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44/2008 - Der Umstrittene

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Der Umstrittene

Pius XII., dessen 50. Todestag vor kurzem begangen wurde, bleibt ein kontroversiell beurteilter Papst. Aber auch seine Kritiker zeichnen heute ein differenziertes Bild.

Von Otto Friedrich

„Wir können die traurige und schmerzliche Tatsache nicht vergessen, dass viele, darunter auch hohe religiöse Führer, ihre Stimme nicht erhoben haben, um unsere Brüder (vor der Schoa, Anm.) zu retten, sondern entschieden, still zu bleiben und im Geheimen zu helfen. Wir können nicht vergeben und vergessen …“ Zum ersten Mal sprach ein Jude vor der Bischofssynode in Rom. Am Ende seiner Ausführungen am 6. Oktober fügte Rabbi Shear Yakuv Cohen von Haifa obige Bemerkungen ein, die, obwohl keine Name genannt wurde, als Kritik am Schweigen Pius’ XII. zur Judenvernichtung verstanden wurde. Benedikt XVI. war unter den Zuhörern. Drei Tage später leitete er einen Gedenkgottesdienst für den Pacelli-Papst, denn an jenem 9. Oktober jährte sich dessen Todestag zum 50. Mal. Der Papst würdigte seinen Vorgänger und meinte, Pius XII. habe „oft im Geheimen und im Stillen gehandelt, weil er angesichts der konkreten Situation und der komplizierten historischen Lage spürte, dass man nur auf diese Weise das Schlimmste verhindern und eine möglichst große Zahl von Juden retten konnte“.

Ein entstelltes Bild

Der Grazer Bischof Egon Kapellari würdigte Pius XII. bei einem Gottesdienst in Mariazell und beklagte das heute „entstellte Bild des Papstes, so als wäre dieser nur ein kühler
Diplomat gewesen, dem die Kirchenräson wichtiger war als christliche Nächstenliebe bis zur Selbstaufgabe auch für die Juden – dieses verzerrte Bild hat weithin die öffent*liche Meinung in der sogenannten westlichen Welt stark geprägt und ist bis heute wirksam“.
Der da als „Entsteller“ angesprochen wurde, war der deutsche Autor Rolf Hochhuth, dessen Drama „Der Stellvertreter“ 1963 Furore machte und Pius XII. als ängstlichen Schweiger brandmarkte. Noch härter ging der britische Journalist John Cornwell ins Gericht, der Pius XII. im englischen Buchtitel gar als „Hitler’s Pope“ (1999) bezeichnet hatte.
Ein Seligsprechungsverfahren für Pius XII. ist im Gang, im Frühjahr wurde der „heroische Tugendgrad“ festgestellt, normalerweise folgt bald darauf die Seligsprechung. Papst Benedikt XVI. ließ jedoch deren politische Opportunität prüfen und dürfte, wie der Vatikan verlautete, das entsprechende Dekret zurzeit nicht unterschreiben.
Die Seligsprechung Pius’ XII. ist jedenfalls ein Stolperstein auf dem Weg von Christen und Juden. Dabei hat die Forschung, in die vor allem vatikanische Akten bis 1939 einfließen konnten – also bis zur Papstwahl Pacellis – , einiges klarstellen können. Auch
Pius-Kritiker haben sich von Hochhuths oder Cornwells Positionen entfernt, in den letzten Jahren sind Hinweise aufgetaucht, nach denen Hochhuths Unterlagen von der DDR oder vom KGB produzierte Fälschungen waren.

Ganz und gar kein Nazi-Freund

Anfang Oktober äußerte sich der Jerusalemer Zeithistoriker Yehuda Bauer in der Zeitschrift The Tablet und stellte fest: „Weder als Kardinal-Staatssekretär noch als Papst seit 1939 war Pius XII. ein Nazi-Freund, obwohl er ein großer Freund des deutschen Volkes war. Aber seine Angst vor dem atheistischen Bolschewismus war … größer.“ In ein ähnliches Horn stieß auch Rabbiner David Rosen, ein Vordenker des jüdisch-christlichen Gesprächs, in einem Interview: „Die Wahrheit liegt in der Mitte – irgendwo zwischen den beiden Extremen ‚Komplizenschaft mit den Nazis‘ und ‚Heldenhaftigkeit‘.“
Man kann also eine differenziertere Betrachtung Pius’ XII. auch bei seinen Kritikern feststellen. Zuletzt entzündete sich aber wieder Streit um eine Schautafel in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, wo Pius XII. weiter wegen seines Schweigens angegriffen wird.
Was Pius XII. darüber hinaus für seine Kirche bedeutet und wie sein Agieren und Denken einzuordnen ist, versuchen drei Bücher zu ergründen. Die Biografie von Michael He*semann, „Der Papst, der Hitler trotzte“, hat die zu den Kriti*kern konträre These schon im Ti*-
tel festgemacht. „Die Wahrheit über Pius XII.“ (so der Unter*titel) ist ei*ne Hagiografie, die mitunter spekulativ ist; aber man kann sicher sein, dass jede Ehrenrettung Pacellis in diesem Buch aufgezeichnet ist.
Der deutsche Journalist und Vatikankenner Hanspeter Oschwald paraphrasiert in seinem Buchtitel „Pius XII. – Der letzte Stellvertreter“ das Hochhuth-Stück und kehrt im Buch vor allem Pius’ Kirchenbild hervor. Oschwald entschuldigt Pacelli und seine Neutralität – schon als Nuntius zur Zeit von Hitlers Machtübernahme – keineswegs, aber er arbeitet heraus, wie sehr dieser Erzbischof, Kardinal und dann Papst von der faktisch-konkreten Stellvertretung Gottes durch das Papsttum überzeugt war und ebenso von der Führerschaft der katholischen Kirche über die Menschheit. Vieles an Pacellis Verhalten, macht Oschwald plausibel, fußt auf diesem Glauben an die Glorie des Papsttums: Niemand war je wieder so Papst wie dieser.
Als dritter hat sich der Kirchenhistoriker Hubert Wolf in der Monografie „Papst und Teufel“ anhand der vatikanischen Akten bis 1939 mit der Rolle Pacellis, der damals Kardinal-Staatssekretär, also die Nummer zwei in der Kirche war, beim Zustandekommen des Konkordats mit dem NS-Regime 1933 auseinandergesetzt (siehe Interview unten). Wolf legt aber Wert darauf, dass man gerade übers Pontifikat Pius’ XII. (1939–58) noch zu wenig weiß, weil die vatikanischen Archive über diese Zeit noch nicht zugänglich sind.

Die jüdische Position

Eben diese Nichtzugänglichkeit wird von jüdischer Seite kritisiert; eine Seligsprechung vor der Öffnung der Archive würde die christlich-jüdischen Beziehungen weiter belasten. Yehuda Bauer hat im Tablet die wahrscheinlich verbreitete jüdische Position so auf den Punkt gebracht: „Der Vatikan will
Pius XII. selig sprechen. Als Nichtkatholik habe ich dazu nichts zu sagen. Es ist ein Thema, das allein die Kirche zu entscheiden hat. Aber im Falle Pius’ XII. gibt es eine Frage der Moral: Wer ist ein heiligmäßiger Mensch? Pius hat sich nicht einem möglichen Martyrium durch die Deutschen ausgesetzt, indem er sich für die Juden öffentlich einsetzte. Der Berliner Propst Bernhard Lichtenberg (der gegen die Judenverfolgung gepredigt hatte, Anm.) hingegen starb dafür. Wer sollte heilig gesprochen werden – Lichtenberg oder Pacelli?“
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