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Was wird/Schlafende Hunde - 40/2009

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Hindernisse und ihre Überwindung

Zwei Erzählbände über Liebe, der die Verhältnisse entgegenstehen: zwei völlig unterschiedliche Zugangs- und Erzählweisen.

Von Anton Thuswaldner

Die zeitgenössische Literatur wird heimgesucht von der A. L.-Kennedy-Konstante des menschlichen Unglücks. Am Anfang allen Leidens steht die Liebe. Was immer auch die Menschen in den Erzählungen der schottischen Autorin vornehmen, sie scheitern, weil sie die Liebeshürde nicht bewältigen.
Die Tragödie des Menschseins wird unterlaufen von der Marko-Martinschen Variablen des menschlichen Widerstands. Bevor das Schicksal übermächtig wird, weichen Martins Figuren aus und probieren ein Gegenleben quer zu den Vorgaben der offiziellen Verordnungen. Über den Figuren von Kennedy bricht die Welt zusammen, Rettung gibt es nirgendwo. Sobald über Martins Helden die Welt zusammenbricht, räumen diese kurzerhand die Trümmer beiseite. Wenn schon von außen Rettung nicht kommt, dann kümmern sie sich doch selbst darum, dass sie ein kleines Stückchen vom Glück, und sei es auf Zeit, erhaschen.
Marko Martin hängt seine DDR-Vergangenheit nach, jetzt lädt er sie seinen Figuren auf, die erst einmal fertig werden müssen mit all den Geschichtslasten. Es gibt kein leichtes Leben im falschen Zeitalter. Einig sind sich A. L. Kennedy und Marko Martin – beide sind Spezialisten für Liebe, die zu sich selbst nicht kommen darf, weil die Verhältnisse dagegenstehen – darüber, dass der Einzelne gebremst wird von einem Bündel Einschränkungen. Bei Kennedy stellen sich gesellschaftliche Konventionen und individuelle Hemmungen, private Miseren und verkorkste Psychen gegen die Verwirklichung der Leidenschaften, bei Martin wachen restriktive politische Systeme über die rechtzeitige Krümmung eines jeden aufrichtigen Lebens zu fügsamen Häkchen.
Die Kennedysche Konstante besagt, dass ein jeder ein psychisches Wrack ist. In ihren Erzählungen schafft sie dafür reichlich Belegmaterial herbei. Sie findet dafür Sätze, die prägnant und unmissverständlich zum Ausdruck bringen, dass der Einzelne keine Chance hat. Menschen finden nicht zueinander, sie sind verdammt dazu, als Einzelgänger durch die Welt zu gehen. So ergeht es jenem Paar, das die Möglichkeit verspielt, miteinander ein erträgliches Auskommen zu finden: Der Bürgersteig „schwankt spielerisch unter ihren Füßen und schüttelt entweder den Mann auf die Frau zu oder sie beide auseinander. Sie können sich nicht entscheiden, was unerträglicher ist.“ Das zum Stand der Liebe im Geiste von A. L. Kennedy. Ihre Erzählungen setzen ein, wenn alles schon gelaufen und nichts mehr zu gewinnen ist.

Geschädigt von der Politik

Die Figuren in den Erzählungen von Marko Martin sind geschädigt durch die Politik. Sie holen sich alle Freiheiten abseits davon im prallen Leben. Norbert Karuseit reist nach dem Zusammenbruch der DDR nach Nizza und bewundert den Transvestiten Cocaine, „wenigstens eine, eine einzige, die den Mut fand, sich jeden Abend neu zu erfinden“. Bei Kennedy treffen wir auf die durchschnittlich gemäßigte westliche Katastrophenstimmung, bei Martin auf den unbedingten Willen, sich freizuschaufeln aus der Misere. Das verleiht den Geschichten etwas hemdsärmelig Robustes.
Noch ist er da, dieser Glaube, Hindernisse überwinden zu können. Kein Wunder, Martins Figuren haben ideologische Systeme überwunden oder tricksen sie aus. Was in der Politik möglich ist, das muss ihrer Meinung nach auch im Privaten durchsetzbar sein. Die Obrigkeit, das sind die anderen. Das sehen die Menschen, denen der Erzähler im Iran begegnet, genauso. Sie führen ein geheimes Leben der Freizügigkeit im Verborgenen. Sie meiden Leitungswasser, weil es vergiftet sein könnte: „Alles, was vom Staat kommt, ist so.“ Der Wein gelangt über die Türkei in den Iran („seit es mit dem Irak aus ist“). In einem schummrigen Club finden homosexuelle Orgien statt. Überhaupt steht Homosexualität bei Martin für das Widerstandspotenzial gegen die Politik.
Bei A. L. Kennedy wird man das Widersetzliche der Erotik vermissen. Körper und Geist sind erschöpft und ausgelaugt. Es gibt nichts, was ihre Figuren noch aus der Reserve locken könnte. Sie erzählt von Niederlagen mit derartig anmutiger Grausamkeit, dass sie alle Argumente auf ihrer Seite hat. Das Manko bei Martin besteht darin, dass er immer eine Spur zu verkrampft auftritt, als wäre er in Sorge, dass er nicht ganz echte Literatur abliefern würde, wenn sich seine Prosa leichtfüßig und geschmeidig vorwärts bewegte. Das ist schade, denn der Autor hat etwas zu sagen.


Was wird
Erzählungen von A. L. Kennedy, aus dem Engl. von Ingo Herzke. Wagenbach 2009. 220 S., geb., € 20,50

Schlafende Hunde
Erzählungen von Marko Martin, Eichborn/Die andere Bibliothek 2009. 382 S., geb., e 32,90
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  14:53:48 07.15.2005