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Axolotl Roadkill - 09/2010

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Körper in Auflösung

Hält Helene Hegemanns Roman, was die große Euphorie der Feuilletons versprochen hat?

Von Heidi Lexe


„Let me entertain you“, 1997 auf Robbie Williams Solo-Debütalbum veröffentlicht, wurde in der späteren Weltkarriere des Rockmusikers zum legendären Eröffnungssong zahlreicher Konzerte. Dem Erlösungsmotiv der Lyrics entsprechend („Hell is gone and heavens’s here“) schwebte der passionierte Selbstdarsteller dabei gerne von oben auf die Bühne herab.
Dieses Deus-ex-Machina-Motiv darf auch dem Erscheinen der zu diesem Zeitpunkt erst 17-jährigen Helene Hegemann am literarischen Horizont unterlegt werden. Mit einem wilden Bungee Jump taucht sie auf und wird mit euphorischem Kreischen des Feuilletons begrüßt. Als Motto stellt sie ihrem Roman „Axolotl Roadkill“ den Werbespruch des Fernsehsenders Pro 7 voran: „We love to entertain you“.

Frappante Selbstzersetzung


Unterhalten jedoch scheint die 16-jährige Protagonistin Mifti sich nicht zu fühlen: „Um 16 Uhr 30 wache ich orientierungslos in einen Bettbezug gewickelt auf und bin in allererster Linie von mir selbst gelangweilt.“ Geplagt wird sie von „Krebsdiagnoseträume[n], keine Alpträume, sondern irgendwas Tiefgehenderes“. Rasch wird dieser selbstdiagnostizierte Tiefgang zum Movens einer Figur, die sich ihrer wenn auch nicht malignen, so doch frappanten Selbstzersetzung entgegenstellt. In weiterhin prekärem Wachzustand sucht Mifti ein in Stücke gerissenes Ich zusammenzusetzen und „Notfallnormalität“ herzustellen.

Die Auflösung von Handlungsstrukturen ist die konsequente, im Lektüreprozess ermüdende Folge dieses Trachtens nach existenzieller Sinngebung. Hingeworfene Schlagwörter und Zitate als Kapitelüberschriften signalisieren den Versuch, aber auch die Unmöglichkeit, Zusammenhänge herzustellen. Sich frei und zum Teil wörtlich an Textvorlagen bedienend (die 2. Auflage wird nach den Plagiats-vorwürfen um seitenweise Abdruckrechte erweitert) inszeniert Helene Hegemann die Selbsterprobung ihrer Ich-Erzählerin.
Mifti beschreibt die Aggregatszustände eines sich ständig in Auflösung befindlichen Körpers, geschunden und gehäutet, und wie ein roadkill (ein angefahrenes Tier) durch Drogen- und Sexexzesse gezerrt: „Ein Feuerbad. Die Hölle. Sex ist ja immer ein gewalttätiger Akt.“ Wie hörig erscheint Mifti dieser in Sexualität ausgelebten Gewaltlust – wobei die darin implizierte Zerstörungswut sich zuallererst gegen sie selbst richtet. Ihre Dünnhäutigkeit wird gesteigert zur in alle Richtungen durchlässigen Membran. Gesellschaftliche Zurichtungen und verbale Selbstbeschränkungen verweigernd, lässt Mifti ihre Wahrnehmungen in ihrem „Tagebuchkram“ durch sich hindurch und gibt sie in Erprobung stilistischer Exzesse weiter – in gekonnter Verweigerung eines Wahrheitsanspruchs des Erlebten.
„Mir wurde eine Sprache einverleibt, die nicht meine eigene ist“, hält Mifti fest – und arbeitet sich an dieser Sprache ab, ergibt sich ihr: Der Vater „eins von diesen linken, durchsetzungsfähigen Arschlöchern überdurchschnittlichen Einkommens, die ununterbrochen Kunst mit Ewigkeitsanspruch machen“, die Schwester „eine durchtriebene Marketing-Bitch“, der Bruder ein experimentell umtriebiger Label-Designer für Social-Commerce-Unternehmen, sie selbst eine ständig ins „Hardcorearrogante [a]brutschende“ Schulverweigerin. Mifti kontrastiert ihre ideologisch aufgeladenen Wort-eskapaden mit der Radikalität einer ständig auf die Muster des Pornografischen hin abzielenden Formulierwut. Sie fährt den Lesern mit dem Stellwagen ihrer Fäkalsprache ins Gesicht und destilliert das Geschehen aus dem sprachlichen Bodensatz der aus allen Körperöffnungen dringenden Absonderungen.

Nervende Sprachattitüden


Letztlich jedoch bleibt Miftis Versuch der „Existenzfindung“ unterlegt von der Sehnsucht, das Ewigkeitsstadium des Axolotl zu verlassen. Das nämlich „bleibt sein gesamtes Leben im Lurchstadium, das heißt, es wird einfach nicht erwachsen.“ Der Wunsch Miftis nach Zugehörigkeit und Intimität verdichtet sich in der Figur der geheimnis-umwitterten Alice, in der sich Miftis eigene Nicht-Existenz tragisch spiegelt. „She’s not there“ legt Alice auf einer Party auf – einen Song der „Zombies“. Hinter dem toughen Namen verbergen sich konventionell klampfende Beatles-Epigonen. Wie gemacht für den Soundtrack zu einem Buch, das mit dem radikalen Entwurf einer Figur überzeugt, dessen Sprachattitüden über die Länge des Textes hin jedoch schlicht nerven.


Axolotl Roadkill
Roman von Helene Hegemann
Ullstein 2010
203 S., kart., € 15,40
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