ro ro

Navigation
Literaturkritik | Filmkritik | Dossiers | Suchen
You do not have permission to download files

Ein anderes Leben - 19/2009

Herunterladen
Wie konnte es so schlimm werden?

Per Olov Enquist erzählt den Roman seines Lebens.

Von Evelyne Polt-Heinzl

Manches aus der Geschichte des nordschwedischen Dorfes Hjoggböle, in dem Per Olov Enquist aufwuchs, ist für Leser seiner Romanwelten vertrautes Terrain. Der siegreiche Hammerwerfer, der seinen ausgehöhlten Hammer bereitwillig den Konkurrenten weiterreicht („Der Sekundant“, 1971), die sozialen Kämpfe zu Beginn des 20. Jahrhunderts im nahen Sägewerk („Der Auszug der Musikanten“, 1978), die Geschichte der vertauschten Babys („Kapitän Nemos Bibliothek“, 1991) oder die charakterlichen Verbiegungen der strenggläubigen Erweckten-Bewegung („Lewis Reise“, 2003). Nun erzählt Enquist den Roman seines Lebens und liefert damit zugleich einen sprachlich wie thematisch fein gewobenen Leitfaden durch das Stoffreservoir seines Werkes.

Strenggläubige Mutter

„Wenn alles so gut ging. Wie konnte es dann so schlimm werden?“ Das ist die leitmotivische Frage, die sich Enquist im Rückblick stellt. Und die Fatalität liegt im „wenn“, denn die Behauptung, dass es „so gut ging“, entstammt der Perspektive der strenggläubigen Mutter, die der Sohn wohl allzu lange geteilt hat. Da der Vater kurz nach seiner Geburt stirbt, wächst er allein mit ihr auf und dem schweren Erbe, den Vater wie den im Säuglingsalter verstorbenen Erstgeborenen zu ersetzen. Als Sohn der Dorfschullehrerin ist er bildungsmäßig ein privilegiertes Kind, aber auch ein sozial isoliertes und ein besonders braves, das seiner Mutter Freude macht und dem bei den wöchentlichen Bekenntnis-Ritualen kaum ein Vergehen einfallen will.

Vieles verboten

Dabei ist so vieles verboten oder zumindest suspekt, Ketchup zum Beispiel, Alkohol und Tanzen sowieso, aber auch Sport, Fußball zumal. Deshalb versucht Enquist später eine Karriere als Profisportler, zwar nicht im Fußball, ein Mannschaftsspieler ist aus dieser isolierten Kindheit schwer herauszumodellieren, aber als Hochspringer, der es bis zum Ausscheidungskampf um die Olympiaqualifikation schafft. Eine Sünde ist es auch, etwas „hinzuzudichten“, wobei dem wachen Kind früh auffällt, dass dieses Verbot nicht für Erweckungsgeschichten gilt. Der mütterliche Berufswunsch Prediger oder „Künder“ scheint ihm daher durchaus erstrebenswert: „In den kleinen Dingen das Große sehen“, das wird späterhin als Schriftsteller tatsächlich sein Programm.
Als der junge Student nach Uppsala kommt und seine erste Unterkunft zufällig mit einem jungen Mann namens Lars Gustafsson teilt, dauert es noch einige Zeit, bis die Verkrustungen aufbrechen können, auch weil er mit dem Profisport gewissermaßen in zwei Welten lebt, die schwierig zu vereinen sind, zumal in politisierten Studentenbewegungszeiten. Er beginnt für Zeitungen zu schreiben, seine ersten Bücher erscheinen, den internationalen Durchbruch bringt 1968 der Dokumentarroman „Die Ausgelieferten“ über eine wunde Stelle in der jüngsten Vergangenheit Schwedens. Neue Möglichkeiten – auch soziale – eröffnet ihm die Arbeit für das Theater, sein erstes Stück wird gar am Broadway groß herausgebracht – und fällt durch. Trotzdem wird er zum meistgespielten Theaterautor Schwedens, Roman auf Roman erscheint.
Doch dann folgt der Absturz, Schreibkrisen, Depression und Alkoholismus, aus dem er erst nach einer langen Reihe erfolgloser Entziehungskuren wieder herausfindet – auch mit der Arbeit am Roman seiner Kindheit. Per Olov Enquist ringt geduldig und mit sprachlicher Sorgfalt um seine Erinnerungsbilder und auch um Gerechtigkeit für alle, die in seinem Leben eine Rolle gespielt haben. Seine poetischen Denk- und Entwicklungsschleifen zeigen, wie schwer es ist, sich als Mensch und Schriftsteller aus Herkunftsprägungen wie Zeitgeistdiktaten herauszuschälen.


Ein anderes Leben
Von Per Olov Enquist.
Aus dem Schwed. von Wolfgang Butt
Hanser 2009. 543 S., geb.,
Euro 25,60
You do not have permission to download files


DownloadsII 5.0.4 by CyberRanger & Jelle
Based on ecDownloads 4.1 © Ronin



Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  16:40:00 07.15.2005