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Vom Porträt zur Ikone der freien Welt - 21/2007

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Meine Frau Lisa
Frank Zöllners spannendes Buch über eines der berühmtesten Bilder der westlichen Kultur.
Von Sylvia M. Patsch

Das gewisse Lächeln der Mona Lisa hat im 19. Jahrhundert romantische Dichter und Kunsthistoriker verwirrt. Es schien ihnen „wie ein Born sinnlicher Versprechungen, deren giftige Süße das als leidvoll empfundene Begehren des Mannes nur reizen, aber nicht befriedigen konnte“. Zum berühmtesten Bild der westlichen Kultur wurde Leonardo da Vincis Werk, das auch unter dem Namen „La Gioconda“ bekannt ist, aber erst durch seinen spektakulären Raub im Jahr 1911. Ein Betrüger wollte mehrere bereits angefertigte Kopien verkaufen und engagierte daher einen italienischen Anstreicher, der das Original ohne Probleme aus dem Louvre klaute. Als Dieb verdächtigt wurde unter anderem Pablo Picasso. Der Betrüger konnte inzwischen die Kopien der Mona Lisa heimlich als Originale verkaufen. 1913 bot er das gestohlene Bild den Uffizien in Florenz zum Kauf an, schließlich stamme es aus Italien. Er wanderte trotz seines Appells an das Nationalgefühl der Italiener hinter Gitter, und Mona Lisa musste nach einer triumphalen Abschiedstour durch ihr Heimatland wieder nach Paris zurück. Seither ist sie eine Ikone, geliebt, gehasst, verspottet: Marcel Duchamp etwa versah eine Reproduktion mit Schnauz- und Spitzbart und der Beischrift „Elle a chaud au cul“: ihr ist es warm am Arsch.
Der deutsche Kunsthistoriker Frank Zöllner geriet schon als Bub in Mona Lisas Bann. Jahrzehnte später veröffentlichte er das maßgebliche Werkverzeichnis der Gemälde und Zeichnungen Leonardos. Sein schmales Buch bringt den Leser auf jeder Seite zum Staunen, weil der Autor neue Fragen an das Bild richtet, indem er es in seinen historischen Kontext zurückführt. Plötzlich verschwinden alle absurden Spekulationen, die aus flüchtigem Hinsehen (die durchschnittliche Besucher-Verweildauer vor dem Gemälde beträgt 4 bis 10 Sekunden) entstanden sind.
Die Mona Lisa ist ein Porträt der Lisa del Giocondo, einer Kaufmannsgattin aus Florenz, also ein bürgerliches Privatporträt, das der Seidenhändler Francesco del Giocondo von seiner Frau (ma donna, daher Mona) Lisa anfertigen ließ, als er ein neues Haus bezog und seine Frau glücklich von einem Sohn entbunden wurde. Der extrem langsame Maler Leonardo brauchte drei Jahre, von 1503 bis 1506, für das Bild, und dann empfand er es noch immer als unvollendet. Er übergab es nicht dem Auftraggeber, sondern behielt es bei sich und vermachte es einem Lieblingsschüler, aus dessen Nachlass es in die Kunstsammlungen des französischen Königs Franz I. gelangte.

Zöllner belegt mit Abbildungen, woher Leonardo seine Anregungen für das Porträt bezog: Es waren hauptsächlich holländische Personendarstellungen und italienische Madonnenbilder. Das wohlhabende Bürgertum im Florenz des frühen 16. Jahrhunderts wusste um die wohltätige Wirkung des Schönen in ehelichen Schlafzimmern. So schrieb der Architekt Leon Battista Alberti: „Dort, wo man sich mit der Frau vereinigt, sind ausschließlich besonders noble und schöne gemalte menschliche Formen zu empfehlen, denn, so sagt man, dies ist sehr wichtig für die Empfängnis der Frauen und die Schönheit der Nachkommen.“
Zöllner führt die zurückhaltend dunklen Kleider der Mona Lisa auf die Kleidervorschriften für Bürger jener Zeit zurück und betont, dass Frauenbildnisse damals mit Tugendsymbolen ausgestattet waren: Dem Einhorn, das Keuschheit bedeutete, oder Stundenbüchern, welche auf die Frömmigkeit der Porträtierten verwiesen. Leonardo ließ solche Symbole weg. Das Bild sollte nur aus einer Steigerung des bildeigenen Ausdrucks leben, und diese Steigerung erreichte er durch die Verteilung von Licht und Schatten. Die Gioconda sitzt auf einer Loggia, doch die Ausleuchtung des Gesichts entspricht keineswegs der natürlichen Beleuchtung einer Loggia. Leonardo ging es nicht mehr um die exakte Wiedergabe der Natur, sondern um einen autonomen malerischen Effekt, der dem Ausdruckswert des Porträts diente.
Bei jedem Argument des Autors blättert der Leser zu den Abbildungen und bemerkt, wie viel er noch zu entdecken hat in dem bekanntesten Bild der westlichen Welt. Mit diesem Buch lernt man neu schauen, nicht nur auf Mona Lisa, sondern auf jedes Bild.


Vom Porträt zur Ikone der freien Welt
Von Frank Zöllner
Wagenbach Verlag, Berlin 2006
107 Seiten, mit zahlr. Abb., brosch.,
€ 13,30
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