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Am Morgen des zwölften Tages - 36/2009

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Tradierte Ansichten

Orient und Okzident sind in Vladimir Vertlibs unbequemem Buch auch hinsichtlich der „dunk*len Seiten“ ihrer tradierten Ansichten und Ideologien verbunden.

Von Beatrix Kramlovsky


Wieder wählt Vladimir Vertlib seine erfundene bayrische Universitätsstadt Gigricht als Bühne für sein umfassendes Themengeflecht. Wieder ist es ein sehr politisches Buch, das genügend Diskussionsstoff zum Konflikt zwischen christlicher und muslimischer Welt liefert.
Das erste Drittel befremdet und verstört manchmal ganz gehörig. Warum das Buch so konstruiert wurde, ergibt sich jedoch bald. Vertlib lässt den Leser auch nicht völlig allein mit den vielen Negativa – der Roman versammelt zahlreiche unerfreuliche Beispiele aus dem Zusammenleben von westlichen und orientalischen Menschen –, er bietet auch eine schlüssige Erklärung für die elementaren Unterschiede der zwei Religionen und Kulturen. Vertlib hat dabei einiges riskiert: Er liefert genügend Munition für alle politischen Lager, zeigt nicht nur die Bürde der Vergangenheit, sondern auch die Ähnlichkeiten mancher Systeme und geschichtlicher Situationen.

Buch im Buch

Konventionell folgt der Autor zwei Erzählsträngen. Er benutzt die alte Idee des Buchs im Buch: Die Tagebuchnotizen eines verstorbenen Großvaters werden von der Heldin gelesen und redigiert. Auf diese Art verflicht er die Gegenwart in Gigricht mit der Nazizeit um 1941, allerdings, und das ist das Spannende, ist der städtische Gegenpol zur bayrischen Spießerstadt – Bagdad, knapp vor und während der Er*oberung durch die Briten.
Vladimir Vertlib ist sowohl des deutschen als auch des österreichischen Idioms mächtig, in diesem Buch benutzt er das Österreichische eher als gemütlichen Exotiktouch, das deutsche Klischee bedienend. Was dem Autor trotz dieses kleinen Ärgernisses wunderbar gelingt, ist die Stimme, die er der Heldin verleiht, einer alleinerziehenden Frau von 39 Jahren, die, zutiefst verletzt, versucht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – mit Männern, die immer die Falschen sind.
Jasmin Heisenberg hatte sich während eines Urlaubs auf eine Liebe eingelassen, die sie für ihr Leben prägt: Ein hinreißender junger Araber liebt sie ausdauernd zwei Wochen lang. Dann verschwindet er kommentarlos. Schnell findet sie heraus, dass er sie belogen hat und unauffindbar ist. Außerdem hat er sie geschwängert.
Das Schreckensszenario jedes flügge werdenden Mädchens ist für Jasmin noch schlimmer, denn sie hat eine Alkoholikerin als Mutter und einen schwärmerisch angehimmelten toten Großvater, der als Orientalist und Universitätsprofessor in Gigricht hohes Ansehen genoss, bis seine Vergangenheit als Mitläufer und Naziwendehals publik wurde.
Jasmin wird eine starke Frau, sie versucht, mit dem Verdrängten einigermaßen erfolgreich zu leben. Vertlib modelliert einen überzeugenden Typus, den man gern haben muss – trotz oder wegen ihrer Verrücktheiten. Denn Jasmin sucht die Nähe zu arabischen Männern, was aus unterschiedlichen Gründen oft schiefgeht. Die Tochter Petra, selbst mit einem jungen Spießer erster Güte liiert, kennt die Nationalität ihres Vaters nicht, ist ein Fels im ruhelosen mütterlichen Leben (nomen est omen), ein Kind, das deren Revoluzzertalent mit penetranter Angepasstheit auszugleichen versucht.

Verstecktes und Verdrängtes

Vertlib konfrontiert mit den Vorurteilen und Feindbildern der Gesellschaft, die oft genug ja bestätigt werden, wenn christliche Frauen muslimische Männer ehelichen. Er begleitet Jasmin zu einer Gruppe betroffener Frauen, er listet Fehlverhalten auf, das sich teilweise wie ein Protokoll eines Frauennotzentrums liest. Wer schon gegen Mischehen und vor allem antimuslimisch eingestellt war, wird sich bestätigt sehen. Aber mit dem alten Tagebuch werden die Parallelen klarer, zeigen sich die „dunklen Seiten“ von tradierten Ansichten und Ideologien. Das macht Vertlib sehr geschickt, denn er lässt den Großvater sprechen, sehr stimmig übrigens, holt die Vergangenheit zurück und stellt sie plastisch und dramatisch direkt neben die Gegenwart Jasmins.
Der Einseitigkeit, mit der Vertlib Muslime in Deutschland beschreibt, stellt er die Einseitigkeit des Tagebuchs gegenüber. Ein Konzept, das irritiert und mitreißt. Wunderbar in Vertlib-Manier sind wieder manche kleinen Szenen, komisch, grotesk und berührend zugleich. Es ist neben aller politischer Brisanz auch ein Roman über Männer und ihre Rollen in Frauenleben: vielschichtig, manchmal überfrachtet, manchmal ermüdend und gewollt plakativ. Aber es ist ein wichtiges Buch, dessen etwas abrupter Schluss einlädt, die Geschichte weiterzuspinnen.

Am Morgen des zwölften Tages
Roman von Vladimir Vertlib. Zsolnay 2009. 560 S., kart., € 25,60

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