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45/2008 - Uns gehört die Farbe Pink

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Uns gehört die Farbe Pink

Der Schutz von Marken nimmt ungeahnte Ausmaße an: Das Unternehmen T-Mobile hat die Farbe Magenta schützen lassen. Auch das Braun von UPS ist bereits weg.

Von Thomas Bredenfeld

Für den heutigen Konsumenten sind nicht nur die gekauften Waren wichtiger Bestandteil seines Lifestyles, sondern vor allem auch deren Marken. Alles muss „gebrandet“ sein. Markenzeichen und Logos sind ein wichtiges Mittel in Werbung und Kommunikation, um Identität und Wiedererkennbarkeit von Firmen und ihren Produkten herzustellen und zu sichern. Designer, Grafiker, Art Directors und Marketingspezialisten stecken viel Energie und Kreativität in Brand Concepts und Corporate Design. Deren Kunden, Firmen und Konzerne, geben dafür sehr viel Geld aus. Diese hohen Investitionen schützen zu wollen, ist also nachvollziehbar.
Für diesen Schutz kreativer Leistungen und wichtiger Unterscheidungsmerkmale im Wettbewerb gibt es eine ganze Reihe von Maßnahmen, vor allem im Marken- und Patentrecht. Diese Maßnahmen zum an sich legitimen Schutz einer Marke können aber auch gehörig überstrapaziert werden, wie
einige Beispiel immer wieder zeigen.
Über Scherze, sich das Ergebnis der Rechenaufgabe 1+1 oder ähnliche Trivialitäten patentieren zu lassen, wurde und wird noch immer viel gelacht, vor allem im Hinblick auf das US-Patentrecht, das in dieser Richtung teilweise haarsträubende Dinge erlaubt. Doch in Europa geht das auch. Dies demonstriert mit einer befremdlichen Hartnäckigkeit das größte deutsche Telekommunikationsunternehmen seit etlichen Jahren. Dass der Buchstabe „T“ und ein paar kleine Quadrate daneben als Logo markenrechtlich schützenswert sind, kann jedermann noch gern akzeptieren. Das reicht dem deutschen Giganten aber offenbar nicht.

David gegen Goliath

Einem kleinen Düsseldorfer Verlag, der 2001 ein Books-on-Demand-Projekt gestartet hat und dieses in Tageszeitungen mit Anzeigen in schwarzer Schrift unter anderem auf magenta-farbenem Hintergrund bewarb, flatterte recht bald ein Anwaltsschreiben ins Haus, in dem das Telekomunternehmen dem Verlag den Gebrauch der Farbe Magenta bei seiner Werbetätigkeit per Abmahnung untersagte. Eine angedrohte Strafe bei Zuwiderhandlung in fünfstelliger Höhe und eine Festlegung des Streitwertes im Klagefall auf eine halbe Million Euro sollten dem Schreiben den nötigen Nachdruck verleihen und dem kleinen Vier-Personen-Startup-Unternehmen eine ordentliche Portion Furcht vor dem Telekomriesen einjagen. Die ließen sich jedoch nicht schrecken und es auf eine Klage ankommen.
Das erste Verfahren hat das Großunternehmen verloren und ist in Berufung gegangen. Nachdem der Fall im Internet allerdings bereits viel Staub aufgewirbelt hat und der kleine Verlag gute Chancen hatte, im Berufungsverfahren ebenfalls zu siegen, musste der Konzern befürchten, dass es einen Präzedenzfall geben könnte – noch dazu mit sehr viel Publicity. Kurz vor der Urteilsverkündung hat er die Klage zurückgezogen und damit eine Entscheidung über die Verfahrenskosten vereitelt. Der Kleinverlag ist auf 60.000 Euro Anwalts- und Prozesskosten sitzengeblieben. Ein netter Trick, mit dem Konzerne, die das nötige juristische Spielkapital haben, kleinere Existenzen locker ruinieren können, auch wenn sie im Verfahren selbst gar kein Recht bekommen.
Nach diesem Schema ist es munter weitergegangen: Selbst der Gebrauch des Buchstabens „T“ als Großbuchstabe im Firmennamen wird geklagt. Viele haben sich angesichts der bedrohlichen anwaltlichen Kulisse gefürchtet und Zugeständnisse gemacht. So hat eine bekannte Elektronikkette mit einem zwinkernden Hund als Markenzeichen dieses Logo ändern und seine Firmenfarbe von Magenta ins Rote verschieben müssen, um weiterem Ärger aus dem Weg zu gehen.
Aktuelles Beispiel in diesem Abmahnzirkus großen Stils ist das amerikanische Blog engadget.com, das über neue Trends, Soft- und Hardware im Bereich mobiler Kommunikationsmittel berichtet. Zu kaufen gibt es dort nichts. Trotzdem haben selbst sie Post aus Deutschland bekommen, da sie die Farbe Magenta verwendet haben und dies dreisterweise zusammen mit dem Wort „mobile“. Die Macher von engadget.com haben es sich nicht nehmen lassen, sofort die ganze Seite in dieser Farbe zu gestalten und auch noch den Großbuchstaben „T“ zu verwenden. Zudem haben sie den Anwaltsbrief ins Netz gestellt, um die Arroganz der Konzernmacht sichtbar zu machen.
Die Farbe Magenta ist nun mehr noch als früher fixer Bestandteil der Gestaltung ihrer Website, auf der sie genüsslich die weiteren Ambitionen des deutschen Unternehmens verfolgen, dessen Bäume zum Glück nicht in den Himmel wachsen: T-Mobile hat jüngst im Streit mit dem nordeuropäischen Mobilfunker Telia, der es gewagt hat, einen Magenta-ähnlichen Farbton für sein Firmenlogo zu verwenden, auf schwedischen Granit gebissen.

Aufstand der Zivilgesellschaft

Mittlerweile häufen sich Websites und Blogs von Designern und Web-Aktivisten, wie freemagenta.nl, die sich entweder über den deutschen Telefonriesen nur noch lustig machen und genüsslich die Folgen veranschaulichen, wie es ausschauen könnte, wenn man mit Magenta eine der vier Druckfarben nicht mehr verwenden dürfte. Die ganze Absurdität wird hier sehr schön sichtbar. Andere aber sehen in solchen Fällen eine neue Qualität pervertierter Rechtsprechung und machen deren Urheber weniger in der Bonner Konzernzentrale aus als an den Regierungsschreibtischen in Berlin, Brüssel und anderswo – bei einer Politik, die einen solchen Unfug überhaupt erst möglich macht.
Inzwischen scheinen solche Beispiele allerdings weiter Schule zu machen. Das Braun des Spediteurs UPS und das Dunkelblau von Tiffany sind schon weg. Die beiden Grüntöne Pantone 368 und 362 gehören der Dresdner Bank. Und die oberösterreichische Oberbank hat gerade einen Rechtsstreit mit den Deutschen Sparkassen laufen, die das leuchtende Rot HKS 12, eine ebenfalls im Druck sehr häufig verwendete Farbe, für sich als Markenzeichen haben schützen lassen. Aber es gibt auch anderes zu berichten: Der Ölriese BP ist nach 16 Jahren Rechtsstreit am australischen High Court gescheitert, sein Grün als Marke schützen zu lassen: Pantone 348C darf wieder gefahrlos genutzt werden.
Andrea Konrad aus der ORF-Reality-Show „Taxi Orange“ tut ebenfalls gut daran, ihre Frisur nicht mehr in einer geschützten Farbe zu tönen. Und wenn sie es doch tut, sollte sie beim Telefonieren für einen gewissen Abstand des Handys zu ihrem Haar sorgen. Es könnte ein markenrechtlich bedenklicher Zusammenhang hergestellt werden.

Der Autor ist Medienproduzent und Künstler.

www.freemagenta.nl
www.stijlfigurant.nl/magenta/
reklamehimmel.typepad.com
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