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47/2008 - „Auch Tom Cruise wird seine Gründe haben

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„Auch Tom Cruise wird seine Gründe haben“

German Müller, Leiter der Bundesstelle für Sektenfragen, über den problematischen Begriff „Sekte“ und die Herausforderung, Angehörige aus dem Bann vereinnahmender Gruppierungen zu befreien.

Das Gespräch führte Doris Helmberger

Dieser Mann ist vorsichtig. Sehr vorsichtig. In seinen Beratungsgesprächen wie auch im Umgang mit diversen Gruppierungen muss German Müller, seit 1999 Leiter der Bundesstelle für Sektenfragen, jedes Wort auf die Goldwaage legen. Auch im FURCHE-Interview beschreibt der 52-jährige Psychologe betont vorsichtig die Motive, die Menschen in die Arme religiöser Sondergruppen treiben – und jene, die sie womöglich wieder aus ihren Fängen lösen.

Die Furche: Herr Müller, was ist eine Sekte?
German Müller: Wir versuchen den Begriff „Sekte“ nicht zu verwenden: Sekte kann ja Unterschiedlichstes bedeuten und wird oft diskriminierend erlebt. Daher ist eine Einteilung in Sekte oder Nichtsekte oft nicht hilfreich, sondern wir suchen mit den Menschen, die zu uns kommen, nach Lösungen.

Die Furche: Dennoch trägt die von Ihnen geleitete Bundesstelle diesen Begriff im Titel …
Müller: Das ist insofern wichtig, weil Menschen uns unter diesem Begriff finden. Sie verbinden damit oft bestimmte Strukturen oder Verhaltensweisen.

Die Furche: Welche Strukturen und Verhaltensweisen sind das?
Müller: Häufig wird eine leitende Führungsperson – eventuell mit Absolutheitsanspruch – damit verbunden, möglicherweise eine strenge Hierarchie, eine verbindliche Lehre oder Ideologie usw. Dazu können noch gruppen- und psychodynamische Faktoren kommen. All das kann dazu führen, dass Menschen sagen: Das ist eine Sekte.

Die Furche: Auch innerhalb der gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften können starke, psychodynamische Faktoren eine Rolle spielen: Was tun Sie etwa, wenn ein Mann zu Ihnen kommt, der sich Sorgen um seine Frau macht, weil sie sich seit dem Kontakt mit einem evangelikalen Prediger oder einer von einem Exorzisten geleiteten Marienwallfahrt wesensmäßig verändert hat?
Müller: Die gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften fallen nicht in unseren Kompetenzbereich. Aber um zu wissen, wie dieser Person geholfen werden könnte, würden wir genauer nachfragen, um das Problem konkreter zu erfassen. Geht es für den Mann etwa vor allem um Beziehungsfragen, würden wir ihm Adressen von Familienberatungsstellen zusammenstellen. Geht es ihm um andere Aspekte, würden wir entsprechende Anlaufstellen suchen.

Die Furche: Welche Gruppierungen werden am meisten bei Ihnen angefragt?
Müller: Jährlich werden wir zu mehr als 300 Gruppierungen angefragt. Häufig kommen Fragen zu Scientology und esoterischen Angeboten. Auch Gruppierungen mit fernöstlichem Hintergrund wie Sahaja Yoga oder die Sri Chinmoy-Bewegung werden oft thematisiert. Immer wieder wird auch zu Jehovas Zeugen, zu verschiedenen evangelikalen Gemeinden und manchen Pfingstkirchen angefragt. Auch Satanismus ist häufig ein Thema.
Die Furche: Was macht diese Gruppierungen für Menschen so attraktiv?
Müller: Alle Menschen haben Bedürfnisse, die nicht immer abgedeckt werden können, vor allem bei Lebensübergängen und in Krisensituationen. Demgegenüber steht eine Vielzahl von Angeboten: Bist du einsam? Wir sind für dich da. Siehst du keinen Sinn im Leben? Bei uns findest du ihn. Wenn nun jemand in einer bestimmten Situation auf das entsprechende Angebot trifft, kann das wie „der richtige Schlüssel ins richtige Schloss“ passen. Wichtig ist es uns daher, die Grundbedürfnisse von Betroffenen ernst zu nehmen und gemeinsam zu überlegen, wie diesen gut und ohne Gefährdungspotenzial entsprochen werden könnte. Das ist nicht einfach und dauert manchmal seine Zeit. Wenden sich Angehörige an uns, versuchen wir auch, die Betroffenen zu den Gesprächen miteinzuladen. Unsere Erfahrung ist jedenfalls, dass nicht allein die Konfrontation von Betroffenen mit kritischen Berichten zu einer Distanzierung von der Gruppe führt. Es reicht nicht aus, einfach einen Stapel Unterlagen aufs Nachtkästchen zu legen – und am nächsten Tag nach der Lektüre ist der Betroffene geläutert. So funktioniert das meist nicht.

Die Furche: Warum eigentlich nicht?
Müller: Weil der Betroffene dann eher Argumente sammelt, um die Kritik zu entkräften. Zusätzlich kann sich eine Kluft vertiefen: Die Angehörigen, die bisher vielleicht als unterstützend erlebt worden sind, werden zunehmend als ablehnend wahrgenommen.

Die Furche: Oft werden auch Kinder in diese Gruppierungen involviert, etwa nach Trennungen. Was raten Sie einem besorgten Elternteil, der sich an Sie wendet?
Müller: In einem solchen Fall ist es vor allem wichtig abzuklären, ob das Kindeswohl gefährdet ist. Dabei ist es notwendig, eventuelle Gefährdungen so konkret wie möglich zu beschreiben. Eine allgemeine Behauptung wie: Die Mutter/der Vater ist bei der Gruppe X, und das ist für unser Kind gefährlich, reicht jedenfalls nicht aus.

Die Furche: Was muss passieren, damit Menschen die Kraft finden, aus einer solchen Organisation auszusteigen?
Müller: Manche Menschen meinen, wenn man sich solchen Gruppierungen zuwendet, müsse man labil oder dumm sein. Wie schon erwähnt, engagieren sich Menschen aber deshalb für solche Gruppierungen, weil sie das Gefühl haben, dass dort ein Teil ihrer Bedürfnisse erfüllt wird – nach dem „Schlüssel-Schloss-Prinzip“. Auch Tom Cruise wird vermutlich seine Gründe haben, warum er sich für Scientology engagiert. Viele Menschen bekommen von diesen Gruppierungen etwas, was für sie wichtig ist. Es fällt ihnen daher auch nicht leicht, sich einfach so zu distanzieren. Man hat ja dort auch Beziehungen geknüpft. Am Ende sind es meist mehrere Gründe, die zu einer Distanzierung führen – und es ist ein längerer Prozess.

Die Furche: Werden potenziellen Aussteigern von den Gruppen, die sie verlassen wollen, auch bewusst Schwierigkeiten gemacht?
Müller: Unserer Erfahrung nach wird *dies sehr unterschiedlich erlebt. Manche berichten, dass in ihrer Gruppe „negative Karrieren“ von Aussteigern betont worden seien. Bei Scientology wiederum ist bekannt, dass vom „Office of Special Affairs“ Informationen gesammelt werden. Das kann bei den Mitgliedern der Gruppierung natürlich Vorsicht oder Ängste auslösen.

Die Furche: Gibt es – etwa für Eltern – überhaupt eine Art Prophylaxe gegen solche vereinnahmenden Gruppierungen?
Müller: Natürlich gibt es keine Rezepte – und solche Gruppierungen wird es vermutlich immer geben. Hilfreich kann jedenfalls sein, jungen Menschen Autonomie, Dialog- und Kritikfähigkeit zu ermöglichen. Wenn ein 16-Jähriger zum Drogendealer Nein sagen, zu seinen Eltern aber immer Ja sagen soll, dann wird das wohl nicht funktionieren. Jugendliche brauchen auch die Möglichkeit, sich entsprechende Informationen aneignen zu können. Denn sie sollen auf solche Situationen gut vorbereitet sein.
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