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Alles Fleisch ist Gras - 22/2010

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Krimi mit Zündstoff

Keine Gartenidylle erzählt Christian Mähr in seinem Kriminalroman, sondern eine Kompostierung der gruseligen Art.

Von Stefan Neuhaus

Schreiben kann er, der Vorarlberger Autor Christian Mähr, Jahrgang 1952 und Autor mehrerer Romane, Hörspiele sowie eines Sachbuches, denn es fällt schwer, sich dem sprachlichen Sog auch seines neuesten Romans zu entziehen. Vom Science-Fiction- über den zeitkritischen Provinzroman ist Mähr nun auf den Krimi gekommen, und das tödliche Gericht, das er seinen Lesern serviert, hat es in sich.
In Dornbirn in Vorarlberg verschwinden mehrere, darunter sehr einflussreiche Menschen, sie werden durch eine Art Fleischwolf in der Kläranlage gedreht. Steht am Anfang noch die Vertuschung eines durch Erpressung ausgelösten „Unfalls“, so gründet sich bald eine kleine Gruppe, die wie ein mittelalterliches Femegericht böse Menschen einer effektiveren Gerichtsbarkeit zuführt. Haupttäter ist ein leitender Polizist mit dem ironischen Namen Weiß, und ordnungsliebende Menschen, die von der neuen Möglichkeit der Beseitigung übler Zeitgenossen erfahren, machen gern gemeinsame Sache mit ihm – bis ihr Gewissen schlägt.

Grusel der besonderen Art

Der manchmal penetrant allwissende Erzähler wird glücklicherweise durch häufiges polyperspektivisches Erzählen abgelöst, ein großer Teil der Spannung ergibt sich aus den unterschiedlichen Blickwinkeln der Täter- und Opferfiguren. Wobei der Roman ja nicht nur einige seiner Figuren, sondern gerade auch die beiden Begriffe Täter und Opfer zum Verschwinden bringt und zahlreiche Fragen auftauchen lässt: Wenn böse Menschen die Existenz anderer auf legale Weise vernichten, welche Schuld haben dann jene, die das mit sich machen lassen? Die Sympathie der Leser dürfte eher bei denen sein, die Selbstjustiz üben, und das erzeugt nach der Lektüre einen nachhaltigen Grusel der ganz besonderen Art. Polizist Weiß hat einige zynische Einsichten zu bieten, bei denen man nicht sicher sein kann, ob man zustimmen oder Abscheu empfinden soll: „Dass die Menschen zum größten Teil Idioten waren, mochte sein. Aber harmlos waren sie nicht.“ Weiter: „Und jeder tat das Böse, wenn er die Gelegenheit hatte. Die Normalbürger nützten die Gelegenheit, die Verbrecher suchten sie. Darin bestand der Unterschied.“ Was Weiß in seiner Logik vernachlässigt, ist der Zufall; er hätte statt Köhlmeiers „Abendland“ Dürrenmatts „Das Versprechen“ lesen sollen, um gewarnt zu sein, dass sich ein solches Versäumnis sicher rächen wird.

Raffiniert konstruiert

Bis zum finalen Feuerwerk hat Mähr einen ebenso raffiniert konstruierten wie kritischen und nachdenklich machenden Kriminalroman geschrieben, der sich deutlich von vergleichbaren Produktionen abhebt und fast schon, vielleicht nicht ganz, in einer Liga mit Wolf Haas (Brenner-Romane) oder Juli Zeh („Schilf“) spielt. Etwas im Weg stehen dem Roman diverse Fehler, die auf ein weniger raffiniert denkendes Lektorat schließen lassen. Das Spektrum reicht von Falschschreibungen (eines Autotyps und einer Porzellanmarke) bis hin zu Dialogfehlern und inhaltlichen Falschkonstruktionen, etwa wenn in einem explodierten Haus von der Polizei ein Nikolauskostüm nicht gefunden werden kann, obwohl es der in das Haus eingedrungene und bei der Explosion umgekommene, noch gut erkenn- und identifizierbare Einbrecher getragen hat. Dieses spurlose Verschwinden war sicher nicht beabsichtigt.
Für die zweite Auflage oder eine Taschenbuchausgabe empfiehlt sich also eine Durchsicht. Beides bleibt zu hoffen, denn der Roman hat, auch abgesehen von der Hausexplosion, einigen Zündstoff zu bieten.


Alles Fleisch ist Gras
Von Christian Mähr
Deuticke 2010, 397 S., geb., € 20,50
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