ro ro

Navigation
Literaturkritik | Filmkritik | Dossiers | Suchen
You do not have permission to download files

Vom Verschwinden der Dinge... - 29/2007

Herunterladen
Schielen nach Provokation
Matthias Polityckis gesammelte Essays sind nicht immer überzeugend, findet Evelyne Polt-Heinzl.

Vom Verschwinden der Dinge in der Zukunft ist der Titel eines Rundfunkessays, in dem Matthias Politycki über seine späte Begegnung mit dem standortunabhängigen Zugriff auf den digitalen Briefkasten berichtet. Es ist nicht ganz verständlich, weshalb er ausgerechnet diesen Titel für seine gesammelten Feuilletons und Essays aus den Jahren 1998 bis 2006 wählte. Der Abschnitt mit den Beiträgen über den Umgang mit den Neuen Medien gehört jedenfalls nicht zu den interessantesten des Bandes. Sie wirken ein wenig verstaubt und verlieren sich leicht ins Plaudernde, auch wenn immer wieder treffende Formulierungen zu finden sind wie jene von den digitalen Grabsteinen, die sich Autoren mit ihren mühsam gepflegten Homepages zu Lebzeiten selbst errichten.

Auch selbstrelativierend
Insgesamt präsentiert sich das Buch in sechs Themenabschnitten, und dass Politycki zu den alten Artikeln jeweils kommentierende, aktualisierende oder auch relativierende Vorbemerkungen verfasst hat, ist eine Tugend, der sich Autoren oder Kritiker selten unterziehen, wenn sie ihre gesammelten Feuilletonfrüchte zwischen zwei Buchdeckeln vorlegen. Politycki führt hier vor, dass solche Blütenlesen tatsächlich sinnvoll sein können, wenn sich der Autor aus der zeitlichen Distanz mit seinen einstigen Gedanken noch einmal auseinandersetzt und diese Debatte dem Leser mitteilt. Layoutmäßig führt das in diesem Fall leider zu einem etwas manieristischen Druckbild.
Inhaltlich am Provokantesten sind jene beiden Kapitel, die Polityckis Statements zu Politik und Gesellschaft vereinen und zu seinem Konzept vom „relevanten Realismus“. Das war der Titel jenes Manifests aus dem Jahr 2005, das keines sein wollte und wohl auch keines ist. Bedenkenswerter ist da sein Kommentar mit dem Titel Der amerikanische Holzweg, der acht Punkte auflistet gegen die „derzeitige Vormacht der Creative writing-Ästhetik“; Liebe zum Detail statt zum Plot, heißt es da, oder Sinn für Atmosphäre statt für maximal-effektive Informationsvermittlung und Kunst des Nicht-Erzählens statt immer nur erzählen.
Die politischen Essays werden mitunter vom Schielen auf den Faktor (sprachlicher) Provokation etwas beeinträchtigt und auch von mangelnder Selbstreflexion. Es ist zum Schmunzeln, wenn ein Feuilleton-Vielschreiber wie Politycki, der gern Trends ausruft und Analysen abliefert, gegen die „Feuilletonauguren“ wettert oder gegen „mediale Unkenrufer“, nicht ohne selbst den „Untergang des weißen Mannes“ zu prophezeien. Denn der sei gerade dabei, im Kampf der Kulturen virilitäts- wie imagemäßig rettungslos zu unterliegen. Der weiße Mann mag mit der ungleich verteilten Lendenkraft seine Schwierigkeiten haben, die Weltbevölkerungsentwicklung hat damit weniger Probleme, und das Rentensystem und die weiße Frau nur dann, wenn die Rasse rein zu bleiben hat. Bei Politycki liegt der Ursprung dieser These im Kulturschock, den er bei seinem Aufenthalt in Kuba erlebte, wie in seinem fulminanten Roman Herr der Hörner (2005) nachzulesen war.

Viel Unbehagen
Viele der Kritikpunkte an der westlichen Zivilisation, die Politycki auch aus dieser existenziellen Verunsicherung heraus radikalisierte, sind nachvollziehbar und bringen oft ein Unbehagen auf den Punkt, das die neoliberale Deregulierung von Lebensstilen, sozialen Systemen und Werthaltungen in breiten Teilen der (intellektuellen) Bevölkerung hinterlassen hat. Doch die Schlüssel, mit denen Politycki die Probleme angeht, können nicht immer überzeugen. Die Generation der 78er, der er sich zugehörig fühlt, habe sich freiwillig der Macht- und Futtertröge enthalten und sei nun gefragt, endlich Verantwortung zu übernehmen, meint er.
Doch das gängige Konstrukt der Generationen kommt mehr von der Markt- und Trendforschung her, und dort gehört es auch hin. Wenn politisch nichts eint, einen die Konsumprodukte und Werbespots, mit denen man „gemeinsam“ aufgewachsen ist. Da der Markt immer schnelllebiger wird, formiert sich automatisch alle paar Jahre eine neue „Generation“. Außerdem trifft das Problem der Machtabstinenz der 78er allenfalls jene vorwiegend Intellektuellen, die dank des neoliberalen Abbaus an den Universitäten und allen anderen öffentlichen Einrichtungen aus ihren Karrieren herausgedrängt und Schritt für Schritt ins immer prekärere Prekariat hineingewunken wurden. Akademiker in den mittleren Jahren sind davon tatsächlich besonders massiv betroffen, da diese Lebenswege zu einem Gutteil mit der damaligen Öffnung der Universitäten für Kinder aus der Unterschicht begannen.
Und hier mündet eine zweite Denkprämisse Polityckis, wonach die Begriffe rechts und links heute obsolet seien. In diesem Punkt sind sich linksliberale Kulturkritiker erstaunlich einig mit ganz rechts außen. Doch Recht haben sie beide nicht. Es ist nach wie vor ein zentraler Unterschied, ob man den Zustand einer Gesellschaft nach dem Wachstum der Dividenden und unter dem Blickwinkel des Wirtschaftsstandorts oder nach den Lebensbedingungen und vor allem nach den Lebensperspektiven für die breite Masse der Bevölkerung beurteilt. Dass es heute schwer ist, politische Parteien auszumachen, die nach letzterem ihre Programme ausrichten, ist eine andere Frage.


Vom Verschwinden der Dinge in der Zukunft. Bestimmte Artikel,
Von Matthias Politycki
Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2007. 208 Seiten, geb., € 25,70
You do not have permission to download files


DownloadsII 5.0.4 by CyberRanger & Jelle
Based on ecDownloads 4.1 © Ronin



Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  09:51:31 07.19.2005