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Wenn du wiederkommst - 18/2010

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Anatomie der Trauer ohne Trost

Von Boston weg, nach Boston zurück: Anna Mitgutsch erzählt eine Beziehung, die der Tod beendet.

Von Christa Gürtler

„Wir waren in einem Abschnitt unseres Lebens, in dem die Jugend vorbei ist und das Alter noch nicht bedrohlich erscheint. Jetzt haben wir nichts mehr, das uns gemeinsam gehört, nur noch eine Bank im Public Garden (...) und wenn ich auf ihr sitze, macht meine Vernunft dem magischen Glauben Platz, dass er zurückkommt, wenn die Kraft meines Wünschens nur stark genug ist.“
Vierzig Jahre lang waren Jerome, ein amerikanischer Anwalt aus jüdischer Familie, und die Erzählerin, eine europäische Schriftstellerin, ein Paar, auch wenn ihre Ehe nach bürgerlichen Normen als gescheitert gelten muss, seit sie vor fünfzehn Jahren geschieden wurde. Die Erzählerin verlässt Mann und Tochter in einem Vorort von Boston und kehrt nach Europa zurück, um ihre Karriere als Schriftstellerin verfolgen zu können. Er ist zeitlebens von einer Sehnsucht nach der großen Liebe getrieben, verliebt sich immer wieder, lebt seine Beziehungen. Sie kehrt immer wieder nach Boston zurück, beide bleiben einander verbunden. Sie hat durch ihn das Judentum kennengelernt und ist zum jüdischen Glauben übergetreten, lebt fortan zwischen Vertrautheit und Fremdheit zwischen den Kontinenten. Sie glauben an eine respektvolle Beziehung und Lebenspartnerschaft, die einander Freiheit zur Selbstverwirklichung ermöglicht. In glücklichen Momenten erlebten sie eine Nähe, in der „sie sich schweigend verständigen konnten“. Nach fünfzehn Jahren träumen sie davon, es noch einmal mit einem gemeinsamen Leben zu versuchen. Doch ein Herzinfarkt vereitelt ihre Pläne, Jerome stirbt.
In einer eindringlichen Totenklage, die den ritualisierten Abschnitten des jüdischen Trauerjahres folgt, sucht die Erzählerin in Anna Mitgutschs Roman „Wenn du wiederkommst“ gegen die Realität des Todes aufzubegehren im Bewusstsein, dass der Dialog mit dem Geliebten ohne Antworten bleibt. Anna Mitgutsch verfolgt auch in ihrem neuen Buch das zentrale Thema ihres Schreibens, das im Titel „Erinnern und Erfinden“ ihrer Grazer Poetik-Vorlesungen präzise charakterisiert wird.

Erinnerung oder Erfindung

Die Erzählerin, die sich als Witwe fühlt, wird gleich beim Begräbnis und in der Schiwa-Woche damit konfrontiert, dass sie für die Familie Jeromes als Ex-Frau nicht zur Familie zählt, dass sie gemeinsam mit ihrer erwachsenen Tochter Ilana zwar alle Gäste in „ihrem“ Haus empfängt und diese mit dem Essen des Catering Services versorgt, aber sie sitzt „unter ihnen wie ein Gespenst“.
Die Erzählerin weiß: „Niemand wird mir die Erinnerungen nehmen können an alles, was uns, unsichtbar für die anderen, zu einem Paar gemacht hat.“ Aber sie wird zunehmend verunsichert von den Erinnerungen der anderen, die Zeugen einer anderen Wirklichkeit sind, und fragt sich: „Habe ich an den eigenen erfundenen Geschichten einer gro*ßen Liebe festgehalten, bis ich sie glaubte?“
Anna Mitgutsch entwirft in ihrem Roman „Wenn du wiederkommst“ eine „Anatomie der Trauer“, die keinen Trost spendet, und umkreist in ihrem beeindruckenden Totengebet gemeinsame Lebensspuren, um Abschied zu nehmen.


Wenn du wiederkommst
Roman von Anna Mitgutsch
Luchterhand Literaturverlag 2010
272 S., geb., € 20,60
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