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Der Argentinier - 27/2009

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Ausgezogen, ein Gaucho zu werden

Klaus Merz erzählt das Leben eines Grossvaters.

Von Maria Renhardt

Der alt gewordene Argentinier klemmt sich eine Rose aus dem Brautkranz in den linken Mundwinkel, wirft seine Schultern zurück und legt mit seiner frisch vermählten Enkelin einen atemberaubenden Tango aufs Parkett. Diese Erinnerungsminiatur schiebt sich nach dem Tod des Großvaters in Lenas Gedächtnis.
Der Schweizer Schriftsteller Klaus Merz hat in seiner jüngsten Novelle mit dem schlichten Titel „Der Argentinier“ das Leben eines Mannes porträtiert, der sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in den Kopf gesetzt hat, in Südamerika ein Gaucho zu werden, weil er der alten, auf Grund gelaufenen Welt den Rücken kehren will. Nach zwei Jahren kommt er zurück, heiratet und wird Schulmeister. In Argentinien hat er es nur zu einem passablen Tangotänzer gebracht.
Merz spinnt hier ein feinsinniges Netz von Erzählebenen, die immer wieder gebrochen und neu zusammengefügt werden. Ein Bündel von Lebensfäden – sorgsam verknotet – entrollt sich sukzessive, erst langsam erschließen sich durch diesen narrativen Kunstgriff die einzelnen biografischen Splitter und fügen sich zu einem runden Ganzen. Wie immer geschieht dies bei Merz in einer äußerst knappen, stark reduzierten Sprache. Merz changiert hier sicher mit Spielarten des Lebens, in die die Grammatik des Aufbruchs samt bewusster Verweigerung des Konventionellen, Wurzeln und Liebe geflochten sind.

Spielarten des Lebens

Bei einem Klassentreffen kommt die Rede auf den Schulmeister. Während die Enkelin zu erzählen beginnt, gerät einer in den Sog dieser Geschichte und wächst als Zuhörer in dieses Lebensmuster hinein. „Vielleicht, dass uns etwas aufginge. Einmal. Per Zufall. Für immer.“ Dieser Wunsch, ein Menetekel, füge sich nahtlos in den Lebenslauf des Großvaters ein. Warum er nicht Goldgräber in Alaska geworden sei, statt mit einer lärmenden Schulklasse den Berner Bärengraben hinabzusteigen, fragt sich die Enkelin. Sein Leben scheint in der Heimat unspektakulär geworden zu sein, und doch wird er als Persönlichkeit wahrgenommen. Später, nach dem Tod seiner Frau, lebt er im Altersheim und kann sich mit vielem nicht mehr identifizieren.
Merz imprägniert die Gedankenwelt seines Protagonisten mit dem Unterfutter der Zivilisationskritik: „Als er durch die nahe Stadt gegangen sei, … sei er zuerst das Gefühl nicht mehr losgeworden, die drängenden Bilderfluten und unermüdlichen Aktivitäten schlügen den Menschen ihre Augen wie Nägel in die Köpfe zurück. Oder spülten sie aus den Höhlen heraus wie glitschige Marmeln.“ Diese neue Welt beobachtet er als Außenstehender, als einer, der sich aus ihr zurückgezogen hat, weil er nie in sie hineingefunden hat. Er bedauert das „seelische Ödland“, die fehlende Achtsamkeit und den „vermeintlich globalen Blick“.
Erst nach seinem Tod schließt sich der Kreis und die Spur führt erneut nach Argentinien zur Tangotänzerin Mercedes, geknüpft als loses Band über den Atlantik zu einer zweiten Tochter.
Mit der indirekten Figurenzeichnung, die fast durchwegs im Konjunktiv gehalten ist, gelingt es Merz, eine Dimension der Distanz einzuschleusen, die er durchaus auch mit Ironie auflädt. Auf diese Weise zeigt er hier die stille und zugleich subtile Annäherung einer Enkelin an ihren Großvater, für den die Liebe zum Katalysator wird: Liebe muss oft untertauchen, „um in der Tiefe wieder neuen Schwung zu holen“.


Der Argentinier
Novelle von Klaus Merz
Haymon 2009, 98 S., kart., € 14,90
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