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An den Mond/Auf der Wanderschaft - 05/2010

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Unterwegs als Stadtstreicher, Flaneur und Pilger

Julian Schutting begibt sich auf Wanderschaft und in seinem Lyrikband „An den Mond“ auf die Doppelbödigkeit des klassischen Terrains.

Von Maria Renhardt

Mit einem Euro in der Hosentasche frühmorgens ohne Frühstück losziehen, über den Zaun eines Gartens gefallene Nüsse aufsammeln, als Wanderproviant einstecken und plötzlich das Lebensgefühl eines Stadtstreichers erahnen, bevor man Bäckereien und Supermärkte abwandert, um mit Gratis*kostproben den ersten Hunger zu stillen.
Julian Schutting greift in seinem jüngsten Prosaband „Auf der Wanderschaft“ kuriose Gedankenexperimente auf, wenn er das Gehen mit all seinen Facetten in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellt. Das Herumziehen und Wandern kennt man als zentrales Motiv der Romantik und es ist, so scheint es, in seinem ursprünglichen Sinn aus der Mode gekommen. Trotz Sehnsucht nach Unberührtheit und Natürlichkeit gehört ruheloses Fernweh samt Abenteuerlust heute oft dem Exzentriker.

Meditation über das Gehen

Schuttings Texte stoßen hier in ein Vakuum und lesen sich ungeachtet der verschachtelten Satzgefilde als bereichernde Meditation über das Gehen. Beim Erwandern des vor einer Burgruine gelegenen kleinen Bergkirchleins Maria Hohenberg, das „an einer Steilwand sitzt“, wo die Zeit stillsteht, wenn man an der Mauer lehnt, erahnt man das Glück, Teil der Natur zu sein: „in Eintracht mit solch einem Sommertag der Landschaft zuzugehören, die sich dem Kircherl zu Füßen hingestreckt hat und sich zu ihm hinanwellt“.
Hier zeigt sich der synästhetische Blick des Schreibenden, mitunter zwischen Distanz und Einfühlsamkeit, etwa wenn er die Teilnahme am „Jauntaler Drei-Berge-Lauf“ imaginiert. Zum Teil schweigende oder betende Pilger, die die Mühsal des Weges in einer „regentriefenden sternlosen Nacht“ auf sich nehmen, während unter ihren Füßen der Schotter knirscht. Beim „Gang“ über die drei Berge wandern sie quer durch Wiesenlandschaften, vorbei an hölzernen Keuschen und Labstationen, wo schwarz gekleidete Bäuerinnen Stärkungen anbieten. Dieser Brauch scheint aus der Zeit gefallen zu sein, Schutting zeichnet ihn mit kraftvoller Poesie nach.
Kontemplative Spaziergänge durch den Wienerwald mit beschleunigten Wald- und Wiesenbildern erfreuen das „entschlackte Herz“ ebenso wie Wanderungen mit Schrittzähler durch Wien, weil die Natur von Paaren überquillt. Schuttings Routen laden zur Nachahmung ein – als Anstoß, das Gehen wieder einmal ausgiebiger zu pflegen.
Auf ein völlig anderes Terrain begibt sich Julian Schutting in seinem Gedichtband „An den Mond“, in dem er sich dem klassischen Genre verschreibt. Jedenfalls weckt der hehre Ton dieser Lyrik, der viele dieser Gedichte durchschwingt, durchaus Assoziationen zum ernsteren Fach. Und doch stimmt der erste Eindruck nicht ganz. Schutting steckt in den fünf Kapiteln gleich selbst den thematischen Rahmen ab: Zunächst präsentiert er Texte an Dichter und über Gedichte, beispielsweise über Schillers „Nänie“.
Hier folgt aber kein Klagegesang über die Vergänglichkeit des Schönen am Beispiel Eurydikes. Stattdessen arbeitet Schutting mit Verfremdung und deftiger Ironie, denn Versatzstücke und Götter werden schlichtweg ausgetauscht. Die Hauptrolle spielt jetzt der Halbgott Priapos, der werben muss, wenn ihn die irdische Lust verlässt.

Vielbesungene Ophelia

Andernorts widmet er sich der vielbesungenen Ophelia, der Traurigen, Verblichenen, der der Fluss ein Bett gibt, ein „Wasserlilienfloß“, ein „Teich- und Flußrosenboot“, bevor sie aufgefischt wird „im Weltenmeer“, um „flutend weiterzusingen“ ihre „ertränkte Liebe“.
Ophelia fungiert als Muse bei Rimbaud, und inspiriert die „Wasserleichenpoesie“ Benns oder Heyms. Vieles davon schwingt mit im Dialog zwischen dem Dichter und ihrem Echo, nicht ohne die Evokationen dieses Motivs dabei kräftig zu konterkarieren: „Angefressen, ja das bin ich von euch Dichtern! / Möchte verschont bleiben von dem Poeten*gewölk, / das da dahintreibt über den Wassern!“
Topoi sind hier aber nicht nur Gedichte Goethes, Schillers oder Hölderlins, sondern auch Politik, Natur und Kunst. Klare Worte webt Schutting in sein Gedicht über eine Aschermittwochsrede Jörg Haiders, in der dieser Ariel Muzicant attackierte. Schutting geht dabei auch der Etymologie der Namen nach und verankert sie feinsinnig in Literatur und Religion.
Schließlich findet man hier auch Volkslieder, eingesponnen in eine Ode an den Mond oder eine hehre Anrufung der Hochgebirgs- oder Dachsteinwolken. Dabei transformiert Schutting die Natur komisch und sprachspielerisch in Poesie. Die Sprache ist hier kein Ort für idyllische Weltenräume oder elegische Harfentöne, sondern ein weites Feld des Experiments und der Karikatur. „Auf Lämmernes, begib dich des wolkigen Schäfchen- / geschlechts, tu es südwärts den Wildgänsen gleich, / durch Verreisen oder Vereisen!“
Dass man dazu Sensibilität und Handwerk braucht, ist Voraussetzung. Schutting hat glücklicherweise beides!


An den Mond
Gedichte Von Julian Schutting
Residenz 2008
92 S., brosch., € 19,90

Auf der Wanderschaft
Über das Vergnügen am Gehen Von Julian Schutting
Otto Müller 2009
116 S., geb., € 18,–
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