberalismus im Wiener Rathaus gestürmt hatte. Schon mit 30 Jahren war er Chefredakteur des Organs der Christlichsozialen, der Reichspost, die dann in der Zwischenkriegszeit für den Ständestaat eintrat. Nach dem Einmarsch der Hitler-Truppen im März 1938 wurde Friedrich Funder von der Gestapo verhaftet und bis November 1939 in den Konzentrations-lagern Dachau und Flossenbürg interniert. Als 73-Jähriger gründete er 1945 die Furche.
Friedrich Heer, Jahrgang 1916, forderte mitten im Kalten Krieg das „Gespräch der Feinde“ und hielt an diesem Grundsatz noch fest, als viele seiner Freunde längst nicht mehr mit ihm redeten. Er war in der Zwischenkriegszeit cver geworden, weil er „die braune Flut“ bekämpfen und Farbe bekennen wollte. Als ihn der Cartellverband dann 1974 ausschloss, verstand Heer die österreichische Welt nicht mehr, die ihn nie begriffen hatte. Er litt unter der Last mancher Propheten, sich selbst zu bewältigen. Vorzeitig nahm er „Abschied von Höllen und Himmeln“. Dieses gleichnamige Buch über das Ende des religiösen Tertiärs ist nach 35 Jahren aktueller denn je.
Für noch heftigere Kritik an Friedrich Heer sorgten seine Werke „Gottes erste Liebe“ und „Der Glaube des Adolf Hitler“. In diesen beiden voluminösen Bänden, die 1967 und 1968 erschienen, setzt sich der Autor mit dem Phänomen des Antisemitismus auseinander, indem er nicht nur die „Genesis des österreichischen Katholiken Adolf Hitler“ detailreich schildert, sondern auch kirchenkritisch auf Wurzeln des Rassenantisemitismus in der christlichen Judenfeindlichkeit hinweist.
Zum Jahrgang 1916 gehörte auch Otto Schulmeister. Er war im Zweiten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter im Einsatz und begann nach der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1946 seine Arbeit als Journalist zuerst bei der Wochenpresse und dann bei der Presse. Schulmeister, der von der Jugendbewegung Bund Neuland kam, leitete zusammen mit dem charismatischen Theologen Otto Mauer auch die Thomas-Morus-Presse, eine spezielle Publika-tionsreihe des Herder-Verlags, und redigierte als Mithe-rausgeber zwanzig Jahre lang, von 1948 bis 1968, Wort und Wahrheit. Diese Monatsschrift war als „intellektuelle Revue aus katholischer Inspiration“ gedacht. Frankreichs „renouveau catholique“, Karl Kraus und Theodor Haecker wurden als Paten des Unternehmens beansprucht. Die namentlich nicht gezeichneten „Dreistern-artikel“ galten als eine „eine Art Sendschreiben an das christlich-in-tellektuelle Publikum“. Diese „Sendschreiben“ erreichten auch geistig wache Minderheiten in Deutschland und in der Schweiz. In seiner Blütezeit hatte Wort und Wahrheit 4000 Leser.

„… durch Würde gewinnen“
In einem Furche-Artikel vom 30. Mai 1959 formuliert Friedrich Funder sein Verständnis von katholischem Journalismus: „Inzwischen hat mir Gott die Gnade erwiesen, Seiner Ehre und der Ausbreitung der göttlichen Wahrheit noch einmal meine ärmlichen Dienste durch die Gründung eines katholischen Blattes, der Furche, weihen zu dürfen. […] Die Furche soll ihre Aufgabe darin erblicken, ein hohes geistiges Forum zu sein, auf dem Wahrheit und christliche Weisheit auch innerhalb der weltlichen Dinge so vorgetragen werden, dass sie auch von dem Andersdenkenden ohne Widerwillen aufgenommen werden und ihn durch innere Würde gewinnen.“
Die Reputation dieser katholischen Zeitung war beachtlich. Die Furche wirkte als Organ eines offenen Katholizismus, sie verfocht glaubhaft eine Politik der Versöhnung mit der Sozialdemokratie und hatte auf die nach dem Krieg in öffentlichen Disputationen oft gestellte Frage, wie deutsch Ös-terreich sei, eine klare Antwort: Österreich ist österreichisch.
In der Zeit nach dem Abschluss des Staatsvertrages gab es in Österreich tatsächlich Diskussionen auf hohem Niveau über politische Grundsatzfragen. Noch merkwürdiger aus heutiger Sicht ist, dass ein Verlag der Gewerkschaft, nämlich der Europa-Verlag, zusammen mit dem Universitätsverlag Anton Pustet diese medialen Anstrengungen in einer zweibändigen Dokumentation veröffentlichte: „Zur Reform der österreichischen Innenpolitik 1955– 1965“. Allein der zweite Band mit dem Titel „Der demokratische Prozess“ umfasst mehr als 1200 Seiten und wäre ohne die profunden Furche-Beiträge wohl um ein Drittel dünner.
Zwei Jahre nach dem Ende des Konzils – aber vielleicht ist das nur ein Zufall – wurde die offensichtlich allzu offene katholische Furche für einige Jahre „zugepflügt“. Die einstige Furche-Redakteurin Trautl Brandstaller hat die Geschehnisse des Advent 1967, ihre Vorgeschichte und die Reaktionen, in dem Band „Die zugepflügte Furche“ dokumentiert. Chefredakteur Kurt Skalnik, der sich immer mehr als „Festungsartillerist“ gefühlt hatte, wurde von Willy Lorenz, dem Generaldirektor des Herold-Verlages, gekündigt, andere Redaktionsmitglieder wurden abserviert oder „zur Kündigung getrieben“. So formulierte es jedenfalls der ehemalige Furche-Redakteur Anton Pelinka, der damals Bundesheer-Rekrut war, auf einer Pressekonferenz. Als offizieller Grund wurden wirtschaftliche Probleme angegeben, in Wahrheit ging es jedoch um eine Linienänderung. Die Furche hatte damals eine Verkaufsauflage von rund 9000 Exemplaren.
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung konstatierte die Wiener Kulturmitarbeiterin des Blattes, Hilde Spiel, dass der progressive Katholizismus einen unersetzlichen Verlust erlitten habe. Gleichzeitig empfahl sie jedoch, den Blick nach Graz zu wenden, denn dort ortete die angesehene Schriftstellerin „die letzte Bastion eines offenen Katholizismus“: die Kleine Zeitung. Ein paar Jahre später, 1976, wurde von Graz aus, unter Styria-Generaldirektor Hanns Sassmann, auch die indes zum Zeitungstod hin-siechende Furche finanziell und spirituell reanimiert.
Die Kleine Zeitung war 1904 gegründet worden und erstand 1948 als völlig neuer Zeitungstyp wieder. Der damalige Generaldirektor des Katholischen Pressvereins, Karl Maria Stepan, hatte, wie Fried-rich Funder, für sein politisches Engagement im autoritären Ständestaat (er war unter anderem von 1934 bis 1938 Landeshauptmann der Steiermark) in Konzent-rationslagern gelitten – und gelernt.

Intellekt & Bodenhaftung
Der langjährige Chefredakteur der Kleinen Zeitung, Fritz Csoklich, schilderte die scheinbar widersprüchlichen Vorstellungen, die Stepan zu verwirklichen trachtete: Die Kleine Zeitung sollte ein Blatt mit möglichst fundiertem Gehalt sein, einen gewissen intellektuellen Anspruch verfechten und dabei nicht die „Bodenhaftung“ verlieren. Konkret bedeutete das, dass breite Leserschichten angesprochen werden mussten. Zudem stand man vor der Aufgabe, durch eine plausibel formulierte christliche Grundhaltung „auf existenzielle Fragen der Menschen offene Antworten zu versuchen und ohne Scheuklappen die wichtigen Prob-leme der Gegenwart und Zukunft aufzugreifen“. Mit einer jungen, experimentierfreudigen Redaktion unter Fritz Csoklich ist das alles irgendwie gelungen. Die Kleine Zeitung mit den Stamm-gebieten Steiermark und Kärnten schaffte den Ausbruch aus der Provinz. Dank ihrer Wiener Redaktion mit deren Leiter Kurt Vorhofer fand diese Bundesländerstimme auch in der Bundeshauptstadt Gehör.
Beim Katholikentag 1952 marschierten 60.000 Jugendliche mit Fahnen über die Wiener Ring-straße und sangen: „Wir sind bereit, / rufen es weit, / Gott ist der Herr / auch unserer Zeit.“
Dies nur als flüchtiger Hinweis, wie sich die Zeiten geändert haben. Bei diesem ersten Katholikentag nach dem Krieg wurde in Mariazell über „Freiheit und Würde des Menschen“ diskutiert. Das Protokoll dieser Studientagung formulierte Otto Mauer, und die Endredaktion besorgte der katholische Journalist Richard Barta. Das Ergebnis nannte man später „Mariazeller Manifest“. Es gilt noch heute als eine Art Charta des österreichischen Nachkriegs-katholizismus.
Sehr fragmentarisch und mit ein paar Schwerpunkten wurde in diesem Beitrag versucht, Entwicklungstendenzen in der katholischen Publizistik seit 1945 zu skizzieren. Es fehlen die Kirchenblätter und es fehlt die Wochenzeitung Der Volksbote, der als präsent weitergeführt wurde. Unerwähnt blieben auch die zahlreichen ehrgeizigen Versuche verschiedener katholischer Or-ganisationen mit eigenen Publikationsorganen die Grenzen der Gruppe zu überwinden. Das gilt für das leider früh gescheiterte Offene Wort, aber auch für die Wende, die als weltoffenes Wochenblatt der Katholischen Landjugend viele Jahre erfolgreich war. Der Cartellverband leistet sich immer noch die Academia, die auch einer jungen katholischen Intelligenz Stimme gibt, und die einstige actio catholica des Katholischen Akademikerverbandes hat unter dem neuen Titel Quart ein zeitgemäßes Profil entwickelt. Zudem gibt es das ambitionierte Projekt Denken + Glauben, die Zeitschrift der Grazer Katholischen Hochschulgemeinde, deren Titel in Anlehnung an Wort und Wahrheit formuliert wurde.
„Das Ende der katholischen Presse“ wurde bereits 1974 mit einem Buch gleichen Titels von Hans Wagner nicht prophezeit, sondern festgestellt. Die Furche gibt es aber erfreulicherweise immer noch. Es müsste eine reizvolle Aufgabe für einen Publizistikstudenten sein, zu erforschen, wie die Chefredakteure Felix Gamillscheg, Hubert Feichtl-bauer, Hannes Schopf, Heiner Boberski und Rudolf Mitlöhner zu verschiedenen Zeiten in dieser Zeitung ihr „katholisch“ jour-nalis-tisch umsetzten. Die Kleine Zeitung wurde indes unter Chefredakteur Erwin Zankel zur zweitgrößten Zeitung Österreichs, und die Styria hat mit moderner Firmenstruktur unter dem Vorstandsvorsitzenden Horst Pirker in Kroatien und Slowenien Fuß gefasst. Sie ist der drittgrößte Medienkonzern in Österreich.

Subversiv katholisch
Aber das Wort vom „Apostolat der christlichen Presse“, das einem Funder, einem Stepan, aber auch einem Sassmann unbefangen von den Lippen kam und von Exponenten „weißer Jahrgänge“ wie Fritz Csoklich oder Hubert Feichtlbauer mit Einschränkungen und modifiziert noch übernommen wurde – dieses Wort klingt heute doch etwas fremd. Wie aus einer fernen Zeit. In den letzten 50 Jahren hat sich die Gesellschaft radikal gewandelt. Es gibt kaum einen Bereich, der nicht betroffen wäre – vor allem Institutionen kämpfen mit Krisenphänomenen und Identitäts-problemen. Institutionen wie die Kirche, ebenso institutionalisierte Religionen wie der Katholizismus. Krisen bedeuten aber auch Chancen.
Der englische Schriftsteller Graham Greene bemerkte einmal, er sei kein katholischer Schriftsteller, sondern ein Schriftsteller, der katholisch ist. Ein katholischer Journalist kann sich diesen feinsinnigen Unterschied zunutze machen und als Journalist, der katholisch ist, auch in unseren Tagen vielfältig aktiv werden. Wenn die deklariert katholischen Medien weniger werden, ist etwas anderes gefordert: mehr Erfindergeist bei der Einübung katholischer Subversivität.

Der Autor, geb. 1932, war lange Jahre stellvertretender Chefredakteur, von 1994 bis 1997 Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“ und schrieb zwischen 1986 und 1993 regelmäßig Kolumnen für die Furche unter dem Titel „Rufzeichen“.

Dieser Beitrag erschien in der Jubiläumsausgabe, Nr. 48/2005 – 60 Jahre Furche.
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  04:09:11 05.14.2005