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Dreckskerl - 15/2007

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Mörderische Erinnerungen
Wojciech Kuczok ist in Polen ein literarischer Jungstar. Seine Radikal-Prosa ist auch in deutscher Übersetzung ein glühendes Lektüre-Erlebnis.
Von Cornelius Hell

Die polnische Provinz ist voll realer Tristesse, aber literarisch eine blühende Landschaft. Nicht nur der in Warschau geborene und mittlerweile zum Starautor avancierte Andrzej Stasiuk oder die Schlesierin Olga Tokarczuk zeichnen sie nach, sondern auch Autoren, die in den 1970er Jahren geboren sind; und ihre Prosa ist alles andere als provinziell oder gar idyllisch: Im Vorjahr haben Daniel Odijas Roman Das Sägewerk Furore gemacht und Wojciech Kuczoks Erzählband Im Kreis der Gespenster. Und jetzt liegt dessen fulminanter Prosaband Dreckskerl auf Deutsch vor – ein literarisches Großereignis. In Zeiten, wo sorgsam durcherzählte Romane als opulentes Lesefutter wieder beliebt geworden sind, reichen diesem Buch 174 Seiten, um eine Welt unausweichlich werden zu lassen. Dazu muss man eben über die sprachlichen und erzähltechnischen Mittel verfügen, die der erst 35-jährige Kuczok hier durchexerziert.
Damals, Dann und Danach sind die drei Teile dieser Radikal-Prosa überschrieben, und alles, was geschieht, konzentriert sich auf ein einziges Haus. Der Großvater des Ich-Erzählers hat es gebaut, und sein Vater, „der alte K.“, führt darin sein sadistisches Schreckensregiment. Damals hat die Zeit im Blick, in der man noch Personal hatte und sich für seinen Tod einen schönen Eichensarg wünschte. Doch der Zweite Weltkrieg greift massiv in die Geschichte des Familienclans ein. Schlesien ist eine Landschaft mit vielen Wunden, und Kuczok setzt sie mit wenigen Sätzen präsent.

Schlesische Wunden
Dann ist das Herzstück des Bandes. Es vergegenwärtigt das Personal des Kindheitsgefängnisses des Erzählers: den Vater, der die brutalen Schläge mit der Peitsche als Ritual zelebriert, die gedemütigte Mutter, die nicht für ihn einstehen kann, die bigotte Tante und den versoffenen Onkel mit seinen Pornofilmen. Und eben den Ich-Erzähler, der in der Schule wie in der nahen Siedlung ausgegrenzt wird, gestoßen und geschlagen auch von Mitschülern und Spielkameraden; und immer wieder bespuckt: „Die Spucke war meine erste Lehrerin“, erinnert er sich. Vom Vater wird er als „Dreckskerl“ beschimpft.
Das polnische Wort „Gnój“ kann aber auch Scheiße oder Jauche heißen. Und in der versinkt das Haus mit seinen Alpträumen im kurzen Schlusskapitel Danach – ein überraschend surrealistisches Ende nach so viel psychologischer Genauigkeit. Und eben diese Überblendung ist das Geniale an Dreckskerl. Der Text vermag den realen Schrecken einer Kindheit ebenso überzeugend in Szene zu setzen wie die surreale Groteske – und ohne dass sich das gegenseitig aufhebt.
„Ich habe Schlesien als Schauplatz meines Romans gewählt, weil ich dort geboren bin, dort gelebt habe und bis heute auch lebe und die Realien kenne.Diese Welt und ihre historischen Wandlungen beobachte ich und konnte hier das, was ich erlebt habe, einfach miteinbeziehen“, sagt Wojciech Kuczok im Furche-Gespräch. Die realistische Ebene dieser Prosa ist stimmig, die kindliche Psyche rückt quälend genau ins Blickfeld: die ohnmächtigen Wünsche, den Vater umzubringen, der Schreck eines Kindersanatoriums mit dem berührenden Porträt eines Alkoholiker-Sohnes aus dem Waisenhaus, die unabschließbare Bindung an die Mutter, die ihrem Sohn mit Fischen fürs Aquarium eine Freude machen wollte, aber sie nicht lebend nach Hause brachte: „Ich wußte schon damals, daß in einer schwarzen und unausweichlichen Zukunft, wenn meine Mutter tot war, die Erinnerungen an diese Tollpatschigkeiten, an diese unschuldigen Fauxpas mörderisch sein würden. Erst am Grab stellt sich heraus, daß wir unsere Eltern für ihr Unerfülltes liebten, für das, was uns gemeinsam mißlungen ist, ihre Fauxpas ragen am bitterlichsten aus den Gräbern hervor und lassen sich nicht hineinstopfen.“

Furor & Hass
Selten klingen so leise und unironische Töne an. Furor und Hass sind der Motor dieser Prosa, die genau beschreibt, aber nichts erklärt. Der Vater, ein verkappter Künstler, der nicht reüssieren konnte, vom Kommunismus ebenso unterdrückt wie vom Katholizismus – im Gespräch weist Wojciech Kuczok so banale Interpretationen von sich: „Den ersten Teil des Buches habe ich deswegen geschrieben, damit die Leute sehen, dass der Erzähler nicht sagen kann, wieso es so ist. Es ist vielleicht eine Mischung aus all dem: Katholizismus, Kommunismus und Mentalität. Denn früher gab es in Polen das Modell des Vater-Gottes: Gott hat gelobt und gestraft, und vielleicht ist das ein Muster für die Erziehung des Kindes. Aber ich weiß es nicht. Ich habe die Frage gestellt, doch die Antwort kenne ich nicht.“

Geschlagene Kinder
Als das Buch 2003 in Polen erschien, erregte es großes Aufsehen, wurde erfolgreich verfilmt und löste Debatten über geschlagene Kinder aus. Heute gibt es dort wieder Minister, die sich brüsten, geschlagen worden zu sein und dadurch gelernt zu haben, was richtig und falsch ist. Und es gibt einen Bildungsminister, der Witold Gombrowicz, den großen Klassiker des 20. Jahrhunderts, aus dem Lehrplan nehmen will. Gerade diesen Autor hat Kuczok während des Schreibens gelesen; und Thomas Bernhard. Er hat offenbar keinerlei „Einflussangst“ und braucht sie auch nicht zu haben. Wortspiele und Wiederholungen, die hohe Musikalität: das hat Dreckskerl mit Thomas Bernhards Texten gemeinsam, ohne sie zu imitieren. Man könnte sagen, Kuczok habe den Bernhard-Sound eigenständig weiterkomponiert.
So ist das Buch trotz aller Inspirationen aus der Familiengeschichte und dem schlesischen Hintergrund keine Autobiographie, sondern eine Antibiographie. Schlesische Mehlsuppe oder Wiener Klassik – vieles, was der Ich-Erzähler hasst, liebt sein Autor Wojciech Kuczok. Dreckskerl ist keine literarische Auslöschung der eigenen Kindheit, sondern ein elegantes Spiel mit der Katastrophe. Und eben darum so übertragbar und auch außerhalb von Polen ein glühendes Lektüreerlebnis. Daran haben auch die Übersetzerinnen großen Anteil, die nicht zuletzt einen Kunst-Dialekt konstruiert mussten, um diese großartige Prosa auf Deutsch zum Klingen zu bringen.


DRECKSKERL
Eine Antibiographie. Aus dem Polnischen von Gabriele Leupold und Dorota Stroi´nska.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007,
174 Seiten, geb., € 20,40
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  18:48:47 07.14.2005