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Precious - 11/2010

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Ohne falsches Mitleid

Für sechs Oscars war das Harlem-Drama „Precious“ nominiert. Zwei wurden es dann. Das Werk von Regisseur Lee Daniels ist ein kostbarer wie verletzlicher Film.

Von Alexandra Zawia

Es ist selten, dass ein Film in seiner Unerträglichkeit zu solcher Größe findet. Selten, dass soziale Elendszustände so deutlich, so nah, so komprimiert und so unaushaltbar realistisch dargestellt werden, ohne Kitsch zu provozieren oder – schlimmer noch – Ausbeutung. Das Geheimnis dafür lautet: genaue Kenntnis des Milieus, die dennoch nicht der Wertschätzung für die Menschen entbehrt.
Der afroamerikanische Regisseur Lee Daniels richtet in seinem Drama „Precious“ einen drastischen Blick auf die Lebenssituation in den Wohnprojekten im New Yorker Stadtteil Harlem. In den späten achtziger Jahren ist dort die 16-jährige Claireece Jones (Gabourey Sidibe) bereits zum zweiten Mal schwanger – von ihrem Vater, der sie auch mit HIV infiziert hat und längst verschwunden ist. Claireece ist fett und schwarz und Analphabetin. Politisch korrekt wäre „stark übergewichtig“ und „afroamerikanisch“, aber nichts an ihrer Realität ist korrekt. Ihre gewalttätige, arbeitslose Mutter gibt ihr die Schuld, ihr den Mann „gestohlen“ zu haben, und führt den Missbrauch fort, auch mit Schlägen, mit Worten, mit unfassbarer Verachtung und Rage. Claireece weicht aus – in die Apathie.

Fortgeführter Missbrauch

In ihren Gedanken und außerhalb der Wohnung gibt sie sich den Namen Precious („kostbar“). Weil sie irgendwie fühlt, dass sie nicht Dreck ist. Sie meldet sich in einer Alternativschule an, um lesen und schreiben zu lernen, damit sie mit einem Job von daheim ausziehen kann. Es läuft nicht nach Plan, auch wenn Precious von einigen Seiten – darunter eine Sozialarbeiterin (Mariah Carey), eine Lehrerin (Paula Patton) und ein Krankenpfleger (Lenny Kravitz) – fachliche und emotionale Unterstützung erhält.
Sehr leicht hätte aus der Vorlage zu diesem Film, dem 1996 erschienen Bestseller-Roman „Push“ der afroamerikanischen Autorin Sapphire, ein pathostriefendes Sozialmelodram werden können. Aber was schon das Buch zelebrierte, bewahren auch (der dafür mit dem Oscar ausgezeichnete) Drehbuchautor Geoffrey Fletcher und Daniels in subtiler Regie und subtiler Kamera: die sehr effektive, unmittelbare Nähe zu den Figuren ohne übergeordnete Perspektive. Wenn die Mutter auf Precious mit einer Bratpfanne einschlägt, sie die Stiegen hinunterstößt, sie in ihr Schlafzimmer ruft, sie mit unfassbaren Hasstiraden demütigt, möchte man wegschauen, weghören, weglaufen. Aber Daniels bleibt. Ohne Kitsch, ohne falsches Mitleid, aber niemals ohne Menschlichkeit.

Ohne Rücksicht aufs Image

Eine Formel, die ohne die Schauspieler niemals funktioniert hätte: Die TV-Komödiantin Mo’Nique etwa spielt Precious’ Mutter Mary ohne Rücksicht auf Image-Schaden derart erschreckend monströs, dass der ihr dafür verliehene Nebenrollen-Oscar niemals infrage stand. Nicht minder herausragend: die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits 24-jährige Gabourey Sidibe, die Precious nicht nur eine magisch anziehende, unglaublich starke Persönlichkeit verleiht, sondern es in ihrer Darstellung auch schafft, eine afroamerikanische Befindlichkeit zu transportieren, die gerade viele schwarze Kritiker nicht gern auf diese Art dargestellt sehen. Zu groß ist die Angst vor der Konfrontation mit einem immer noch derart existierenden Amerika abseits der polierten Obama-Welt. „Precious“ sei „Poverty Porn“, Elendsporno, eine „soziologische Horror-Show“. Dem entgegnet Regisseur Daniels in Interviews, dass er die Realität zeige, aus der er selbst stammt. Das mag wehtun und unangenehm sein. Erfunden ist es nicht.


Precious
USA 2009 Regie: Lee Daniels
Mit Gabourey Sidibe, Mo’Nique, Paula Patton, Mariah Carey, Lenny Kravitz. Verleih: Polyfilm. 109 Min.
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