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42/2008 - Zeit des Kirchenvolks

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Zeit des Kirchenvolks

Eine halbe Million Österreicher/innen unterschrieben jene Reformforderungen an die katholische Kirchenspitze, die als „Kirchenvolks-Begehren“ in die Annalen eingingen. Das Volk Gottes – so das II. Vatikanum über die Kirche – war aber polarisiert. Erinnerung an eine bewegte Entwicklung.

Von Hubert Feichtlbauer

Vor zehn Jahren schien Bewegung in Österreichs katholische Kirche zu kommen. Um zu verstehen, aus welchem Wellental 1998 noch einmal mühsam der einen neuen Anfang verheißende Gipfel erklommen worden ist, muss man sich das Wellental davor in Erinnerung rufen und dieses wieder mit der Hochstimmung nach dem II. Vatikanum kontrastieren. Beginnen wir mit diesem: Nach 1945 herrschte in allen Lebensbereichen der Gesellschaft ungeheure Aufbruchsstimmung. Die Religion bildete da keine Ausnahme. Gläubige konnten ihre Überzeugung wieder öffentlich manifestieren. Zehntausende Jugendliche zogen mit Bannern durch die Straßen und schmetterten ihr Bekenntnis in die Sonne: „Wir sind bereit, rufen es weit, Gott ist der Herr auch unserer Zeit!“ 60.000 waren es beim Fackelzug zum Katholikentag 1952, der die „freie Kirche in einer freien Gesellschaft“ und das Ende des Parteikatholizismus proklamierte. Wir lasen Romano Guardini und Teilhard de Chardin, begeisterten uns an Predigten Otto Mauers und der Straßenagitation von Pater Leppich.

Das Konzil. Ein – gebremster – Aufbruch

Wir freuten uns über die Wiederkehr katholischer Verbände wie Kolping, CV und MKV, begegneten aufgeschlossen aber auch dem spannenden Neuen in der Katholischen Aktion und ahnten erst während des Konzils, in wie vielen Bereichen die katholische Kirche in Österreich damals der Weltkirche schon voraus war: Liturgiebewegung, Aufwertung der Laien, Versöhnung mit politisch „Andersgläubigen“. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–65) hat diese Ent*wicklung dann besiegelt: mit der, wie es schien, endgültigen Überwindung der Kluft zwischen anschaffender und „hörender“ Kirche, mit dem Ja zur Weltverpflichtung aller Katholiken bei Wahrung ihres Rechtes auf unterschiedliche Wege und mit der Anerkennung, dass Gläubige in anderen Kirchen nicht Häretiker und Abtrünnige, sondern Brüder und Schwestern in Christus sind, und dass in allen Weltreligionen das Liebeswerben Gottes um seine Menschen sichtbar wird. In Österreich hatte die neue Kirche in einer neuen Zeit auch einen neuen Namen: Franz König.
Das Konzil weckte die Schlafenden, stärkte die Glaubenden, faszinierte auch Distanzierte und machte schon Hoffende glücklich. Die katholische Kirche hatte den Glanz geheimnisvoller Vollkommenheit verloren, dafür aber das viel wichtigere Siegel der Zukunftstauglichkeit erlangt. Aber es war auch ein nicht für alle erfüllbares Versprechen. Man hätte es ahnen sollen.
Kaum hatte der selige Johannes XXIII. den „Sprung nach vorn“ verkündet, waren die Sehnenschneider, Fallensteller und Grubenschaufler auch schon zur Stelle, um diesen Sprung zu hemmen, wie Bischof Helmut Krätzl das unwürdige Spiel später nennen sollte. Da und dort kam ein erstes Murren auf, als Volkssprache und rhythmische Messen die Kirchen nicht wieder füllten.
Viel stärker ins Gewicht fiel der Auszug von 100.000 Priestern und Ordensleuten aus der Kirche, die mit einer rascheren Fortführung der Reformen gerechnet hatten. Als viele von ihnen bisher geheim gehaltene Beziehungen oder auch nur Sehnsüchte danach offen zur Schau trugen, verließ auch Halbmutige im Vatikan wieder die Courage und sie schmiedeten Umkehrkonzepte. Zur größten Katastrophe in der Krise des Kirchenamtes wurde freilich 1968 die Enzyklika „Humanae Vitae“, in der Papst Paul VI. das Verbot „nicht natürlicher Mittel“ zur Empfängnisverhütung zementierte.

Der angesägte Stamm der Autorität

Ein Papst – nicht Freimaurer oder Medien oder auf „Beliebigkeit“ versessene Gläubige –
hatte die Axt an den Stamm der mächtigen Eiche „Autorität der Kirche“ gerammt, deren Äste seither welken und verdorren. Der gewaltige Widerspruch, der sich in allen Kontinenten gegen diesen fatalen Irrtum erhob, schmiedete die Achse der Kleingläubigen im Vatikan. Bezeichnend ist, dass sich als ein bleibendes Hauptproblem der katholischen Kirche zwei Aspekte der Sexualthematik erweisen sollten, die Papst Paul VI., der Nachfolger Johannes XXIII., aus Sorge um Fehlentscheidungen dem Konzil entzogen hatte: Geburtenplanung und Pflichtzölibat. Mit Wegsperren verjagt man keine Gespenster mehr.

Feuerwerk lehramtlicher Dokumente

Hatte sich Paul VI. noch mit Gewissenslasten abgemüht, griff Johannes Paul II. zielstrebig durch – via Glaubenskongregation, deren Präfekt Josef Ratzinger in den 90er Jahren in einem wahren Feuerwerk lehramtlicher Dokumente Nägel mit Köpfen machte. Ein auf alle Funktionsträger ausgedehnter Treueid verpflichtete zu absolutem Gehorsam auch gegenüber nicht ausdrücklich als „unfehlbar“ verkündeten Lehren und zu Anzeigen bei Bischof und Papst. Beichtväter erfuhren, dass „jeder vorsätzlich unfruchtbar gemachte Geschlechtsakt“ Sünde sei. Den Bischöfen wurde klargemacht, dass wohl die Hier*archie göttlichen Rechtes sei, nicht aber Bischofskonferenzen – was geeintes Vorgehen in Gruppen erschweren sollte.
Und das Wichtigste: Als neuer Bischof bestellt wurde nur, wer durch die Wasser- und Feuerproben der päpstlichen „Zauberflöte“ gegangen war: widerspruchslose Treue zu Rom und zu „Humanae Vitae“. Das bescherte Österreich zwischen 1985 und 1995 fünf Kirchenobere, gegen die es starke Widerstände bei Klerus und Laien gab: Kurt Krenn als Weihbischof von Wien, dann Diözesanbischof von St. Pölten, Georg Eder und Andreas Laun für Salzburg, Klaus Küng für Feldkirch und Hans Hermann Groër als Erzbischof von Wien. Da hatte sich der Kaiser von Österreich, solange er noch um Bischofsvorschläge gefragt wurde, weitaus mehr Mühe um gute Lösungen gemacht als jetzt der Vatikan.

Der Reformwunsch des Kirchenvolks

In Innsbruck machte sich ein Kreis um den Religionsprofessor Thomas Plankensteiner die Mühe, gegen ständige Zumutungen das gläubige Volk zu mobilisieren, und landete mit dem „Kirchenvolks-Begehren“ 1995 einen
von niemandem erwarteten Erfolg: Über 500.000 Katholikinnen und Katholiken verlangten von ihrer Kirche per Unterschrift eine zeitnahe Sexual- und Ehemoral, Wahlfreiheit für Priester zwischen Ehe und Ehelosigkeit, gleiche Kirchenrechte auch für Frauen, Mitbestimmung bei neuen Bischöfen.
Das Kirchenvolk war überwiegend erfreut (alle Reformwünsche sind nachweislich auch im inneren Kirchensegment mehrheitsfähig), aber dennoch stark polarisiert, die Hier*archie verwirrt, der Vatikan entsetzt. Um Volksnähe bemühte Bischöfe hatten Jahre lang Brückenbau versucht. Einer nach dem
anderen scheiterte am römischen Widerstand. Zwei der eifrigsten Erneuerungsbremser scheiterten an sich selbst: Kardinal Groër an Vorwürfen wegen sexuellen Missbrauchs von Abhängigkeitsverhältnissen, Kurt Krenn zehn Jahre später an einer Verrottung des Alltags im diözesanen Priesterseminar.
Das war der äußere Tiefpunkt der Entwicklung der katholischen Kirche in Österreich nach Kardinal König. (Den inneren kennen wir noch nicht.) Aber dann kamen noch ein paar Jahre der vertanen Chancen. Eine „Wallfahrt der Vielfalt“ wurde ausgerufen, von vielen Diskurs- und Gebetsveranstaltungen gesäumt. Dann 1998 ein „Dialog für Öster*reich“, der alle Gruppen in der Kirche wieder zusammenführen sollte. Der zeitweilige Vorsitzende der Bischofskonferenz, Johann
Weber von Graz, leistete Sisyphos-Arbeit im Versöhnungsbemühen – glaubhaft und bis an
die Grenzen des Möglichen. Auch die Salzburger Delegiertenversammlung steuerte er, den plötzlich erkrankten Kardinal Christoph Schönborn vertretend, auf einen letzten Gipfel der Hoffnung zu. Der Absturz war schlimm.
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