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44/2008 - Erklären, nicht entschuldigen

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Erklären, nicht entschuldigen

Annemarie Fenzl, Stephansdom-Kennerin, über antijüdische Spuren in der Wiener Kathedrale und zu Kardinal Innitzer, über den sie seit Jahren forscht.

Das Gespräch führte Otto Friedrich

Christen und Juden im Stephansdom“ – so lautet der Titel einer viel nachgefragten „Führung“ von Annemarie Fenzl durch den Wiener Dom. Die Diözesanarchivarin sucht und beleuchtet da die Spuren eines spannungsreichen Verhältnisses.

Die Furche: Frau Dr. Fenzl, Sie machen Führungen durch den Stephansdom, bei denen Sie auf antijüdische Spuren hinweisen.
Annemarie Fenzl: Der Stephansdom wurde gebaut, als die Menschen weder lesen noch schreiben konnten. Damals brauchte die Kirche zur Verkündigung Symbole. Daher sind dort auch die Propheten oder Mose dargestellt. Die Juden sind da ganz natürlich ein Teil der Heilsgeschichte. Erst wenn es um das Leben und Leiden Jesu geht, wird es kritisch. 1267 fand im Stephansdom ein Provinzialkonzil statt, das Bestimmungen des 4. Laterankonzils von 1215 in Erinnerung rief. Dort hieß es: „Da der Übermut der Juden so groß geworden ist, dass durch sie die Heiligkeit der katholischen Kirche vergiftet worden ist, verordnen wir, dass die Juden den gehörnten Hut, den sie in ihrer Verwegenheit abgelegt haben, wieder tragen.“ Außerdem war ihnen der Besuch christlicher Gasthäusern verboten sowie die Einstellung christlicher Knechte und Ammen. Daraus lässt sich schließen, dass diese Trennung im Volk nicht vorhanden war, sodass man sie dazu ermahnen musste.

Die Furche: Wo gibt es antijüdische Bilder?
Fenzl: Etwa im Riesentor: Da sieht man ein Fries, wo allerhand Getier dargestellt ist, darunter ein Löwe und ein Drache und dazwischen ein Menschenkopf mit einem spitzen Hut – unzweifelhaft ein Jude: Dieser Judenkopf bei den Symbolen des Bösen sagt schon etwas aus. Ab 1304 bauen die Wiener Bürger einen Chor, um die Kirche zu vergrößern. 1339 erlahmt der Geldfluss, und um Geld zu sammeln, wird von einer Reihe von Bischöfen, die am päpstlichen Hof zu Avignon weilen, eine Ablassurkunde erlassen. Diese wurde am Haupttor der Kirche aufgehängt. In der Initiale der Urkunde sehen wir in der Mitte die Hand Gottes und zwei Männer mit spitzen Hüten, die Steine auf Stephanus schleudern. Es sind Juden, die Steine auf Stephanus werfen (vgl. Bild rechts). Das hatte im mittelalterlichen Wien natürlich Bedeutung …

Die Furche: Auch die Reliquienkammer suchen Sie bei Ihren Führungen auf.
Fenzl: Dort finden sich auch Dinge wie drei Dornen von der Dornenkrone oder ein Stück der Geißelsäule Jesu. Und es gab zwei mumifizierte Unschuldige Kinder vom Kindermord in Betlehem. Das alles machte auf die Menschen einen großen Eindruck. Die Juden wurden immer wieder geholt, dann immer wieder vertrieben. Das, was ich zeige, ist ein Teil der unheilvollen Entwicklung.

Die Furche: Sie gehen bei diesen Führungen dann in die Bischofsgruft zum Grab von Kardinal König, der ja auch fürs Umdenken in der Kirche gegenüber den Juden steht.
Fenzl: Kardinal König hat die Erklärung Nostra Aetate, in der die katholische Kirche 1965 ihr Verhältnis zum Judentum neu bestimmt, als eines der wichtigsten Konzilsdokumente bezeichnet. 1988 hat er in der Staatsoper die Gedenkrede gehalten und über das Lernen aus der Geschichte gesprochen hat und darüber, dass es keine Kollektivschuld, wohl aber eine Schuldverwobenheit gibt, die in der Solidarität der Reue und der Bereitschaft zur Wiedergutmachung besteht. An dieser Solidarität hat es bis vor wenigen Jahren gefehlt.

Die Furche: Nach dem Grab von König gehen Sie dann zu dem seines Vorgängers, Kardinal Innitzer, der für sein Verhalten 1938 in Kritik steht.
Fenzl: Ich fühle mich nicht dazu berufen, einen Kardinal zu entschuldigen oder eine ganze Bischofskonferenz. Kardinal Innitzer wird untrennbar mit seinem „Heil Hitler“ in Verbindung gebracht. Das hat ihn bis an sein Lebensende verfolgt und auch bedrückt. Der „Deutsche Gruß“ stand im Begleitschreiben zur „Feierlichen Erklärung“ der österreichischen Bischöfe vom 18. März 1938, die schlimm genug ist und von allen Bischöfe unterschrieben wurde. Im Begleitschreiben stand „Mit vorzüglicher Hochachtung“, aber es wurde Innitzer bedeutet, der deutsche Gruß laute jetzt „Heil Hitler“. Innitzer wollte nicht, aber es wurde ihm nahegelegt, wenn er das nicht schriebe, hätte die ganze Erklärung keinen Sinn. So hat er „Heil Hitler“ dazugefügt.

Die Furche: Glaubte Innitzer, bei Hitler etwas erreichen zu können?
Fenzl: Sofort nach dem Einmarsch haben die ersten Verhaftungen stattgefunden, viele katholische Aktivisten sind gleich nach Dachau gekommen. Mit diesem Wissen ist Kardinal Innitzer am 15. März um 9 Uhr früh zu Hitler
gegangen, bevor dieser am Heldenplatz den „Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“ verkündete. Der Kardinal hat wirklich geglaubt, er kann eine Zusammenarbeit arrangieren. Aber schon am nächsten Tag liest er in der Zeitung eine Treueerklärung, die er so gar nicht gesagt hat und ruft Gauleiter Bürckel an. Der spricht von einem Missverständnis, die Bischöfe sollten aber etwas schreiben. Dann hat Innitzer mit Erzbischof Waitz von Salzburg eine eigene Erklärung gemacht. Die war Bürckel zu lang und er hat gekürzt, die Bischöfe wollten das so nicht, daraufhin hat Bürckel gesagt: „Aus, ich muss zum Reichstag in Berlin. Entweder es wird unterschrieben oder …“

Die Furche: Österreichs Bischöfe haben dann die „Feierliche Erklärung“ unterschrieben …
Fenzl: … ich will das nicht kommentieren. Dazu hat Innitzer dann den Brief beigefügt, in dem steht: „Sie ersehen … dass wir Bischöfe unsere nationale Pflicht … ich weiß … dass eine gute Zusammenarbeit … mit vorzüglicher Hochachtung“ (Bild rechts). Das war ein schreckliches Dokument. Die Bischöfe haben geglaubt, sie schreiben das Hitler, am nächsten Tag aber wird das Ganze als Flugblatt verteilt und plakatiert – von der Nordsee bis Radkersburg. Heute sagen wir, es war naiv. Die Menschen hatten aber auch Römerbrief, Kapitel 13, im Kopf, wo es heißt, wer sich der staatlichen Gewalt widersetzt, widersetzt sich dem Gesetz Gottes. Heute redet jeder über das Gewissen – Stichwort: Jägerstätter – damals war das aber nicht so.

Die Furche: Wie ist der 7. Oktober 1938 in diesen Zusammenhang einzuordnen?
Fenzl: Am 18. März haben die Bischöfe die „Feierliche Erklärung“ abgegeben. Am 10. April kam die Volksabstimmung. Dann haben sie gemerkt: Laufend werden Vereine aufgelassen, der Religionsunterricht abgeschafft, im August die Zivilehe eingeführt. Das war den Bischöfen zu viel. Die Bischöfe – nicht die Nazis! – haben gesagt, wir machen mit euch nicht mehr weiter. Im Sommer 1938 haben sie erkannt, es hat vielleicht lange gedauert, dass sie hintergangen worden waren. Dann war die Jugendfeier im Stephansdom am 7. Oktober, die nie als Provokation gedacht war. Durch Mundpropaganda kamen 7000 Jugendliche in den Dom. Und Innitzer predigt: „Es gibt nur einen Führer, Christus … Geht nach Hause und sagt das euren Eltern weiter … Ihr habt vieles nicht verstanden, was die Bischöfe in letzter Zeit getan haben.
Aber wir wissen jetzt …“ Danach sind alle auf den Platz hinaus. Die Jugendlichen waren begeistert, die wollten den Bischof se*hen. Sie haben getan, wonach ihnen zu Mute war. Heute sind wir sehr dankbar und sagen: Das war die einzige öffentliche Demonstration gegen den Nationalsozialismus.

Die Furche: Und am 8. Oktober 1938 kam die Gegenreaktion …
Fenzl: … mit dem Sturm der Hitlerjugend aufs Erzbischöfliche Palais und am 13. Oktober mit der Gegen*demonstration am Heldenplatz (Bild oben), mit Transparenten wie: „Innitzer und Jud – eine Brut!“ Die Frage, die auch immer gestellt wird: Warum hat die Kirche bei der Reichskristallnacht nichts gesagt? Wenn ich mir Innitzer vorstelle mit einem verwüsteten Palais, den Domkuraten Krawarik haben sie aus dem Fenster geworfen usw. Ich glaube, die haben sich einfach nicht getraut, etwas zu sagen.

Die Furche: Wie beurteilen Sie Innitzer und sein Verhalten im Ganzen?
Fenzl: Ich kann damit leben, wenn man sagt, Innitzer sei der Kardinal des „Heil Hitler“. Aber mit den Juden hatte das nichts zu tun. Innitzer hat als Rektor der Universität schon 1929 jüdische Stu*denten verteidigt, er war sicher kein Antisemit. Im September 1940 richtete er in seinem Palais die „Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ ein, für die am 6. November eine Gedenktafel enthüllt wird. Es ist unerklärlich, dass dort den ganzen Krieg über Juden aus und ein gegangen sind. In der Hilfsstelle wurde, so lange Auswanderung möglich war, versucht, Geld aufzutreiben, auch vom Kardinal. Ab 1941, als die Deportationen begannen, versuchte man noch, Juden mit Essen und Kleidung zu versorgen.

Die Furche: Hat Innitzer somit versucht, seine Fehler von 1938 wiedergutzumachen?
Fenzl: Natürlich kann man nie wiedergutmachen, was passiert ist. Es macht aber einen Unterschied aus, ob jemand „Heil Hitler“ geschrieben hat, weil er gedacht hat: „Super, der Hitler! Gott sei Dank sind wir dabei!“ Oder ob es Innitzer gemacht hat, um etwas für die Menschen zu erreichen. Das ist ein Unterschied in der Qualität – und lindert den Schmerz über das, was geschehen ist, überhaupt nicht. Nochmals: Ich will nichts entschuldigen, wohl aber erklären. Und im Sinn dieser Schuldverwobenheit dürfen wir nicht aufhören, darüber zu reden.
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