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Bal/Der Atem des Himmels - 35/2010

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Heimat im Film

Zweimal Heimat: Reinhold Bilgeri bleibt im Alpenmelodram „Der Atem des Himmels“ nur wenige Klischees schuldig. Semih Kaplanoğlus Berlinale-Sieger „Bal“ erweist sich als anderes Kaliber.

Von Otto Friedrich

Diese Welten sind überschaubar. Dorfidyllen. Dazu die Folklore des Alpenlandes. Heile Welt versus Alltagsmühen. „Heimat“: Ein Begriff, der bei den geschriebenen wie den gefilmten Ausdrucksformen mit obigen Assoziationen immer noch überfrachtet ist, nach wie vor gilt er ein wenig verfemt: Kitsch-Verdacht. Leider allzu oft nicht zu Unrecht.
Auch der FURCHE-Literaturkritiker äußerte selbigen anno 2006 über den Roman des Vorarlberger Pop-Barden Reinhold Bilgeri. Das Buch „Der Atem des Himmels“ wurde ein Publikumsrenner – aber das spricht noch keineswegs für oder gegen den Verdacht. Gleiches gilt nun, nachdem sich Bilgeri an die Verfilmung des Stoffes gemacht hat, obwohl er vorab in Interviews Andeutungen fallen ließ, der Film würde vom Feuilleton möglicherweise nur verhalten aufgenommen werden.
Nach dem Erstlings-Roman also der Erstlings-Spielfilm. Wer gemeint hat, dass hier ein Amateurregisseur bloß einen Amateurfilm vorlegen würde, wird eines Besseren belehrt: Bilgeri und Team haben viel Aufwand in ihr Opus gesteckt – am Handwerklichen ist wenig herumzumäkeln. Ein Familienunternehmen: Ehefrau Beatrice spielt die Hauptrolle, Tochter Laura wird schauspielmäßig eingesetzt, und Autobiografisches, sprich: Die Bilgeri’sche Familiengeschichte ist in die alemannische Schneemoritat hineinverwoben. So weit, so gut oder schlecht.

Ein Heimatfilm alter Schule

Dennoch ist dem schaurigen Kino-Melodram aus den Vorarlberger Bergen mit Rezensenten-Worten gar schwer beizukommen: Die verarmte und verwitwete Adlige Erna von Gaderthurn (Beatrice Bilgeri) geht 1953 als Volksschullehrerin nach Blons im Großen Walsertal. Dort gerät sie in die Umgarn-Versuche des lokalen Barons (Gerd Böckmann) mit ungelöster Bindung an seine Nazi-Mutter sowie des Naturburschen und Kollegen Eugenio Casagrande (Jaron Löwenberg, die überzeugendste Schauspielleistung der Verfilmung). Der Naturbursch und Lawinenwarner siegt, die Bösen gehen unter (ein ewiggestriger Intrigant endet durch eigene Hand). All das kulminiert schließlich in der – historischen – Lawinenkatastrophe vom 11. Jänner 1954: Das Dorf wird samt dem edlen Helden unter den Schneemassen begraben, und Letzterer lässt eine Schwangere, die gerade noch vorm Exitus geehelicht werden kann, zurück …
Der Plot klingt in der Nacherzählung kitschiger als in der gefilmten Version: Die tourismusaffinen Großaufnahmen von Landschaft und Leuten sowie die Urgewalten der winterlichen Natur rauben doch den Atem und lassen die „Arme Adelsfrau findet im Landleben spätes Glück“-Geschichte ein wenig in den Hintergrund treten.
Dennoch: Bei allem gelungenem Handwerk bleiben das Genre und die Erzählung einer Gefälligkeit verbunden, die keine Scheu vor dem Kitsch kennt und sich jedem alternativen Zugang zu „Heimat“ verweigert. „Der Atem des Himmels“ – also ein Heimatfilm alter Schule. Und das bedeutet auch: gestrig, jedenfalls nicht heutig. Ein Schelm, wer dabei an die Trapp-Familie denkt.
Dabei hält die auch thematisch längst globalisierte Filmemacherei solch neue Zugänge bereit. Zufall, oder nicht. Das Weltkino spült gerade dieser Tage Exemplarisches zum Thema nach Österreich. „Das Lied von den zwei Pferden“ der in München ausgebildeten Regisseurin Byambasuren Davaa bringt ein mongolisches Heimatbild und -gefühl groß ins Bild. Ein Traum an Landschaft und Archaik – wenn auch bisweilen die Grenze der Rührseligkeit streifend (vgl. dazu die letztwöchige FURCHE). Und trotzdem ein zurückgenommenes Werk: Heimat, das gilt auch für die Mongolei, ist etwas Bedrohtes. So verschwinden etwa die Lieder der Nomaden mit dem Fernsehen und den Neuen Medien. Ein Film kann hier die Musik ein wenig für die Nachwelt retten sowie verhalten ein Thema setzen: mit möglichst wenig Verklärung des Vergangenen eine Zeit, ein Volk, eine kulturelle Wirklichkeit dem Vergessen entreißen. Und das alles, ohne die Spannungen einer Gesellschaft zu verschweigen. Man könnte in einer heutigen Definition von Heimatfilm diese hier angerissenen Ingredienzien wiederfinden.
Zeitgleich mit dem beschriebenen Drama aus dem Alpenland kommt auch der diesjährige Berlinale-Sieger hierzulande ins Kino: „Bal – Honig“ ist eigentlich der dritte Teil der „Yusuf-Trilogie“ des türkischen Regisseurs Semih Kaplanoğlu – die beiden ersten Teile haben die Geschichte des erwachsenen Yusuf („Yumurta – Ei“, 2007) und des Studenten („Süt – Milch“, 2008) erzählt. In Teil drei ist Yusuf gerade sechs Jahre alt und kommt in die Schule.
Eine bittersüße Hommage an die nordostanatolische Einschicht – so schön traurig und so langsam, dass diese Heimat auch dem europäischen Betrachter nicht fremd bleibt. Diese Welt durch Kinderaugen zu sehen (großartig das Spiel des erst siebenjährigen Bora Altas¸ ) und mitzuleiden am Verlust des Vaters, eines Bienenzüchters, der aus dem Wald nicht wiederkehrt. Und all das eingebettet in die Natur, aber diese Natur ist ebenso grausam wie vergänglich: Die großen Augen von Yusuf, der gleichzeitig schüchtern ist – aber auch so hinterfotzig, wie ein Kind seines Alters sein kann sind eine Verklärung und eine Täuschung zugleich.

„Schöne“ Bilder aus einem bedrohten Kosmos

Die Heimat, das zeigt „Bal“ gerade in seinen „schönen“ Bildern, erweist sich als bedrohter Kosmos. An der Schwelle zum modernen Leben steht Yusuf und muss sich, mühsam genug, die „Sprache“ dieses Lebens aneignen. Lesen. Rechnen. Laut vorlesen.
Der Verlust der Natur – der Vater ist einer der vielen Codes im Film dafür – erscheint da mit hineinprogrammiert: Das einfache Leben, die religiöse Ordnung, die den Bewohnern der Berggegend Halt verschafft, das Handwerk der Alten gibt es bald nicht mehr. Und der Honig als ultimative Chiffré für die Süße dieses Lebens ist nur mehr ganz, ganz weit weg im Wald zu finden – und bringt letztlich auch den Tod.
Aber auch „Bal“ ist mit Worten herzlich schwer nachzuerzählen. Dass Regisseur Kaplanoğlu für seinen Film im Februar den Goldenen Bären in Berlin erhielt, ist jedenfalls folgerichtig: Denn das filmische Kleinod weist über einen lokalen Begriff von „Heimat“ weit hinaus und belebt dieses Genre im Film wirklich. Heimat muss im Film je neu buchstabiert werden. Semih Kaplanoğlu hat mit „Bal – Honig“ dazu ein über türkisches Lokalkolorit weit hinausstrahlendes Exempel statuiert.


Der Atem des Himmels
A 2010. Regie: Reinhold Bilgeri. Mit Beatrice Bilgeri, Jaron Löwenburg, Gerd Böckmann. Verleih: Constantin 128 Min.

Bal – Honig
TK/D 2009.
Regie: Semih Kaplanoğlu. Mit Bora Altaş, Erdal Beşikçioğlu, Tülin Özen.
Verleih: Stadtkino. OmU. 103 Min.
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