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43/2008 - Leben gegen Kinder

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Leben gegen Kinder

Verlangen wir von Kindern und Jugendlichen, was sie nicht sein können? Begegnen wir ihnen als wirklich erwachsene und reife Personen? Ein Plädoyer für eine kinderfreundliche Gesellschaft.

Von Clemens Sedmak

Ich beginne mit einem Geständnis: Meine Frau und ich waren mit unseren drei Kindern bei einem gastfreundlichen Priester zum Abendessen eingeladen. Magdalena, die Neunjährige, möchte schon am Tisch mit den Erwachsenen mitreden. Embryonale Stammzellenforschung. Ökumene in Österreich. Die Nahrungsmittelpreise. Gabriel, der Siebenjährige, möchte mit dem mitgebrachten Lego bauen, gleichzeitig aber erforschen, was es gibt, und den Kasperl spielen, Jonathan, der Vierjährige, ist eine Zeit lang mit Kinderbüchern zu beschäftigen, mit seinen Spielzeugloks, mit einem Kindermemory. Aber eben nur eine Zeit lang.

„Kinder sind so etwas Doofes!“

Magdalena fühlt sich eingeladen, erzieherisch zu wirken, Konflikte zwischen den Buben zu schlichten, was zu weiteren Konflikten führt. Jedenfalls wurde der Abend gewissermaßen anstrengend. Der Gastgeber war grenzenlos geduldig, die Elternteile wechselten sich in der Dämmung und Kanalisierung der kindlichen Energieströme und Eruptionen ab.
Nach knapp zwei Stunden, in denen immer wieder Konflikte zu schlichten waren, hatten wir uns verabschiedet, standen bei der Tür und durch einen wohl unabsichtlichen Stoß seiner Schwester ließ Gabriel das liebevoll gebaute Legoschiff fallen. Das Schiff zerbrach, Gabriel begann zu brüllen, zu weinen und um sich zu schlagen und die Situation entgleiste als Abschluss eines anstrengenden Abends. Entnervt und überfordert und auch als Opfer der eigenen Unreife ging ich mit Jonathan zum Auto und sagte im Affekt, träumend von einem ruhigen Abend mit gepflegter Konversation: „Kinder sind so etwas Doofes!“ Kaum hatte ich Jonathan angeschnallt, sagte er: „Ich bin nicht was Doofes!“
Da wurde ich ruhig, ruhig und beschämt. Sicherlich: Jonathan wollte mir zu verstehen geben: „Die anderen schon, aber ich nicht.“ Dennoch: Diese Aussage traf mich ins Herz, erteilte mir eine demütigende Lektion und fällt mir immer wieder ein. Manchmal auch im richtigen Moment, bevor ich wieder etwas über die Kinder, die an den Nerven zerren, sage. Was war hier schiefgelaufen? Wir hatten die Kinder in eine nur bedingt kinderfreundliche Situation gebracht, in denen von ihnen erwartet wurde, „jemand anderer zu sein“. Das erschöpft. Alain Ehrenberg hat in seinem viel beachteten Buch „Das erschöpfte Selbst“ darauf hingewiesen, dass es uns anstrengt, einen Menschen zu spielen, der wir nicht sind. Das nimmt Kraft und führt zum Ausbrennen, ins Burn-out.
Eine erste Einsicht: Eine kinderfreundliche Gesellschaft ist eine solche, in der Kinder nicht unter Druck gesetzt werden, jemand zu sein, der sie nicht sind. Eine kinderfreundliche Gesellschaft ist, so könnte man sagen, eine Gesellschaft, in der Kinder als Kinder leben und wachsen können. Das schließt eine Anerkennungsbedingung (anerkennen, dass Kinder etwas Besonderes sind), eine Daseinsbedingung (Kinder als Kinder leben lassen) und eine Wachstumsbedingung (Kindern Entfaltung und Entwicklung ermöglichen) ein. Eine kinderfreundliche Gesellschaft erkennt das Besondere von Kindern an. Das ist nicht selbstverständlich.

„Ich bin nicht was Doofes!“

Philippe Ariès hat in seinem viel beachteten Buch „Die Entstehung der Kindheit“ nachgewiesen, dass sich erst im 14./15. Jahrhundert die Kindheit als eigene Kategorie durchsetzte, was sich in der darstellenden Kunst und der Art, wie etwa Kinder in Bildern dargestellt werden, zeigen lässt. Kinder sind keine „kleinen Erwachsenen“ und auch keine
„geborenen Embryos“. Kinder sind eigen. In einer kinderfreundlichen Gesellschaft finden Kinder jenen geschützten Raum vor, den sie brauchen, um herauszufinden, wer sie sind. Wollte man Eckpunkte der besonderen Situation von Kindern benennen, so wären wohl die Begriffe „Verwundbarkeit/Abhängigkeit“, „Unschuld/Naivität“, „Spontaneität“ und „Neugierde/Offenheit“ zu nennen. Eine kinderfreundliche Gesellschaft ist eine solche, die ein Umfeld bereitstellt, in dem Kinder in diesen Dimensionen ernst genommen werden.

„Die Aussage traf mich ins Herz“

In der oben geschilderten Situation ist zweitens schiefgelaufen, dass sich der offiziell Erwachsene – in diesem Fall ich – unreif und unwürdig verhalten hat. Meine zweite Einsicht: Eine kinderfreundliche Gesellschaft ist eine solche, in der Erwachsene auch Erwachsene sind.
Der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, hat in dem Aufsatz „Childhood and Choice“ den Umstand beklagt, dass wir in einer eigenartigen Gesellschaft leben: Die Erwachsenen werden nicht erwachsen (Traum der ewigen Jugend, um ein Stichwort zu nennen); die Kinder werden durch das beschleunigte Erwachsenwerden um ihre Kindheit gebracht.
Eine kinderfreundliche Gesellschaft ist eine solche, in der Kinder tatsächlich Erwachsenen begegnen können. Das war in der eingangs geschilderten Situation nicht der Fall. So hängt die Frage nach der Kinderfreundlichkeit mit der Frage nach der Reife zusammen: Ein reifer Mensch ist in der Sprache von Erik Erikson ein „generativer Mensch“; ein generativer Mensch hat vor allem zwei Eigenschaften: Er weckt und stärkt Vertrauen und er hat echtes Interesse am Blühen und Gedeihen anderer Menschen. Kindern als reifer Mensch gegenüberzutreten hat auch damit zu tun, die eigene Kindheit nicht vergessen zu haben.
Wenn ich als Philosoph aufgefordert wäre, zwei Kernbegriffe zur Charakterisierung von Kindern und Kindheit zu wählen, würde ich „Spielen“ und „Zukunft“ nennen. Spielen zeichnet sich durch so etwas wie Zweckfreiheit und Unproduktivität aus und dadurch, dass durch das gemeinsame Tun ein Miteinander entsteht. Eine nichtproduktive Tätigkeit ist nicht unverdächtig in der Welt des steten Wirtschaftswachstums. Daran sieht man vielleicht auch, dass Kindheit eine korrektive Funktion hat für eine Gesellschaft wie die unsere.
Der zweite Kernbegriff: „Zukunft“. Kinder sind Menschen, die das Leben vor sich haben, die eine Zukunft haben; Kinder sind Menschen, von denen die Zukunft einer Gesellschaft bestimmt wird. Es ist gefährlich, Kinder allein auf diesen zukünftigen Aspekt zu reduzieren und sie eben nur unter dem Blickwinkel der „potenziellen Erwachsenen“ zu sehen, aber es ist eine wichtige Kategorie auch im Umgang mit Kindern.
Der amerikanische Philosoph Joel Feinberg hat von der Verpflichtung gesprochen, Kindern eine „offene Zukunft“ zu ermöglichen, die sie selbst entscheiden und gestalten können. Es geht darum, die Hoffnung auf gelingende Zukunft zu nähren.
Kurz: Eine kinderfreundliche Gesellschaft ist denn eine solche, die das Spielen und das Hoffen nicht verlernt hat.

Der Autor ist Professor für Sozialethik am King’s College London und Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Salzburg
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