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Der gelbe Diwan - 18/2010

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Exzesse der Gegenwart

Elend und Hightech: Walter Grinds Roman führt in eine imaginäre, reale Großstadt.

Von Anna Rottensteiner

Unsere Informationen über die Welt seien immens, meint Walter Grond, doch ein „Begreifen“ dieser unserer Zeit fehle. Genauso wie Flaubert, der einen Roman verfassen wollte, der „ein unabsehbares Bild unserer Zeit“ sei, geht es Grond darum, unsere Gegenwart in all ihren Brüchen und Ambivalenzen in einem Roman wiederzugeben. Ein *Diwan ist dabei jener Ort, an dem Flaubert den Brüden Goncourt von seinem Vorhaben erzählt; auf einen gelben Diwan lässt sich im gleichnamigen Roman von Walter Grond der erfolgreiche Reisejournalist Paul Clement nieder, um sich auf eine Ägypten-Reise auf den Spuren Flauberts vorzubereiten. Clement, Alleinerzieher, nachdem seine Frau Behle ihn und ihre beiden Kinder verlassen hat, ist der Hauptprotagonist, der die verschiedenen Ebenen des Romans zusammenhält. Nach dem Selbstmord seines Freundes, des exzentrischen Schriftstellers Johan, macht er sich zum Begräbnis nach Saint-Marc-sur-Mer an der französischen Atlantikküste auf. In Rückblenden lässt er die Zeit zwischen 1982 und 1986 auferstehen, die er mit seinem Freund und dessen Lebensgefährtin Rafaela verbrachte. In Johan, einem Post-Achtundsechziger, entwirft Grond eine ambivalente Figur, in der sich die Selbstgewissheit jener Generation spiegelt, die glaubte, ein gültiges Urteil über die Welt zu haben, die aber auch an den Dilemmata der eigenen Überzeugungen zerschellt. Die Lebensgeschichte von Gustave Flaubert zieht sich kontinuierlich durch das Buch; die Kohärenz der erzählerischen Verknüpfung von Johan und Flaubert ergibt sich aus deren Haltung, die der Autor den beiden zugrunde legt: dem Gestus des „Anti-Bürgerlichen“, dem illusionslosen Glauben „an die Macht der Wörter …, gottlos an das Kraftspendende des Exzesses“.

Welt des Hedonismus

Die Gegenwart stellt sich als eine Welt des Hedonismus dar, der Intimrasuren, Burkas, der körperlichen *Zurichtungen, der Börsen-Crashes, Privatkonkurse, der durchgetanzten Näch*te. Exzesse des Heute, Rituale in der Haltlosigkeit.
Ort der Handlung ist ein hybrides Großstadtgebilde namens Bulak. Neben gläsernen Hochhäusern, Immobilien- und Hightech-Firmen finden sich Moscheen, Elendsviertel, Basare; Assoziationen zu Metropolen wie Istanbul, Kabul, Kairo, Bombay werden wach, ebenso finden sich Anspielungen auf Wien und Zürich. Vor den Augen des Lesers entfaltet sich in faszinierenden Beschreibungen ein wucherndes Gebilde, in dem, imaginäres und reales Bild unserer Welt zugleich, Orient und Okzident eingeschmolzen sind. In der Fülle der Details und des fundierten Wissens über den Orient legt der Autor den Fokus auf die neuen Kapitalismen, die, unter dem Deckmantel der von den 68ern postulierten „Freiheit“, die alten Formen abgelöst haben. Und den Menschen auf seiner Suche nach Identität einerseits ganz auf sich zurückwerfen, ihn andererseits Freiheit nur mehr in pervertierten Formen erfahren lassen.
Wesentlich dabei ist die Geschichte der Wiederannäherung zwischen Clement und Behle. Keine Geschichte einer Trennung oder einer Krise, wie wir sie zuhauf kennen, keine Psychologisierung, sondern aus der Unmittelbarkeit der Gegenwart und des Ringens um Liebe heraus erzählt. Die „private Barke“ als Halt?
Wenn man das Buch nach der Lektüre schließt, so wie Clement am Ende „seinen Fuß aus dem Bild zieht“, legt sich das Imaginäre und Imaginierte um das Reale: Ja, so ist sie wohl, unsere Gegenwart, stellt man durchaus nicht beruhigt, aber auch nicht entsetzt, etwas entmutigt, aber auch mutiger fest.


Der gelbe Diwan
Roman von Walter Grond
Haymon 2009, 320 S., geb., € 19,90
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