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Reisen und bleiben - 25/2007

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Reisegier als Neugier
Der Psychotherapeut Andrea Bocconi über jene Zeit im Leben, in der „das Pendel stärker ausschlägt“.
Von Sylvia M. Patsch

Was tun Moslems im hohen Norden Schwedens, wenn der Ramadan in den Juli fällt und sie keinen Sonnenuntergang erleben, nach dem sie ihr Abendessen zu sich nehmen könnten? Der listige und reiselustige italienische Psychotherapeut Andrea Bocconi gibt in seinem Buch Reisen und bleiben die Antwort. Er fand sie, als er dem Lichtexzess eines schwedischen Hochsommers nachreiste: „Um zu verhindern, dass die Moslems an Unterernährung starben, wurde von irgendeiner höheren Stelle beschlossen, dass sie sich während des Ramadans an der Ortszeit von Kairo orientieren sollten.“

Reisen groß geschrieben
Andrea Bocconi gibt zu, dass Reisen für ihn groß geschrieben gehört. Als eine Zeit im Leben, „in der das Pendel stärker ausschlägt“, wir uns im Augenblick verlieren und so lebendiger fühlen. Und was spricht für das Bleiben, die Sesshaftigkeit, das Festhalten am Bekannten? Da zitiert er nicht nur Pascal, der die Meinung vertrat, die meisten Probleme des Menschen entstünden dadurch, dass er nicht in der Lage sei, ruhig in seinen vier Wänden auszuharren. Auch Seneca findet den gebührenden Platz in dieser Phänomenologie des Reisens mit seinen berühmten Worten an seinen jugendlichen Freund Lucilius. Als dieser klagt, es sei ihm durch lange Auslandsreisen und ständigen Ortswechsel nicht gelungen, Trübsinn und Schwermut zu vertreiben, hält ihm der Stoiker Seneca entgegen: „Wechseln musst du deine Lebensanschauung, nicht Gegend und Klima!“ Ähnlich dachte übrigens auch Sokrates. Und Kant, der Weltoffene, der Königsberg keinen Tag seines Lebens verließ.

In einem Punkt haben die Philosophen sicher recht, wenn sie nicht daran glauben, dass das Reisen in die Welt die Reise nach innen, zur Selbsterkenntnis, ersetzen kann. Bocconi zitiert dazu ein italienisches Sprichwort: „Du kannst noch so oft um die Welt reisen, wenn du als Esel losziehst, kehrst du nicht als Pferd zurück.“
Auf abwechslungsreiche Art analysiert der Italiener den „travel bug“, den Reisebazillus, der schon im 18. Jahrhundert reiche Engländer befiel und auf die „grand tour“ trieb: Bocconi hat in den entferntesten Winkeln der Erde wirkliche Reisende, nicht Pauschaltouristen, interviewt, um den Kitzel des Reisens, der Drogen vergleichbar ist, zu verstehen; dazwischen streut er eigene Beobachtungen und zitiert aus den Werken großer Reisender der Vergangenheit. Früher maß man Entfernung nicht in Kilometern, sondern in Zeit, wie das heute noch bei Bergtouren geschieht: „Wie lang ist es noch bis zur Hütte? – Drei Stunden.“
Die Gier der Reisenden äußerte sich früher in dem Bedürfnis, an unbekannten Orten als Erste anzukommen, sei es an den Quellen des Nils oder am Nordpol und seltene, wertvolle Gegenstände nach Hause zu schleppen. Heute manifestiert sich die Reisegier in der Geschwindigkeit, mit der Orte erreicht werden und mit der Beutestücke zum Vorzeigen geknipst werden.

Auch heikle Themen
Bocconi rührt auch an heikle Themen: Die Vorurteile, die man unbewusst überall mitschleppt, etwa beim Essen. Er spricht über den Reiz, mit Menschen aus fremden Kulturkreisen Sex zu haben. Und über Reisen und Geld: Wer über sich und andere viel erfahren möchte, reist mit wenig Geld. Die Jesuiten etwa schickten ihre Novizen, immer drei zusammen, als Teil der Ausbildung auf einen dreiwöchigen Fußmarsch, ohne Geld: Eine Übung in Demut durch Betteln.
Der vielgereiste Autor gibt keine Ratschläge, wie man reisen soll, ob allein oder in Gesellschaft. Er maßt sich auch keine Antwort an, warum jemand reist. Sicher ist eins: Die vom echten Reisebazillus Befallenen sind Neugierige, die alle Möglichkeiten des Seins ausprobieren möchten, die den Sprung aus der Schublade des Gewohnten wagen. Und die nicht zufrieden sind mit der östlichen Weisheit, die da lautet: „Genüge im eigenen Selbst zu finden, das ist des Wanderns höchste Stufe.“

Reisen und bleiben
Von Andrea Bocconi
Deutsch von Susanne Van Volxem
Dörlemann Verlag, Zürich, 2007
240 Seiten, geb., € 20,40
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