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Raumforderung - 20/2007

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Die Irren auf dem Weg ins Kino
Thomas Melles Figuren werden von Erzählung zu Erzählung immer kränker.
Stefan Neuhaus wünscht sich mehr Ironie und absurde Komik.

Anspielungsreich“ wäre ein Attribut, mit dem sich Thomas Melles Erzählungen charakterisieren ließen. Raumforderung ist die erste Prosapublikation des 1975 geborenen, bisher Stücke schreibenden Autors und dem Suhrkamp-Verlag gebührt das Verdienst, ihn der literarischen Öffentlichkeit präsentiert zu haben. Zu Suhrkamps Image als Verlag schwieriger Texte passt dieser Band gut, denn alle Anspielungen wird auch ein umfassend gebildeter Leser beim ersten Durchgang nicht erkennen können.

Krankheit im Kopf
Das fängt beim eher langweilig klingenden Titel an, mit dem eine Geschichte über ein wohnungssuchendes Paar überschrieben ist. Raumforderung ist aber auch ein Begriff aus der Medizin, jedenfalls finden sich bei Stichproben in Datenbanken Fachpublikationen mit Titeln wie Die akute Raumforderung in der hinteren Schädelgrube. Gemeint ist ein Krankheitsbild, das durch eine Volumenzunahme im Gehirn charakterisiert ist. Der Titel ist die Metapher, die Klammer für alle Texte, sie gestalten mehr oder weniger deutlich Krankheitsbilder, die mit dem Kopf zu tun haben. So in der titelgebenden Geschichte, in der ein Unfall geschieht – die Frau sticht dem Mann unabsichtlich ein Auge aus. Dazu kommt, dass der Mann Optiker ist und gerade die Filiale einer großen Kette übernehmen soll. Dieses Beispiel zeigt, dass Melles Versuch, seine Erzählungen durch Symbolik zu strukturieren, manchmal platt und manchmal übertrieben wirkt.

Wucherndes Internet
Dabei ist es durchaus klug und originell, alle Erzählungen durch Krankheitsbilder und -metaphern zu verbinden. Schon der erste Satz des Buches gibt das Thema vor: „Ediths Wohnung hat Krebs, und die Metastasen treiben Plastikblumen, Goldherzen, Blumenkränze in die Ecken und Augenwinkel.“ Ebenfalls neu dürfte die Analogie von Krebs und Internet sein, letzteres befällt verschiedene Figuren, es wirkt wie eine gefährliche Droge, lässt Ehen scheitern (in Interferenz), treibt Menschen in den Wahnsinn oder in den Selbstmord (in Wuchernde Netze). Das kommt nicht kulturkonservativ daher, vielmehr setzt sich Melle mit dem Problem der Einsamkeit in einer diversifizierten Gesellschaft auseinander.
Ganz neu ist dies nicht, auch nicht, es in Erzählungen zu tun. Einige von Melles Texten wirken wie leicht radikalisierte Varianten von Judith Hermanns Erzählungen. Auch hier sind Figuren vereinzelt und auf der Suche, ohne zu einer dauerhaften Beziehung oder einem Sinn im Leben zu gelangen. Der größte Unterschied ist, dass Hermann ihre Figuren in der Schwebe hält und ihnen einen gewissen Genuss an ihrem Zustand zugesteht, während Melle seine Figuren ins Unglück führt. Davon abgesehen sind Geschichten wie Nachtschwimmen oder Raumforderung nicht viel anders (Nachtschwimmen las Melle beim Bachmannpreis in Klagenfurt, die Urteile der Kritiker fielen unterschiedlich aus).
Die titelgebende Optikergeschichte wäre durch deutliche Ironiesignale zu retten gewesen, aber Ironie findet sich hier ebenso wenig wie bei Hermann oder in so schwachen Dosen, dass sie als Medizin unwirksam wird. Dabei werden von Geschichte zu Geschichte die Krankheiten schlimmer, die Figuren zunehmend kränker, vor allem psychisch. Die letzten drei Erzählungen sind kaum noch zu verstehen, auch weil der Wahnsinn der Figuren durch die Sprache abgebildet wird. Die zweitletzte und relativ umfangreiche Geschichte Die Geisel erinnert in ihrer Brutalität an Thomas
Harris’ Hannibal-Lecter-Romane, während die kurze letzte Erzählung eher im Stil moderner
Lyrik gehalten ist und entsprechend hermetisch bleibt.

Parodie der Szenesprache
Ich habe zwei persönliche Favoriten. Erstens Der Ken, der Monolog eines sich betrinkenden jungen Mannes, zusammengesetzt aus ebenso komisch wie irre wirkender Szenesprache, zugleich deren glänzende Parodie. Zweitens Dinosaurier in Ägypten: hier scheint Melle aus seinem Konzept das Optimale herauszuholen. Die Geschichte ist aus der Sicht eines Irren mit dem Namen Thomas geschrieben (wohl ein Augenzwinkern). Melle bündelt die Philosophie und die Geschichte der letzten Jahrhunderte in der Krankheit eines Individuums. Das kann nur funktionieren, weil die Geschichte auch komisch wirkt, etwa wenn Hegel zum Kronzeugen der eigenen Krankheit gemacht wird: „Es gibt nur die Hysterie des Weltgeistes, die in einem Unfall kulminierte, dessen Opfer und Symbol ich bin. Mehr gibt es nicht.“

Größere Dosis Ironie
Dabei zeigt sich Melle als genauer Beobachter, der Versatzstücke der Wirklichkeit so zusammensetzt, dass sie den Sinn ebendieser Wirklichkeit konsequent hinterfragen. Seine stellenweise Lakonie kommt ihm dabei zur Hilfe, etwa wenn Thomas plötzlich die Außenperspektive einnimmt und feststellt: „Wir sind die Irren, die Irren auf dem Weg ins Kino.“ Melles Texte zeigen zweifellos großes Sprachgefühl und erzählerische Begabung. Als Spracharzt würde ich Ironie und absurde Komik in größeren Dosen verschreiben.


Raumforderung
Erzählungen von Thomas Melle
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2007
200 Seiten, geb., € 16,40
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