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Warum Denken traurig macht - 02/2007

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Vergeblich?
George Steiner denkt über das Denken nach.
Von Janko Ferk

Gewisse Weisen des Denkens seien, meint der Oxforder Lord-Weidenfeld-Lehrstuhl-Inhaber George Steiner, wie die Atmung resistent gegen jegliche Art der Störung. Wir könnten kurzzeitig den Atem anhalten, es sei aber nicht evident, dass wir gedankenlos sein könnten. Diese Gedankenlosigkeit wäre gleichsam ein Wohnen im Nichts, zumal „wir die Welt mittels des Denkens (bewohnen)“. Das Überlegen trage eine Erbschaft der Schuld in sich, sei unzertrennbar mit Melancholie verbunden und wir wüssten nicht, was es sei und woraus es bestehe. „Das Denken ist in höchstem Maße unser Eigentum; verborgen im tiefsten Inneren unseres Seins.“

Denken mit Schwermut
George Steiner stellt in seinem neuen, schmalen, aber gewichtigen Band Warum Denken traurig macht die Traurigkeit in den Mittelpunkt seiner Gedankenarbeit, einer zehn Stationen umfassenden Meditation über Glanz und Elend der „Hirnemissionen“. Sein „hochtouriges Denken“ ist mit Schwermut grundiert. Es führt zum Zweifeln und ist durchdrungen vom Gefühl der Vergeblichkeit. Steiner konstatiert, das Denken sei unberechenbar, heillos, verschwenderisch, durch die Sprache eingeschränkt und eingegrenzt. Es ist, sagt dieser Philosoph, aussichtslos und führt zu nichts. Und doch ist das Denken die einzig menschenwürdige Anstrengung.

Metaphysisches Gedicht
Der Essayist und Lyriker Durs Grünbein fragt sich im bemühten und dennoch stringenten Nachwort, welcher Form sich der Philosoph und Schriftsteller befleißigt habe, da er Elemente des Essays, Manifests, der Meditation, des Traktats und anderer literarisch-philosophischer Formenkreise verbinde. Das Buch ist, nach Grünbein, mehr als die Summe dieser Elemente, es sei im Prinzip ein metaphysisches Gedicht.
George Steiner zitiert in zehn kurzen Kapiteln mehrere Kunstgattungen, Sprachen und Zeitalter zusammen. In der ganzen Abhandlung beruft er sich von der ersten bis zur letzten Zeile auf den Naturphilosophen und Erfinder der „Weltseele“, Friedrich Schelling. Eine Erkenntnis lautet, dass kein Weg zurück in den Garten Eden führe, sondern jeder vorwärts, in eine ungewisse Zukunft. Da und dort klingt ein Ton an, der dem belesenen Mitteleuropäer oder vielmehr Abendländer nicht ganz fremd ist, beispielsweise Augustinus, Descartes, Einstein, natürlich Kant, Wittgenstein, aber auch Kafka, der in einer anthrazitfarbenen Philosophie nicht fehlen darf und mit seinen „mächtigen unterirdischen Winde(n)“ zitiert wird.
Wer mit-denken und Schlüsse nach-denken will, sollte nicht zögern, in diese Gedankenmusik einzutauchen. Er wird das Echo des Rufs in die Wüste wahrnehmen. Er wird in einem Katalog mit unlösbaren Fragen (Existiert Gott?) blättern und dennoch nicht ratlos zurückbleiben. Die Menge der Wenn-Sätze, Optative und Konjunktive ist jedenfalls unendlich. Er wird sich in seinem Ameisendasein am Fuß des (zertrümmerten) babylonischen Turms wiederfinden, wo er die noble Diktion eines eindrucksvollen Schriftstellers und Philosophen genießen wird. Letztlich wird er um eine Nuance weniger traurig sein. Soll heißen, ein bisschen fröhlicher.


Warum Denken traurig macht
Zehn (mögliche) Gründe
Von George Steiner
Aus dem Engl. von Nicolaus Bornhorn
Mit einem Nachwort von
Durs Grünbein
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2006
89 Seiten, Leinen, € 14,80
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