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Stimmen der Toten - 49/2008

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Stimmen der Toten

Uwe Timm lässt in seinem neuen Roman die Toten in den Gräbern sprechen.

Von Stefan Neuhaus

Manche Neuerscheinungen sind, auch wenn sie unspektakulär daherkommen, ein Ereignis. Ein neues Buch von Uwe Timm zum Beispiel. Diese Erkenntnis hat sich allerdings erst seit dem Roman „Rot“ (2001) durchgesetzt; vorher galt Timm beim etablierten Feuilleton als Unterhaltungsschriftsteller.
In der Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ von 1993 (als Film nun in den Kinos) hatte Timm bereits die NS-Zeit aus der Perspektive der kleinen Leute dargestellt. Seinem neuen Roman „Halbschatten“ liegt ein ähnliches Konzept zugrunde, wieder ist ein Erzähler auf der Suche nach Geschichten aus der Vergangenheit. Zugleich schließt er jene Berlin-Trilogie ab, zu der vor „Rot“ bereits der humoristische, zu wenig beachtete Roman „Johannisnacht“ von 1996 gehört.
Ein Schriftsteller, Jahrgang 1940 wie Timm, lässt sich spätabends über den Berliner Invalidenfriedhof führen. Der Mann, der ihn begleitet, wird „der Graue“ genannt – eine mephistophelische Figur, Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Leben und Tod.
Die Toten in den Gräbern sprechen, und sie sprechen so, erläutert der „Graue“, wie sie auch als Lebende gesprochen haben. Die Schweigsamen schweigen und die Redseligen schwatzen drauflos. Stimmen aus der preußischen Geschichte werden laut, im Mittelpunkt steht aber eine Gegenfigur zu all den Militärs und Hitler-Getreuen, die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben – die Fliegerin Marga von Etzdorf. Timm verdichtet und spiegelt 250 Jahre deutscher Geschichte in einer Nacht, die Marga von Etzdorf, als sie in Japan gelandet ist, mit Christian von Dahlem verbringt. Dabei ist es keine Liebesnacht im herkömmlichen Sinn, es ist eine Nacht im Halbschatten, eine Nacht der Nähe durch Erzählen. Hierfür gibt es, angefangen mit den „Erzählungen aus den tausendundein Nächten“, berühmte Vorläufer; die zahlreichen intertextuellen Verweise werden noch viele Leser beschäftigen.
Marga, die wirklich gelebt hat, ist die Heldin des Romans, gerade weil sie eine Anti-Heldin ist. Im Alter von 25 Jahren nimmt sie sich das Leben, als sie, auf dem Weg zu einer Atlantiküberquerung, in Syrien eine Bruchlandung macht. Timm porträtiert sie als großartige Fliegerin, aber auch als Träumerin – weil sie manchmal mehr auf das Spiel der Wolken als auf die Richtung des Windes achtet, hat sie mehr Unfälle, als einer Frau in dieser Männerdomäne zugestanden werden.

Spannende Nebenhandlungen

Schon früh wird klar, dass es für Marga keine Hoffnung gibt. Spannung erzeugt der Autor durch das Wie der Handlung und durch die zahlreichen Nebenhandlungen. Die wichtigste Figur nach Marga und Christian ist der Mime Miller, der sich auf Schiller reimt, dessen Stücke spielt und seinen Namen wohl Schillers kanonischem bürgerlichen Trauerspiel „Kabale und Liebe“ verdankt, das ursprünglich „Luise Millerin“ heißen sollte. Miller, der kurz vor Kriegsende wegen eines Witzes an einer Laterne in Berlin aufgeknüpft wird, zeigt in seinem Wirkungskreis ebenso viel Format wie Widerstandsgeist.
Der Gang über den Friedhof ist ein Gang durch die Geschichte. Opfer, Angepasste, Unangepasste und Täter kommen gleichermaßen zu Wort, prominentester Vertreter des einst herrschenden Ungeistes ist Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamts und Organisator des Holocausts. Er ist der „schwarze Engel“, im Gegensatz zur fliegenden Marga, von der Miller sagt: „Sie kam wie ein lärmender Engel vom Himmel.“
Mit dem Motiv des Engels knüpft Timm an „Rot“ an und wird auf Walter Benjamins „Engel der Geschichte“ angespielt, dessen Blick zurück voller Entsetzen ist. Die große Stärke des Romans ist aber gerade nicht, dass er auf politisch korrekte Weise moralisch urteilt. Vielmehr zeigt die Heterogenität des Figurenpersonals, dass Geschichte nicht linear verläuft, nicht sinnhaft ist (der Sinn wird ihr erst nachträglich zugeschrieben) und die Deutschen der NS-Zeit weder ein Volk von Tätern noch ein Volk von Opfern waren.
Damit beschönigt Timm in keiner Weise das Geschehene – der Holocaust bleibt furchtbar und unfassbar in seiner Grausamkeit. Der Roman macht aber auf die Brüche in den Bio*grafien und die Umzulänglichkeiten der Menschen aufmerksam, die Geschichte machen oder eben nicht machen. Das Erzählkonzept ist offen, so wie das Leben, von dem wir nicht ganz zutreffend glauben, dass wir es sind, die seinen Verlauf bestimmen.
Timm hat einen der wichtigsten Romane über die deutsche Geschichte und zugleich eine der rührendsten Liebesgeschichten der Gegenwartsliteratur geschrieben. Das einfallslose Cover hat der Roman nicht verdient. Bleibt zu hoffen, dass es keine Leser davon abhält, mit Marga von Etzdorf in den Himmel zu fliegen.


Halbschatten
Roman von Uwe Timm
Kiepenheuer & Witsch 2008. 269 S., geb., € 19,50
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