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Reisen im Skriptorium - 30/2007

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Alt und gefangen?
Paul Austers Roman „Reisen im Skriptorium“ ist soeben auf deutsch erschienen und bietet viele Lesarten an.
Von Brigitte Schwens-Harrant

Ein schmales Bändchen – und viele Themen und Lesarten. Was will man mehr, wozu dicke Schmöker lesen. Denn wenig ist es nicht, was Paul Auster in seinem neuesten Roman Reisen im Skriptorium anzubieten hat.
Zunächst nähern sich die 173 Seiten großartig dem Thema Alter an. Da sitzt ein Mann, nennen wir ihn mit Paul Auster einfach und passend Mr. Blank – denn wie er heißt, hat dieser Mann vergessen. Er sitzt in einem Zimmer und versucht sich zu erinnern, warum er hier sitzt, mit wem er es zu tun hat, warum ihm die Personen auf den Fotografien bekannt vorkommen, die auf seinem Schreibtisch liegen, und was es mit dem Manuskript auf sich hat, das sich liest wie ein Text aus dem 19. Jahrhundert. Ja, und dass Altwerden als Mann körperlich keine sehr angenehme Sache ist, auch das wird genau und in Einzelheiten beobachtet. Selbst wenn das „ehemals große Tier“ noch seine Arbeit tut, sprich sich zu erheben weiß: Alleine aufs Klo zu gehen, ist für Mr. Blank schon eine Prozedur.

Agent oder Pflegefall?
Dieser Mann sitzt in einem Raum mit zugenagelten Fenstern. Ob die Tür abgesperrt ist, weiß er nicht. Ist er ein Gefangener? Welche Aufträge hat er früher erteilt? War er beim Geheimdienst? Oder ist er ein eingesperrter Pflegefall? Auster hält diese Unsicherheit lange in Schwebe. Und damit sind wir beim nächsten wichtigen Thema dieses Büchleins: der Gefangenschaft und damit auch der Freiheit. Also bei etwas sehr Existenziellem, und die Art und Weise, wie Auster dieses Thema angeht, erinnerte manche an Samuel Beckett. Vor allem aber erinnert es an frühere Bücher von Paul Auster, etwa an die New York Trilogie.

Damit wären wir beim nächsten Thema, das dieses Büchlein durchzieht – und das so manchem US-Rezensenten Bauchweh bereitet hat. Es ist nämlich Paul Auster selbst. Nein, nicht die konkrete Person, sondern der Autor als Schöpfer seiner Figuren, vor allem aber diese Figuren. Alle Personen, die im Lauf des Tages bei Mr. Blank auftauchen, sind Figuren aus Austers früheren Romanen. Also ist dieses Buch unter anderem auch ein Buch über einen alternden Schriftsteller, der die Figuren, die er schuf, nun nicht mehr loswird. Diese Lesart wird unterstützt durch die Geschichte, die sich dieser Mann ausdenkt, die er weiterdenken soll. Paul Auster spielt also vor, wie eine Geschichte im Kopf eines Autors entsteht, wie er die Handlung wachsen lässt, bis sie Gestalt annimmt.
Jene Geschichte wiederum, die Paul Auster Mr. Blank, oder wer immer er sein mag, vor den Augen des Lesers erfinden lässt, scheint an einem Ort, in einer Zeit zu spielen, die weder etwas mit Gegenwart und Lebenssituation des Lesers noch mit der von Mr. Blank zu tun hat. Doch in dieser Geschichte leuchten sehr wohl Realität und das politische Interesse Paul Austers durch. Also ist dieser Roman doch nicht bloß ein selbstverliebtes, postmodernes Spiel mit den eigenen Figuren, wie dem Autor vorgeworfen wurde? Nein, es finden sich genug Hinweise darauf, dass es in dieser Geschichte in der Geschichte um reale Politik und um reale Kritik an Politik geht. Oder wie soll man das sonst verstehen: „Die Konföderation ist ein fragiler, neu gegründeter Staat, gebildet aus zuvor unabhängigen Kolonien und Fürstentümern, und wenn man diese zerbrechliche Einheit festigen und die Leute zusammenschweißen will, was liegt da näher, als einen gemeinsamen Feind zu erfinden und einen Krieg anzufangen?“ Was Paul Auster von der gegenwärtigen Politik der USA hält, hat er in einem Interview mit der Zeit im Februar dieses Jahres unmissverständlich klargemacht: „Noch nie gab es eine Regierung in Amerika, die so weit entfernt war vom Geist des Landes wie diese.“

Für jeden etwas
Für Auster-Fans wird die Lektüre wohl zum Fest des Wiedersehens geraten, für Amerikanisten zum gefundenen Fressen für werkübergreifende Betrachtungen, Poetologen wiederum können sich freuen, ein weiteres Werk mehr über das Werkemachen zu lesen. Wem aber die Selbstbezüglichkeit übel aufstößt und wen überhaupt nicht interessiert, welche Figuren schon früher einmal wo aufgetaucht sind, der liest es vielleicht wie alle anderen einfach als eine gelungene Prosa über Alter und über Gefangenschaft, also über das Leben. Schreiben kann Paul Auster. Einmal mehr bewiesen.


REISEN IM SKRIPTORIUM
Roman von Paul Auster
Aus dem Engl. von Werner Schmitz
Rowohlt Verlag, Hamburg 2007
173 Seiten, geb., € 17,40
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