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Ausgehen - 27/2009

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Bernhard geht clubben

Thomas Bernhards „Gehen“ verwandelte Barbi Markovic in „Ausgehen“.

Von Alfred Pfabigan

„Gehen“, ein metaphorisch hoch aufgeladenes Wort, ist den „Geistesmenschen“ des Thomas Bernhard ein mildes Antidepressivum: während man über die unbeschreiblich triste Klosterneuburgerstraße geht, klärt man die Probleme der Welt mit hochgespannten Überlegungen und bezichtigt Gott, die Welt und den österreichischen Staat. Doch der damit verbundene diskursive Balanceakt ist riskant und kann auch „schief-gehen“. Solches widerfährt Karrer, einem jener misanthropischen, alles und alle durchschauenden Genies Bernhards, der am „Höhepunkt seines Denkens“ in einem lächerlichen Streit definitiv die Wahnsinnsgrenze überschreitet und von nun an sein Leben im schmutzigen Pavillon VII der Irrenanstalt Am Steinhof fristen wird.

Adaption durch Remix

„Gehen“, das ist Thomas Bernhard „at his best“. Der Text ist 1971 erschienen und hat ein Überlebensproblem: die subtextuellen Anspielungen auf Österreichs Vergangenheit und die unzeitgemäße Konstruktion der Figuren mit ihrem beiläufigen Rekurs auf Versatzstücke aus Schopenhauer und Nietzsche – greift das heute noch? Die ursprünglich alternative Musiks*zene hat ein mittlerweile etabliertes Verfahren entwickelt, das die zeitgebundenen Songs einer Billie
Holiday oder eines Johnny Cash der heutigen Jugendkultur adaptiert hat: den Remix. Und das hat Barbi Markovi´c mit „Gehen“ getan. Aus Wien, der Stadt mit dem angemaßten Geistesanspruch, wurde das postsozialistische Belgrad, „Gehen“ mutierte zu „Ausgehen“. Man geht nicht mehr auf der tristen Klosterneuburgerstraße spazieren, sondern frau geht aus: in die angesagten Belgrader Clubs, die es an Tristesse, institutioneller Verlogenheit und Eitelkeit durchaus mit dem Wiener Geistesleben aufnehmen können. Auch Bojana, das Belgrader Pendant zu Karrer, ist mit jener extremen Empfindlichkeit ausgestattet, jener Mischung aus Überlegenheitskomplex und Selbstdestruktivität, die Bernhards Geistesmenschen kennzeichnet.
Doch ist es nicht eine moralisierende Intellektualität, die sie antreibt, sondern die ästhetische Selbstverpflichtung einer, die das Clubbing und das Party-Gehen als Lebensform ernst nimmt. Geisteskälte – Geistesschärfe, nein, man ist verpflichtet, cool und sharp zu sein und ein perfektes Styling zu haben. Die Belgrader Clubszene mit ihrem Anspruch auf „Originalität, Kultur und Kreativität“ ist unter dem „bösen Blick“ der Bojana „Trash“, zusammengehalten von Alkohol und Drogen, dominiert von „durchschnittlichen, textilentstellten, wertlosen Belgradern, die die Rolle eines Clubbers spielen“, die aber eine „Profi-Blasiertheit“ auf internationalem Niveau praktizieren.
Bojana durchschaut das alles, doch genau wie Bernhards Figuren ist sie zum rettenden Akt des „Weggehens“ nicht imstande. Und so dreht sie immer höher, verliert am Höhepunkt des Clubbens die Balance, flippt aus, steigt vor laufender Kamera auf die „stage“, und sagt den Alphatieren der Clubberszene und Raverinnen die Meinung. Das ist ihr sozialer Tod, aber sie endet nicht im Irrenhaus, sondern hängt von nun an „tot wie eine tote Kuh“ vor der Glotze, unheilbar, wie ihr Vorgänger Karrer.

Parallellektüre

Die zeitgenössische Literatur ist nicht arm an Imitationen Bernhards. Diese allerdings hat es verstanden, Wien nach Belgrad zu verlegen, den Konstellationen von „Gehen“ nachvollziehbare Analogien zu schaffen, sie bleibt am Original und lässt eine – manchmal seitenidente – Parallellektüre zu. Und vor allem hat die Übersetzerin Mascha Dabic den speziellen „Bernhard-Sound“ exakt getroffen. Sollten allfällige Bernhard-Puristen empört sein: Ein Remix ist keine Denkmalschändung, sondern auch ein kleiner Schritt in die Unsterblichkeit.


Ausgehen
Von Barbi Markovic
Aus dem Serb. von Mascha Dabic Suhrkamp 2009
96 S., kart.,
12,40
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