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Vision - 38/2009

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Die heilige Frau vom Rupertsberg

Die deutsche Autorenfilmerin Margarethe von Trotta hat sich in „Vision“ der Gestalt der Hildegard von Bingen authentisch angenommen.

Von Otto Friedrich

Fastenkuren mit Ingwer-Ausleitungskeksen. Hildegard-Medizin. Dinkel als Ausgangspunkt gesunder Ernährung. Eine kosmische Welt- und Menschensicht: Der Boom um Hildegard von Bingen hat längst seinen Höhepunkt überschritten. Vor zehn Jahren, genauer um 1998, als der 900. Geburtstag der Jahrtausendfrau begangen wurde, erschienen meterweise Bücher über sie und die aus ihrem Wirken abgeleiteten Lehren. Hildegard-Schau, Hildegard-Musik, Hildegard Mystik – all das lag im Trend und belebte den Buch- und Esoterik-Markt, aber auch die Programme katholischer Bildungshäuser.

Eine kränkliche Powerfrau

Und in der Tat: Was von dieser kränklichen und von Vision gepeinigten Frau überliefert ist, ergibt tatsächlich massenweise Stoff für vielfältige Auseinandersetzung: Mystikerin, Theologin, Seherin, Äbtissin, Wissenschafterin, Dichterin, Musikerin, Ärztin, Gesprächspartnerin von Päpsten, Bischöfen, Kaisern, Königen, Ratgeberin für die Menschen – all das firmierte die nie heilig gesprochene Heilige bei Zeitgenossen wie bei Biografen.
Vielleicht hat es gut getan, dass Margarethe von Trotta, eine der wichtigsten deutschen Autorenfilmerinnen, den Hildegard-Hype der 90er Jahre verstreichen ließ, bevor sie ihren Film „Vision“ über die außergewöhnliche Frau aus dem Hochmittelalter in Angriff nahm. Die kollektive Erinnerung an Hildegard ist jetzt ja noch nicht erloschen. Und doch wird heute kaum jemand an Dinkel-Weiblein oder Gesundmach-Tränke denken, was am Höhepunkt der Hildegard-Mania hätte passieren können.
In geradezu schlichter Weise hält sich von Trotta an das, was man heute von Hildegards Leben weiß; sie versucht mit dunklen Farben wie mit der Musik – darunter die sperrige wie eingängige Melodik von Hildegard –, in der Bewegung und in den Locations eine kräftig-düstere Prise Mittelalter ins Kino zu bringen.
Das gelingt ihr – auch wegen der aufregenden Besetzung: Barbara Sukowa – Trotta-Star seit deren Filmerstling „Die bleierne Zeit“ (1981), wo die Sukowa die RAF-lerin Gudrun Ensslin gibt – spielt die Titelrolle überzeugend. Heino Ferch steht ihr im Part des Mentors Volmar wenig nach, ebenso Hannah Hertzsprung als Gefährtin Richardis von Stade. Auch in den kleineren Rollen wird große Filmschauspielkunst geliefert: Sunnyi Melles als Richardis’ Mutter, Alexander Held als Abt und Gegenspieler Kuno, gar nicht zu reden von Annemarie Düringer, die trotz eines bloß einzigen Auftritts als Schwester-Äbtissin Tengwich nachhaltig in Erinnerung bleibt.

Visionärin und Ratgeberin

„Vision“ erzählt von der achtjährigen Hildegard, die ins Benediktinerstift Disibodenberg bei Bingen am Rhein eintritt, wo Abt Kuno ein eisernes Regiment führt. Hildegard kommt unter die Fittiche der Nonne Jutta von Sponheim, die die Musik Hildegards fördert und ihrer geistlichen Tochter ein enormes (Lebens-)Wissen weitergibt, das Hildegard ihrerseits vermehrt. Erst zögerlich wagt es Hildegard – nach Juttas Tod wird sie deren Nachfolgerin als Mentorin der Ordensfrauen auf dem Disibodenberg –, ihre Visionen bekannt zu machen, ihr Mentor Volmar bestärkt sie dabei.
Durchaus in der Historie bleibend erzählt Margarethe von Trotta unaufgeregt auch eine Emanzipationsgeschichte: Hildegard verlässt gegen alle Widerstände von Abt Kuno den Disibodenberg und baut 1150 ihr eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen auf – unter großen Schwierigkeiten. Aber letztlich hat das unerhörte Unterfangen Erfolg: Frauen, die sich der Herrschaft der Männer entziehen – das gelingt in dieser Zeit nur einer wirklich Großen. Auch die berührende Szene, bei der Hildegards Singspiel „Ordo Virtutum“ von den Nonnen in weißen Seidengewändern ohne Schleier gesungen und getanzt wird, ist historisch verbürgt.
Doch als ihre Gefährtin und Schülerin Richardis von Stade in ein entferntes Kloster versetzt wird, gerät Hildegard in eine tiefe Krise, die sich in einer todähnlichen Starre manifestiert. Doch einmal mehr geht die Äbtissin und berühmte Lehrerein gestärkt daraus hervor, Kaiser Friedrich Barbarossa fragt sie ebenso um Rat wie andere Celebritys jener Zeit.
Margarethe von Trotta hat sich in „Vision“ auf Wesentliches beschränkt. Ihr Film stellt eine konzentrierte Auseinandersetzung mit Hildegard von Bingen dar, abseits von esoterischer Schwärmerei fürs ach so ursprünglich echte Mittelalter. Auch dass der Film an „authentischen“ Orten, den Klöstern Maulbronn in Baden-Württemberg und Eberbach in Hessen, gedreht wurde, trägt zu seinem Reiz bei.
„Der Film sollte nicht wirken wie die Heiligenbildchen, die man in die Bibel oder ins Gesangbuch steckt“, erklärte Regisseurin von Trotta in einem Interview. Eine Ansage, der „Vision“ ganz und gar gerecht wird.


Vision
Aus dem Leben der Hildegard von Bingen

D 2009. Regie: Margarethe von Trotta. Mit Barbara Sukowa, Heino Ferch. Verleih: Filmladen. 110 Min. Ab 24.9.
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