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44/2008 - Versöhnung heisst Erinnerung

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Versöhnung heisst Erinnerung

Auch 2008 ist das Gedenken an den November 1938 politisch wie religiös wichtig. Denn nicht nur für Christen gilt: Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft.

Von Otto Friedrich

Ein Gedenkjahr, das schon viele Daten und Anlässe – 1918, 1933, 1938, 1968 – geboten hat, wird in den ersten Novembertagen noch einmal besonders brisant:
In der Nacht vom 9. auf den 10. November jährt sich das größte Pogrom der Geschichte zum 70. Mal. Die NS-Schergen gaben dieser Nacht der Verwüstung, in der in den betroffenen Orten Berge von Glasscherben tausender zerstörter jüdischer Geschäfte und Objekte lagen, die höhnische Bezeichnung „Reichskristallnacht“. In Wien taten sich die Verwüster besonders hervor. Und doch waren die Ereignisse erst der Anfang vom schrecklichsten Ende, das den Juden Europas angetan wurde.
Die Ereignisse sind bekannt. Das Unheil und die Unmenschlichkeit, mit der Menschen andere Menschen vernichteten, das grausige Finale des jahrhundertelangen Antisemitismus und Antijudaismus in Europa muss nicht mehr „bekannt“ gemacht und reflektiert werden. Dennoch ist die Zahl der Gedenkveranstaltungen in den ersten Novembertagen landauf, landab groß. Letzten Mittwoch – nur um ein Beispiel zu nennen – wurde in Wien-Wieden ein Platz nach Irene Harand benannt.
Die Katholikin Harand hatte schon 1935 ihr Buch „Sein Kampf. Antwort an Hitler“ publiziert, in dem sie messerscharf die Unmenschlichkeiten und die furchtbare Ideologie des Nationalsozialismus analysierte. Sie gründete mit Gleichgesinnten die im Volksmund „Harand-Bewegung“ genannte Init*ia*tive, die bis zum Einmarsch Hitlers gegen Rassenhass und Judenverfolgung auftrat. Harand, die emigrieren konnte, blieb auch nach dem Krieg weitgehend unbekannt und starb 1975 in New York. Es dauerte also noch 33 Jahre, bis ihre Heimatstadt sie mit einem öffentlichen Platz ehrte.

Ein großes Umdenken

Auch 70 Jahre nach den Novemberpogromen gilt es also, Erinnerung neu wachzurufen und Namen von Gerechten und von Opfern dem Vergessen zu entreißen. In den letzten 20 Jahren ist diesbezüglich einiges geschehen. Hierzulande kann in diesem Zeitraum ein gesellschaftliches Umdenken festgemacht werden, das auch mit – arg späten – politischen Handlungen wie Entschädigungen oder Restitution einherging. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass in diesem Bedenkjahr 2008 nicht mehr die großen Worte zur Vergangenheitsbewältigung zu erwarten sind. Vielleicht sind die großen Worte dazu ja schon gesagt.
Vor 20 Jahren formulierte Kardinal König bei einer Gedenkfeier in der Wiener Staatsoper Bahnbrechendes: „Wenn wir aus der Geschichte lernen wollen, … so müssen wir uns auch bemühen, die Geschichte zu verstehen“, so der Kardinal. Und da müsse man sich auch der Frage der Schuld stellen: „Eine Kollektivschuld gibt es nicht … Wohl aber gibt es eine Schuldverwobenheit. Sie anzuerkennen, bedeutet auch Verpflichtung zur Solidarität der Reue, … zur Solidarität in der Bereitschaft zur Wiedergutmachung.“ Diese Äußerungen des 2004 verstorbenen Kardinals haben frappierende Aktualität behalten.
Im Übrigen mangelt es nicht gerade an Stellungnahmen von Kirchen, die sich in den letzten Jahrzehnten einem Spagat zwischen eigener Verfolgungsgeschichte durchs NS-Regime und dem Vorwurf, gegenüber der
Judenverfolgung geschwiegen zu haben, ausgesetzt waren.
Das eindrücklichste katholische Dokument dazu ist gleichfalls bereits 20 Jahre alt – und heute weitgehend vergessen. In einem Hirtenwort zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome forderten die Bischöfe Österreichs, Deutschlands und der damals noch existierenden DDR auf, die „Last der Geschichte anzunehmen“. Unter anderem spricht das Dokument eine heute ebenfalls aktuelle Debatte an: „Manche fragen darum, ob die Erinnerung an die Vergangenheit nicht einmal ein Ende haben solle. Aber man kann die eigene Geschichte nicht nur selektiv akzeptieren und das Belastende ausblenden. Wir müssen die Last der Geschichte annehmen. Das sind wir den Opfern schuldig, deren Leiden und Tod nicht vergessen werden darf. Das sind wir den Überlebenden und Angehörigen schuldig, weil sonst jedes Gespräch mit ihnen und jedes neue Miteinander unmöglich wäre. Aber wir sind es auch der Kirche und damit uns selbst schuldig.“ Das beeindruckende Kirchendokument aus dem Jahr 1988
kulminiert in einem Wort des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber: „Versöhnung geschieht durch Erinnerung.“
Die evangelischen Kirchen Österreichs artikulierten zehn Jahre später in der Erklärung „Zeit zur Umkehr“ Vergleichbares: „Die Kirchen haben gegen sichtbares Unrecht nicht protestiert, sie haben geschwiegen und weggeschaut, sie sind ‚dem Rad nicht in die Speichen gefallen‘ (Bonhoeffer).“ Die Evangelischen gingen 1998 sogar einen Schritt weiter als die Katholiken, indem sie bekannten, dass „nicht nur einzelne Christinnen und Christen, sondern auch unsere Kirchen … an der Schoa mit schuldig geworden“ sind.
Derartige – kirchliche – Äußerungen haben 2008 nichts an Brisanz eingebüßt. Von daher ist das Gedenken 70 Jahre nach den Ereignissen des 9. November 1938 alles andere als obsolet. Christen müssten hinzufügen: Da das Christentum – wie das Judentum –
eine Religion des Gedächtnisses ist, gehört das Gedenken an die Geschichte der Christen in ihrem Verhalten gegenüber den Juden und das Gedenken an die Schoa auch in die religiö*se Mitte des Christentums.

Erneut einen Namen verleihen

Eine der wahrscheinlich bedeutendsten aktuellen Reflexionen über Gedenkkultur hat der ehemalige Widerstandskämpfer und derzeitige Berater des polnischen Premierministers, Władysław Bartoszewski, in der jüngsten Ausgabe der Münchner Jesuitenzeitschrift „Stimmen der Zeit“ veröffentlicht. Bartoszewski mahnt dabei zuallererst ein, dass heutiges Gedenken keine lauten Worte braucht: „Gedenken ist also ein geduldiges Lauschen nach den Geisterstimmen der Vergangenheit, die bis heute an Orten der Tragödie, des Leidens und des Todes wie ein entferntes Echo wahrnehmbar sind.“
Ein zentrales Anliegen Bartoszewskis ist, den Namenlosen „durch Gedenken erneut Namen zu verleihen“ und „wo immer möglich – ihre persönlichen Lebensgeschichten und geraubten Biografien zurückzugeben und damit auch ihre Menschenwürde.“ Auch dieses Gedenk-„Motiv“ trifft ein innerstes christliches Anliegen.
Bartoszewski nennt das Gedenken dann einen „Schirm, der unser Gedächtnis davor bewahren sollte, von dieser Asche begraben zu werden. Es ist ein stummer, schweigender Schrei gegen das Vergessen und gegen diejenigen, die vergessen wollen.“ Freilich – und da rührt der polnische Vordenker an eine durch und durch politische Option in der Gegenwart – ist Gedenken „letztendlich eine Verpflichtung zum Handeln. Zum Aufbegehren gegen die Gleichgültigkeit“.
Das ist ein Stachel für Gesellschaften – ob im Österreich der Nachwahlzeit oder sonstwo in Europa – und alles andere als harmlos. Erinnerung ist Christenpflicht. Und gleichzeitig Bürgerpflicht. Denn ohne Vergangenheit wird auch Zukunft nicht.
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