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43/2008 - Wir Eltern sind nicht zu retten!

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Wir Eltern sind nicht zu retten!

Angelina Jolie und Sarah Palin machen es vor: Kinder zu haben gilt als cool. Doch gegen die zunehmende „Mamamanie“ formiert sich auch Widerstand: Kinderfreie Zonen entstehen – und Bücher wie „No Kid“ warnen vor den zerstörerischen Folgen der Elternschaft.

Von Doris Helmberger

Wir sind selber schuld. Keiner hat uns zu unserem Unglück gezwungen. Zwar haben wir es nicht schon immer gewusst, aber doch in unserem Innersten irgendwie geahnt: dass Kinder anstrengend sein könnten; dass das mit dem Durchschlafen auf Jahre passé und perdu sein würde; und dass der spontane, ungestörte Kaffeetratsch mit der besten Freundin für Ewigkeiten eine blasse Erinnerung bleiben sollte, derer man sich mit einem quengelnden Kind an der Supermarktkassa wehmütig entsinnt. Niemand hat uns vorgeschwatzt, dass das Austragen, Gebären und erst recht nicht das Auf- und Erziehen von Kindern mühelos sein würde. Und doch waren wir von der Wucht an Fremdbestimmung, die mit dem ersten Schrei im Kreißzimmer über uns hereinbrechen sollte, überrascht.
Dies umso mehr, als Mutter- oder Vatersein neuerdings als Inbegriff von Coolness gilt. Wer auf sich hält, trägt Kind. Prominente Über-Mütter wie die US-Schauspielerin Angelina Jolie (drei leibliche und drei adoptierte Kinder!), die deutsche Familienministerin Ursula von der Leyen (sieben Kinder!) und zuletzt die potenzielle US-Vizepräsidentin Sarah „Pitbull“ Palin (fünf Kinder!) machen vor, was jeder x-beliebigen Frau auf diesem Globus mit etwas gutem Willen doch bitte auch gelingen müsste: eine Schar Kinder, eine steile Karriere und eine Wespentaille unter einen Hut zu bringen.

Über-Mutter müsste man sein!

Was in den medialen Verklärungsgeschichten über die „neuen, toughen Mütter“ freilich verschwiegen wird, ist die Heerschar an guten Geistern, die Jolie, Palin & Co. Tag für Tag zur Verfügung stehen: Ohne Kindermädchen, Babysitter, Köchin, Haushaltshilfe, Gärtner und Chauffeur würde so manche „Über-Mutter“ ziemlich alt aussehen.
Vielleicht sogar so alt, wie wir 08/15-Eltern uns regelmäßig fühlen: Dann etwa, wenn an einem kuscheligen Sonntagmorgen pünktlich um sechs Uhr Tagwache ist; wenn es kurz vor dem (ohnehin verspäteten) Aufbruch in einen nassen Herbsttag verräterisch würzig durch die Gummilatzhose duftet; wenn der Straßenbahnfahrer hilfeheischende Blicke mit dem Hinweis auf die Richtlinien der Wiener Verkehrsbetriebe quittiert, wonach es ihm quasi verboten sei, seinen Sitz zu verlassen und beim Hineinwuchten eines Kinderwagens in die Tram mitzuhelfen; wenn ein Wochenendbesuch zum Auszug aus Ägypten wird; wenn ein wichtiges Telefonat daran scheitert, dass der Mittagsschlaf leiderleider eine Stunde früher endet; oder wenn ein Artikel ganz knapp unvollendet bleibt, weil der Vater pünktlich wie die Stechuhr zum Schichtwechsel ruft. All das kann ziemlich mühsam sein – wie auch Österreichs oberste Pop-Mutter, Doris Knecht, in ihrem wöchentlichen Falter-„Selbstversuch“ höchst amüsant beschreibt. (Ihre neue Kolumnensammlung „Gut, ihr habt gewonnen. Neue Geschichten vom Leben unter Kindern“ ist so*eben im Czernin-Verlag erschienen.)
Der Widerstand gegen die um sich greifende „totale Mamamanie“ (© Süddeutsche Zeitung) kann freilich noch ein paar Schritte weiter gehen – bis hin zur Einrichtung von kleinen, feinen, kinderfreien Reservaten. Einer dieser Widerständler ist Roland Ballner vom Hotel Cortisen am Wolfgangsee. Nachdem er 2005 beschlossen hatte, keine Kinder unter zwölf Jahren in sein Haus zu lassen, gingen vorerst die Wogen hoch. Doch mittlerweile, so der Hotelier, habe sich seine „No-Children-Policy“ zum Riesenerfolg gemausert. „Liebe Gäste“ schreibt er auf der Website des Hotels, „ich bin sicher ,kein Kinderfeind‘, reagiere aber auf die Wünsche und Bedürfnisse einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft.“ Na dann! Auch Familienministerinnen können ähnlich ticken – vor allem dann, wenn ihr Amt noch nicht in Sichtweite ist. So geschehen bei Andrea Kdolsky, die sich im Buch „Kinderlos, na und?“ von Birgit Kofler (Verlag Orac, 2006) zur gnadenlos ehrlichen Aussage hinreißen ließ, dass sie schreiende Kinder im Flugzeug nach New York oder im Nobel*restaurant nicht wirklich appetitlich finde.
Eine kinderfeindliche Familienministerin? Mehr brauchte es nicht. Und doch hatte Kdolsky, die ungewollt kinderlos geblieben war, mit ihrer halsbrecherischen Randbemerkung recht. Kinder, vor allem jene fremder Leute, können schwerst erträglich sein. Doch ist diese Tatsache und der Umstand, dass öffentlicher Verkehr, Architektur und Arbeitgeber den Spießrutenlauf Elternschaft gern mit zusätzlichen Schikanen bereichern, Grund genug, um auf Kinder gänzlich zu verzichten?
Corinne Maier glaubt das wirklich. In ihrem Buch „No Kid“ bricht die 44-jährige französische Politologin, Volkswirtin und Psychoanalytikerin anhand von 40 provokanten Thesen eine Lanze für die Kinderlosigkeit (siehe Kasten). Besondere Pikanterie erhält die – 2007 auf Französisch und 2008 auf Deutsch erschienene – Polemik dadurch, dass ihre Verfasserin als zweifache Mutter vorgibt zu wissen, wovon sie mit Augenzwinkern spricht. „Ich habe auf den falschen Dampfer gesetzt“, erzählt die Autorin einer Freundin kurz vor ihrem vierzigsten Geburtstag. „Damals, als ich Mutter geworden bin, war ich noch jung und verliebt, da haben mir wohl meine Hormone einen üblen Streich gespielt. Wenn ich mich noch einmal entscheiden könnte, also ehrlich, ich bin mir nicht sicher, ob ich das ein zweites Mal mitmachen würde.“
Nicht nur Maiers Freundin war schockiert. Die Empörung über eine derartige mütterliche Unverfrorenheit katapultierte das Buch wochenlang in die Bestsellerlisten. Kein Wunder in Frankreich, dem Land des allerorten grassierenden „Kinder-Kults“, wie Maier beklagt. (2006 war Frankreich, gemeinsam mit Irland, mit einer Geburtenrate von etwas über zwei Kindern pro Frau das „fruchtbarste“ Land Europas.) „Zahlreiche Eltern sind fest davon überzeugt, eine Aufgabe von nationalem Interesse zu erfüllen, nahezu ein heiliges Amt, das einen dem Sakralen und Transzendenten ein kleines Stück näher*bringt: Das Kind ist zur nächsthöheren Stufe über dem selbstbestimmten Erdendasein geworden“, wundert sich Maier. Folglich ist es ihr Ziel, mit ihrer Streitschrift „alle potenziellen Eltern zu demoralisieren“, sie also von sämtlichen moralischen Zweifeln punkto Kinderlosigkeit zu befreien.

Das Kind als „grausamer Giftzwerg“

Was aber sind die 40 Gründe, die das Leben mit Kindern nach Maiers Vorstellung zur Hölle machen? Es ist unter anderem der „Kinderwunsch“ an sich als lächerliches Ziel, die Entbindung als Foltermethode, die Mutation stillender Mütter zu wandelnden Nuckelflaschen, die Spaßbremse Kind, die Freundschaftsbremse Kind, der Lusttöter Kind, der Paarkiller Kind, der Karrierekiller Kind, der Vaterverdränger Kind, die Klette Kind, das Kind als „grausamer Giftzwerg“ (Michel Houellebecq), das Kind als Kostenfaktor, das Kind als programmierte Enttäuschung sowie das Kind als Verbündeter des Kapitalismus und der Freizeitindustrie. Schon der Anfang markiere oft den Anfang vom Ende, glaubt Maier: Vormals intelligente Frauen mutieren zu überehrgeizigen „Famimamis“, schleppen ihren wenige Monate alten Nachwuchs zum Babyschwimmen, zur Babymassage und in die Stillgruppe (sonst könnte seine Entwicklung Schaden nehmen!) – und landen irgendwann selbst als asoziale, ausgebrannte Wracks. Wozu also Kinder in die Welt setzen? Am Ende gar, um die Überbevölkerung der Erde noch etwas zu beschleunigen? Sind wir Eltern noch zu retten?
Nein, dieser Zug ist abgefahren. Bei uns sind Hopfen und Malz verloren. Scheinbar haben wir gegen jede Vernunft agiert. Wir haben zu tun gewagt, wozu unser Instinkt und die bunte Welt der Hochglanzmagazine uns in ruchloser Mésalliance verleitet haben: Wir haben uns fortgepflanzt – ganz so, als wären wir Angelina Jolie, Ursula von der Leyen oder Sarah Palin. Tag für Tag nehmen wir unser selbst gewähltes Schicksal an – und zahlen den Preis dafür: Wir wickeln, füttern, schleppen, loben, warnen, singen, jodeln, cremen, plantschen, kuscheln. Und das auch noch gern.
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  04:18:06 07.16.2005