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36 Ansichten des Pic Saint-Loup - 13/2010

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Alles Leben ist ein Zirkus

Jacques Rivette, 82, ist der leisteste unter den Begründern der Nouvelle Vague. Nun hat der Altmeister einen für seine Verhältnisse erstaunlich kurzen Spielfilm gedreht, das cineastische Kleinod „36 vues du Pic Saint-Loup“.

Von Rudolf Preyer


Der französische Filmregisseur Jacques Rivette (1928 in Rouen geboren) nimmt im europäischen Autorenkino eine solitäre Sonderstellung ein. „Der große Vergessene“ legt mit „36 Ansichten des Pic Saint-Loup“ seinen nunmehr 32. Film vor, jedoch dürfte nur eine handverlesene Anhängerschaft das facettenreiche Filmschaffen dieses Motors der „Nouvelle Vague“ auch nur annähernd überblicken (zu Unrecht wird der ehemalige Chefredakteur der Cahiers du cinéma neben Godard, Truffaut, Chabrol und Rohmer „übergangen“). Das liegt vor allem auch daran, dass seine Filme jeglicher Ökonomie spotten: Die Cineasten hat Rivette in seiner 50-jährigen Befassung mit dem Medium Film – möglicherweise kann man erst jetzt von einer „Karriere“ sprechen – bislang noch jedes Mal erst ab der dritten Filmstunde aus dem Kino entlassen.

Verborgene Orchideen des Kinos

Umso mehr überraschen die „36 Ansichten“ mit einer Spiellänge von nur 84 – dafür aber umso hochkonzentrierteren und wertvolleren – Minuten, eingedenk der Tatsache, dass sich Rivette nicht der besten Gesundheit erfreuen soll. Zum Vergleich das Extrembeispiel: Mit seinem über zwölf Stunden langen Werk „Out 1: Noli me tangere“ (die Geschichtsschreibung spricht von 733 Minuten) rittert Rivette um den zweifelhaften Titel des Regisseurs des längsten Films aller Zeiten. Spröde und elitär seien seine Arbeiten – so lauten die Vorwürfe; dennoch gilt in der Kultur im Allgemeinen und gerade in der Filmkunst im Besonderen, dass die prächtigsten Orchideen mitunter im Verborgenen erst zur Blüte gelangen.
Mit über 80 Jahren legt Jacques Rivette nun einen Film vor, der auch für ein „normales“, nicht cineastisches Publikum interessant ist. Die Liebesgeschichten der „36 Ansichten“ müssten eigentlich auch frisch Verliebte ansprechend finden: Der Eigentümer eines kleinen Landzirkus stirbt urplötzlich. Die Artisten wenden sich an die älteste Tochter Kate (Rivettes „Stammschauspielerin“ Jane Birkin), die vor über 15 Jahren der fahrenden Truppe den Rücken gekehrt hatte. Zu ihrer eigenen Überraschung nimmt sie den Ruf an. Unterwegs hat sie eine Autopanne und mitten auf der Straße starrt sie ungläubig die dampfende Motorhaube an, einem vorbeirauschenden Porsche macht sie ungelenk Zeichen, doch der verschwindet in Richtung Pic Saint-Loup, einem Gebirgsrücken in der südfranzösischen Region Languedoc-Roussillon.
Doch Halt: Dieser dreht um, ein distinguierter in weißes Armani gekleideter älterer Herr, Vittorio (Sergio Castellito), repariert den Schaden wortlos und flitzt auch schon davon. Erst am Marktplatz der nächsten Kleinstadt hat Kate endlich Gelegenheit, sich bei ihm zu bedanken – sie lädt ihn in „ihren Zirkus“ ein. Die Abendvorstellung ist nur spärlich besucht – Vittorio ist der Einzige, der über eine Clownnummer Beckett’schen Ausmaßes lacht. Auch bei diesem Anlass ergibt sich für Kate und Vittorio kein ausführliches Gespräch.

Postillon d’amour

Und wie es nun im „wirklichen Leben“ und sintemal im – dank Rivette reanimierten Genre des „Zirkusfilms“ – einmal so ist, brechen die Vagabunden einfach ihre Zelte ab – mehr als Missachtung finden sie überall. Und Vittorio – schön, dass bei Rivette die Motivation nicht zu Tode erzählt wird – schließt sich einfach dem Treck an. Bei den Künstlern macht er sich sehr beliebt, zumal er auch den Postillon d’amour spielt. Rasch erkennen sie freilich, dass er eigentlich an Kate interessiert ist. Der Kulturwissenschafter Ekkehard Knörer sagt zum Film: „Es ist das Glück, etwas zu finden, das man zuvor nicht einmal zu suchen verstand.“ Letztes Jahr waren die „36 Ansichten des Pic Saint-Loup“ im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig vertreten – mit Sicherheit wird nun das Wiener „Stadtkino“ nicht gestürmt werden, aber eine größere Aufmerksamkeit für den Zauber des beiseite geschobenen grandiosen Filmartisten Jacques Rivette wäre schon schön.


36 Ansichten des Pic Saint-Loup (36 vues du Pic Saint-Loup)
F/I 2009. Regie: Jacques Rivette. Mit Jane Birkin, Sergio Castellitto, André Marcon. Verleih: Stadtkino
84 Min.
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