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Über Nacht - 09/2007

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Warum ich?
In Sabine Grubers Roman „Über Nacht“ knüpft eine Niere zwei Frauenleben aneinander.
Von Evelyne Polt-Heinzl

Atropos flickt“, heißt es gegen Ende des Buches; doch das eigentliche Gewerbe der dritten der Moiren ist es, den Lebensfaden abzuschneiden. Korrigierende Eingriffe ins Schicksalsgewebe sind das genuine Terrain der Literatur, und so knüpft Sabine Gruber in ihrem neuen Roman zwei Frauenleben aneinander. Der Knoten könnte die Niere sein, die Irma endlich bekommt; schließlich ist das letzte Bild der Mira-Handlung in Rom der Crash eines Autounfalls, und Österreich Mitglied der Stiftung Eurotransplant.

Postoperative Details
Für Irma, Kulturjournalistin in Wien, jedenfalls bekommt das Leben Über Nacht einen neu geknüpften Anfang. Ausgestattet mit dem Diktaphon fährt sie zur Transplantation ins Krankenhaus, und die Autorin mutet den Lesern tatsächlich viele authentische Details des körperlichen Befindens der Patientin im postoperativen Zustand zu. Das war im vorangegangenen Roman Die Zumutung (2003) ähnlich, wo die langjährige Dialysepatientin Marianne hieß.
Im neuen Roman taucht Marianne am Rande auf, als Leidensgenossin, für die das Warten auf die rettende Spenderniere noch nicht zu Ende ist. Wenn Menschen einen existenziellen Schock erleben, ist die Frage nach Schicksal und Zufall immer präsent. Im alten Rom suchte man Antworten aus dem Flug der Vögel herauszulesen, die Vögelschwärme, die Mira wie Irma immer wieder beobachten, bleiben stumm.
„Warum ich“, diese Frage quält Irma ebenso wie die Einwände von ethischen Kritikern der Transplantationsmedizin, zu denen ihre – gesunde – Cousine Greta gehört. Eigenartigerweise wird in diesen immer wieder eingespielten Debatten pro und contra das wirklich Problematische des kriminellen Organhandels kaum berührt, und auch nicht die Abgrenzung der lebensrettenden Transplantationsmedizin vom künstlichen Design des menschlichen Körpers, das der Schönheitschirurgie und der Gentechnik vorschwebt. Während Irma sich in ihrem neu geknüpften Leben zurechtzufinden versucht, betreut und unterstützt von ihrem homosexuellen Bruder Richard und vor allem von dessen Lebenspartner Davide, verliert Mira in Rom allmählich die Verankerung in ihrem Leben.
Mira, deren Geschichte in Ich-Form erzählt wird, ist Altenpflegerin, vom Beruf zunehmend zerrieben und von ihrem Mann Vittorio zwar rücksichtsvoll behandelt, aber offensichtlich nicht mehr geliebt und begehrt. Die Indizien verdichten sich, dass er sie betrügt; dass er das mit Männern tut, ist im Romankontext wenig überraschend. Groß ist die Zahl der männlichen Figuren, die außereheliche homoerotische Beziehungen pflegen oder im Rückblick davon erzählen.

Homoerotische Beziehungen
Der Verbindungsmann zwischen Irma in Wien und Mira in Rom ist Rino, ein etwas schmuddeliger, gescheiterter Student, den vielleicht nur seine Ruppigkeit (Rino kalt wie Eisen, oder auch ironisch) zu einer Art Frauenheld macht. Er schläft mit beiden, und mit ihm hat gewissermaßen alles angefangen. Es war ein One-Night-Stand vor vier Jahren (mit Rino), dem Irma ihren Sohn Florian verdankt, und ein Nierenversagen bei der Geburt war der Beginn ihres Nierenleidens.
Wenige Wochen nach der Operation fliegt Irma nach Rom um Rino zu suchen, von dem sie nichts weiß außer den Namen. Nun will sie etwas über ihn erfahren, um es ihrem Sohn einmal erzählen zu können. Irma findet Rino zwar nicht, dafür aber seinen alten Onkel, der ist einer der lästigsten Bewohner in der von Mira betreuten Altenstation. Mit einer Fotografie von Rino reist Irma – ohne Mira begegnet zu sein – nach Wien zurück, direkt in die Arme ihrer neuen großen Liebe, die ihr wenige Wochen nach der Operation das Schicksal wie zum Ausgleich zugedacht hat.
Man könnte einwenden, die Moire Atropos habe hier vielleicht einiges zu stark und wild verknüpft – bis hin zum anagrammatischen Spiel Mira/Irma, aber Sabine Gruber webt dazu auch ein dichtes Netz, das den Leser gnadenlos mit dem Thema Körperschicksal konfrontiert. Die Ausgeliefertheit an den körperlichen Verfall durch Krankheit und Alter, die uns alle eint, hält auch die beiden Erzählstränge zusammen.

Körperlicher Verfall
Die dichtesten Stellen des Romans sind vielleicht jene, die Mira bei der Arbeit zeigen. Die Hinfälligkeit der alten Männer, ihre Gebrochenheit und zugleich ihre ungebrochene patriarachale Anmaßung – Sabine Gruber lässt unaufgelöst nebeneinander stehen, was nicht aufzulösen ist.
Einen irgendwie unaufgelösten Eindruck hinterlassen zum Teil allerdings auch die vielen Dialogpassagen, wodurch das Buch nicht nur thematisch, sondern auch sprachlich eine gewisse Sperrigkeit erhält.


Über Nacht
Roman von Sabine Gruber
C. H. Beck Verlag, München 2007
240 Seiten, geb., € 18,40
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