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Am Rand der Finsternis - 49/2008

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Am Rand der Finsternis

Ursula Krechels Roman „Shanghai fern von wo“: Zeitdokument und Psychogramm.

Von Maria Renhardt

Eingepfercht im Schiffsbauch, neun Wochen lang, transportiert wie ein Heringfass oder eine Ladung Öl, umwölkt von einem Gemisch aus Angst, Kummer, Hoffnungslosigkeit und dem Bewusstsein, bitterarm geworden zu sein. So näherten sich mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges tausende Emigranten der Großstadt Shanghai, dem Tor zum chinesischen Reich, nachdem sie in Europa alles verloren und im letzten Augenblick eine teure Schiffspassage ergattert hatten. Aber nur so retteten sie sich vor der Deportation.
Shanghai, das selbst kaum dem Krieg entwachsen war, gerade seine Toten begraben hatte und sich wieder mit dem Überleben auseinanderzusetzen begann, war zu einem riesigen Auffanglager für Flüchtlinge aus verschiedensten Ländern geworden, zu einem Umschlagplatz für die „Ware Mensch“. Und jetzt? Nach der Ankunft suchte man Arbeit, eine Nische, etwas Gefragtes. Man musste warten lernen. Niemand wollte bleiben, „man lebte auf Abruf“, aber diese riesige Stadt spie niemanden mehr aus.
Ursula Krechel geht in ihrem neuen Roman „Shanghai fern von wo“ dem Schicksal der Juden in Shanghai nach und lenkt ihr Augenmerk ganz auf das Überleben der Flüchtlinge und auf die Zellen des Widerstands. Denn hier hat es in Wirklichkeit kein Untertauchen gegeben, sondern ein Absinken vom Status des Emigranten zum staatenlosen Ghettobewohner im Armenviertel Hongkew.
Krechel hat dazu vielfältig recherchiert. Sie ist nach Shanghai gereist, hat Berichte von Flüchtlingen gelesen, Archive durchforstet und Überlebende interviewt. Ihr Roman spiegelt ein dichtes Stimmengeflecht wider und zeichnet souverän die Matrix eines großen, dunklen Zeitgemäldes, durch das zahllose Emigranten ihre Spuren ziehen, wenn sie sich behutsam in die Geschichte schleichen und leise wieder verschwinden. Manche siechen ohnmächtig dahin, krank geworden vor Kummer und Heimweh, andere infizieren sich und sterben. Spuren verwischen, versanden.

Leben nach dem Ghetto

Franziska Tausig ist eine von jenen, die es geschafft haben, Arbeit zu finden, obwohl sie selbst nie einen Beruf erlernt hat. Gleich bei ihrer Ankunft kann sie einen Restaurantbesitzer davon überzeugen, dass sie backen kann, Apfelstrudel zum Beispiel. Später erfindet sie sogar die Frühlingsrolle.
Daneben gibt es den Buchhändler Lazarus, den Verbindungsmann für viele Emigranten. Seine Tonbandaufnahmen hat Krechel als authentisches Muster in die Geschichte gewoben. Er fungiert als Schlüsselfigur, weil bei ihm und seinen Zeitungen viele Fäden zusammenlaufen, bis zum Schluss, als er erbittert für die Wiedergutmachung kämpft, die den Heimkehrern verwehrt wird. Krechel hat, und das ist gut so, auch das Leben nach dem Ghettodasein im Blick. Denn nach Kriegsende geraten jene, die zwischen Elend, Selbstaufgabe und Anstrengungen, Unsicherheiten und Zukunftsängsten gewillt waren durchzuhalten, plötzlich in die Netze einer zweifelhaften Wohlfahrt. Dann geht der Papierkrieg los, die Anfechtungen der Haftentschädigungen und des Rechts. Lazarus „möchte die Reise bis ans Ende machen, und er weiß nicht, wo das Ende ist“.
Dieser Roman ist nicht bloß ein Zeitdokument gegen das Vergessen, in dem die Autorin nationalsozialistische Verbalstrategien seziert oder Fäden der Propagandamaschinerie entwirrt, sondern Krechel hat im kunstvollen und sensiblen Zusammenführen so vieler Perspektiven, Ebenen und Schicksale („Das Überleben war ein unnützer, unerwarteter Schnörkel.“) ein bildreiches Psychogramm des Überlebens entworfen. „Es war der Rand der Finsternis, über den man mit geröteten Augen gehen musste.“


Shanghai fern von wo
Roman von Ursula Krechel
Jung und Jung 2008
504 S., geb., € 29,90
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