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Der Überlebende - 49/2008

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Der Überlebende

Zum 85. Geburtstag von Jorge Semprun zeichnet Franziska Augstein ein biografisches Porträt als Abbild eines ganzen Zeitalters


Von Oliver Ruf

Sein Leben war einmal verriegelt und verschlossen. Es kam niemand mehr hinein. Aber auch niemand mehr heraus. Es lag hinter Gitterstäben, hinter dem Tor und hinter Arrestzellen, die einen Zwanzigjährigen nicht nur wegschließen, sondern ihn bedrohen, demütigen, zerbrechen können (oder noch schlimmer). Barfuß sprang er damals über den kalten Boden, gehetzt von den Wachen; dann wurde er am ganzen Körper rasiert, „desinfiziert“, wie es hässlich hieß, und wenig später war er ein Mitglied der Lagergesellschaft. Das war in Buchenwald – ein Urbild nationalsozialistischer Hölle.
Jorge Semprún hat sie überlebt. Er wurde 1923 als Sohn einer großbürgerlichen, linksliberalen Familie in Spanien geboren und wuchs in Madrid auf. 1936 (beim Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs) ging er mit der Familie nach Den Haag, wo sein Vater Botschafter war, 1939 nach dem Sieg des Franco-Regimes nach Frankreich ins Exil. An der Pariser Universität Sorbonne studierte er Philosophie und 1941 trat er der Résistance bei. 1943 wurde er wegen seiner Arbeit im Untergrund gegen die deutschen Besatzer von der Gestapo verhaftet, verhört, gefoltert und im Januar 1944 ins Konzentrationslager deportiert.
Buchenwald wurde seine Initiation, in dem Sinne, dass er dort eine kommunistische Brüderlichkeit verwirklicht erfuhr, die seinen späteren Werdegang mehr als eindringlich prägen würde. Nach Kriegsende kehrte er zurück nach Paris und engagierte sich in der linksintellektuellen Bohème. Und er koordinierte ab 1953 – unter Decknamen wie Federico Sanchez oder Juan Larrea – federführend Operationen gegen das Franco-Regime. Er wurde Mitglied des Zentralkomitees seiner Partei, kam 1956 ins Politbüro und wurde 1964 wegen „parteischädigenden Verhaltens“ aus der Exil-PCE ausgeschlossen.

Berufung: Literatur

Das sind aber nur wenige der zahlreichen Wendungen und Brüche dieses Lebens von Format, das im Übrigen ein Zwischenspiel als spanischer Kulturminister zwischen 1988 und 1991 ebenso komplettiert wie Semprúns „eigentliche“ Berufung: die Literatur. So avancierte dieser nicht nur zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten europäischen Schriftsteller. Seine Biografie ist darüber hinaus ein Beispiel für die vielschichtigen, oft erschreckenden Umrisse des 20. Jahrhunderts, eine Beobachtung, die zu seinem 85. Geburtstag in diesem Jahr Franziska Augstein dazu veranlasst hat, ein großartiges Porträt von ihm zu verfassen.
Augsteins fast 400 Seiten starkes Buch nähert sich seinem Gegenstand auf persönliche und sachdienliche Weise; erzählt und wiedergegeben werden zahl*reiche der Begegnungen zwischen Autor und Biografin, aber auch all die geschichtlichen Hintergründe, die zwischen diesen Gesprächen und um sie herum flirrend oszillieren. Dazu zählen ebenfalls die Zeitzeugenkommentare, auf die Augstein zurückgreifen kann: von Ralph Gior*dano beispielsweise, von Egon Bahr, Wolfgang Leonhard, Jean Améry und ihrem eigenen Vater, dem „Spiegel“-Verleger Rudolf Augstein, der mit Sem*prún den Geburtsjahrgang teilt.

Distanz, Dokumentation

Das Faszinierende an dem bio*grafischen Versuch der promo*vierten Historikerin, die als Re*dakteurin der Süddeutschen Zeitung arbeitet, ist vor allem zweierlei: Distanz und Dokumentation.* Denn sie begegnet Semprúns eigenen Aussagen mit dem nötigen Misstrauen, und der zeitgeschichtliche Rahmen gewinnt an Gewicht. Im Kern stellt das Buch, das, nebenbei gesagt, ausgezeichnet zu lesen ist, daher die Rekapitulation des jüngeren intellektuellen Europas dar. Franziska Augstein hält währenddessen Jorge Semprún, zumindest wie er ihr in den Gesprächen mit ihm, seinen Geschwistern, den Madrider Freunden erscheint, als Menschen auf der Kippe; unwillkürlich gewinnt man den Eindruck, dass er mehr als einmal Hauptfigur war in einem Höllenhimmelspiel.
Ein Foto zeigt Jorge Semprún 1992 vor den Toren Buchenwalds; seit 1945, heißt es in der Bildunterschrift, sei er nicht mehr dort gewesen. Den Mantelkragen hat er hochgestellt, den Schal eng um den Hals geschlungen. Wahrscheinlich friert er ob der Witterung, vielleicht aber erschauert er auch vor der Erinnerung an sein Leben, über das er etwa in einem Gedicht wie folgt geschrieben hat: „Es bleiben dies Nichts, dies Lachen, dieser alte Traum, es bleibt das Vor*haben aller Tage: trotzdem zu leben.“
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