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Böse Spiele - 19/2009

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Töten nach allen Regeln der Kunst

Neuer alter Geschlechterkampf: Michael Stavaric spannt den Bogen kühn zwischen Mythos und Popkultur.

Von Daniela Strigl

Gäbe es den Palmdieb nicht, Michael Stavariˇc hätte ihn für dieses Buch erfinden müssen. Gottlob aber hält die Natur für den zoologisch interessierten Romancier Tiere bereit, die wie Fabelwesen anmuten und dann auch noch poetische Namen tragen: der Palmdieb hat einen Panzer und Scheren und ist vom Aussterben bedroht, weil man ihn allzu leicht erlegen kann.
In „Böse Spiele“ baut Stavariˇc eine Welt künstlicher Natürlichkeit und zeitloser Archaik, einen Urwald aus Plastikpalmen, mitten in der Stadt. Die Geschichte, die er dort hineinsetzt, beginnt unspektakulär: als dreieckige Beziehungskiste. Das erzählende Ich liebt eine Frau, die einem andern gehört, einem unsympathischen Zeitgenossen namens Robert. Dennoch lässt sie sich mit dem Erzähler ein, nicht ohne mit Bestrafung durch Robert zu drohen: „Der wird dir dein dreckiges Grinsen schon ebnen! Der macht kurzen Prozess mit dir! Der wird dich leiden lassen! Das wird ein böses Spiel.“ Verstehe einer die Frauen. Bald nämlich überwiegt bei der Geliebten die Sorge: „Du bist mein Palmdieb, sagt sie. Du musst viel besser auf dich achtgeben.“ Und dann verlangt sie vom Erzähler, er solle Robert töten, nicht bloß effizient, sondern con brio und nach allen Regeln der Kunst.
Weil er nicht mitspielt, bleibt sie diejenige, die den Ton angibt. „Am Tag darauf stehen wir unter einer roten Plastikpalme, sie trägt ihr Herz links, wo es hingehört, und ich trage es viel zu weit oben, zu nahe am Kopf und immer habe ich dieses Gefühl, es müsste besser sitzen.“
Zum Glück gibt es noch „die Andere“, ein Mädchen vom Lande, das sein Herz ohne Wenn und Aber dem Erzähler schenkt. Irgendwann bricht er die Belagerung der entscheidungsschwachen Stadtfrau ab und folgt dem ländlichen Lockruf der Liebe. Nun könnte alles eitel Wonne sein, würde nicht aus dem „bösen Spiel“ zwischen einzelnen ein veritabler Krieg der Geschlechter wachsen, der unter einem leeren Himmel mit antiker Wucht und homerischer Grausamkeit ausgetragen wird – nach Landsknechtart, mit Lanzen, Sensen und Morgensternen. Der Ich-Erzähler findet sich an der Seite seines schönen Naturkinds als Quotenmann im Amazonenheer, während die Frau aus der Stadt wenig überraschend Roberts Partei und damit die der Männer ergriffen hat.
Mit der Wahl der Motti (das eine von der Rockgruppe „No Doubt“, das andere aus der Ilias) hat Stavariˇc seinen Text kühn zwischen Mythos und Popkultur gespannt, mit der Wahl einer markanten poetischen Sprache hat er eine Attacke auf den Seelenfrieden seiner Leser – und Leserinnen – unternommen: Die Häufung kopfloser Gliedsätze erzeugt einen suggestiv fordernden Rhythmus, der förmlich zur unsittlichen Bedrängnis wird. Dass man die Ilias nicht mit Doppel-L schreibt, dass ein Mann in der Schlacht selten ein Schild trägt, viel eher einen Schild, dass er sich (zumindest hierzulande), wenn sein Leben auf Messers Schneide steht, nicht den Schneid abkaufen lässt, sondern die Schneid, sei der guten Schlachtordnung halber angemerkt.

Menschliche Archetypen

Apropos Geschlecht: Der Sexus regiert diese Welt. Was an Klischees im verbalen Geschlechterkampf so im Umlauf ist, nimmt der Autor hier unter die Lupe. Nicht Psychologien interessieren ihn, sondern menschliche Archetypen, Getriebene ihrer Triebe. Viel Dunkles haben Männer und Frauen sich zu sagen, und viel Unsinn ist dabei. Mit „Böse Spiele“ hat Michael Stavariˇc das Kunststück vollbracht, ein Epos aus zweiter Hand zu erzählen, das eine mythische Leuchtkraft entfaltet, ohne seinen Imitatcharakter zu verleugnen: ein Buch sui generis – wahrscheinlich sein bisher bestes.


Böse Spiele
Roman von Michael Stavaric
C. H. Beck 2009. 154 S., geb.,
Euro 17,40
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