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Ein Haus jenseits der Welt - 28/2007

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„Freilich, schön, schön!“
Kunstvoll gesponnen und unterhaltsam zu lesen: „Ein Haus jenseits der Welt“.
Von Martin A. Hainz

Gleich zu Beginn des eigenartigen Bandes Ein Haus jenseits der Welt von Georgi Danailov erfährt man zweierlei: dass sich die Geschichte hier ins Patchwork von Geschichten auflöst, dass aber auch die Topografie relativ wird. Hier „ist die Entfernung bis Sofia eigentlich egal“, und zwar nicht nur den Protagonisten … Denn es geht in „ein Dorf wie ein Märchen“.
Statt einer Topografie und einer sie universalistisch begründenden Philosophie geht es hierum, und mit der Erzählbarkeit auch um Heimat. „Das ist mein!“ Dieser Satz formuliert dies unmissverständlich – mit einem Hauch von Borniertheit, die aber allenthalben gebrochen wird. Ebenso das Pathos: Denn natürlich ist Heimat noch immer „die Geschichte einer großartigen Flucht“, die scheitert, deren „Scheitern … aber … nichts Grausames hat“.

Dach über dem Kopf
Heimat ist, ein Dach überm Kopf zu haben, was, wie das Buch lehrt, schon Sachverstand braucht, wo es keine Schindeln gibt. Man muss sich darauf verstehen, „die steinernen Ziegel auf dem Dach so (zu) legen, dass sie Tropfen fangen. So sagt man hier. Tropfen fangen. Das bedeutet, wenn das Dach irgendwo undicht ist und tropft, dann kommt der Tropfenfänger; er rückt die Platten so zurecht, dass es aufhört zu tropfen, und gefangen ist der Tropfen. Doch das ist eine schwere und gleichwohl feine Arbeit. Das kann nicht jeder. Erst mal, weil die Platten ihr Gewicht haben, man soll es nicht meinen, und zweitens, weil du sie so anordnen musst, so mit kleinen Steinplättchen abstützen, dass, wenn das Wasser von oben angeflossen kommt, es darüber hinwegrutscht und nirgendwo anhält, nirgends zwischen den Platten durchfließt.“ Handwerk, Empirie, Heimat …
Ähnlich unplatonisch ist alles in diesem Band, so, wenn bei einem Schauspiel plötzlich die Christen die Türken und umgekehrt spielen sollen – und das schließlich, wenn auch nicht ohne Widerwillen, es kam „zu einer gewissen Unruhe“, auch tun. Auch hier: (Handwerks-)Kunst, „die Kunst sprach ein vereinendes Machtwort“.

Ritual Schenkenbesuch
Ohne Glaubensgrund wird konvertiert, denn eine „Moira der Lässigkeit“, wie sie Adorno im balkanischen Österreich sah, herrscht hier: „Freilich, schön, schön!“ – Das ist hier „sowohl Einverständnis, Versöhnung als auch Mitgefühl“ ausdrückende Zauberformel. „Bin unterwegs zum Zahnarzt. – Freilich, ist doch schön, schön …“ Das ist das unmetaphysisch gewordene, darum aber den Alltag noch immer humanisierende Ritual, wie es der Besuch einer Schenke ist.
„Der Besuch der Schenke ist … auch ein Ritual. Ohne ihn verliert sich der Arbeitstag in Anstrengungen, Schweiß, Erschöpfung und freudlosem Dümpeln“ – kurzum: die Schenke ist das, was den „häusliche(n) Alkoholismus“ verhindert. Einen Hintergrund hat das Ritual nicht mehr, sowieso empfindet der Erzähler, „(n)ur der blinde Zufall“ könne dem irdischen „Gewimmel“ zugrunde liegen … oder aber, was kaum etwas anderes wäre, ein „Schöpfer … in völliger geistiger Umnachtung“.
Darum gibt es hier kleine Geschichten, kleine Glaubenswahrheiten, kleine Bedeutsamkeiten. „Nach langen Untersuchungen bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass es in Bulgarien keine Waldfeen gegeben hat“, so heißt es: „Es hat nur Bergfeen gegeben!“ So wird erzählt, auch von einem Tier, „so etwas wie ein Eichhörnchen, aber es ist kein Eichhörnchen; etwas wie eine große Maus, aber es ist keine Maus“ … der um Rat gefragte Alte sieht das Wesen und spricht: „So ein Tier gibt es nicht!“ Das Tierchen, das sich darob nicht zum nichtenden Nichts verheideggert, sondern fortzubestehen entschließt, wird schließlich als „Onufrie“ bezeichnet, „(e)in Drache war’s!“

Am Ende das Rätsel
Die großen Narrative scheitern an den kleinen Details. Dies eine der schönsten Passagen des Buches: „Warum zum Teufel noch mal ist es so, dass immer, wenn man sich einer großen Idee widmet, Kartoffelkäfer auftauchen?! Genau diese Frage zerstört die Einheit jeder Theorie über Moral.“ Am Ende bleibt das Rätsel, das Wunder … und immer wieder das Gespräch. Dem Autor unterläuft zwar auch die eine oder andere Plattitüde, doch großteils tragen die kunstfertig gesponnenen und gespannten Heimaten des Textes – und unterhalten glänzend.


Ein Haus jenseits der Welt
Von Georgi Danailov
Aus dem Bulg. von Ines Sebesta
Wieser Verlag, Klagenfurt 2007
330 Seiten, geb., € 21,60
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