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Weiße Plantagen - 25/2007

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Kluge Fragen
Erik Orsenna über die Verwertung des „Hausschweins der Botanik“.
Von Karl Vogd

Die Textilien der Zukunft entstehen in den Forschungslabors von Brasilia. Dort arbeiten Wissenschaftler fieberhaft an der Züchtung ganz neuer Baumwollsorten. Die sind resistent gegen Schädlinge, und auch Herbizide können ihnen nichts mehr anhaben. Und sogar die alten Klassifikationen, nach der Tiere und Pflanzen zwei unterschiedlichen Reichen angehören, werden aufgelöst. Im Forschungszentrum „Emprada“ bemüht man sich, der brasilianischen Vogelspinne ein Gen zu entnehmen und Baumwollsträuchern einzupflanzen. Die Fäden dieser Spinne sind nämlich besonders fein und elastisch. Baumwollfasern von bisher nicht dagewesener Elastizität und Festigkeit sollen helfen, Brasiliens Baumwolle an der Weltspitze zu positionieren.

Sieben Länder bereist
Die Beschreibung der Visite in diesem Forschungszentrum zählt zu den spannendsten Passagen in Érik Orsenna faszinierender Reportage Weiße Plantagen. Der Autor ist ein bekannter französischer Schriftsteller und Ökonom. Um den Geheimnissen der weißen Faser auf die Spur zu kommen, hat Orsenna sieben Länder in fünf Kontinenten bereist. Er war in Mali, wo die Menschen auf winzigen Feldern die Baumwolle mit der Hand ernten. Er war in den Vereinigten Staaten, wo der freie Wettbewerb beschworen und zugleich den Baumwollfarmen mit Milliardensubventionen unter die Arme gegriffen wird. Er begab sich nach Brasilien, wo der Regenwald den Industrien gleichenden Baumwollfeldern Platz machen muss. Orsenna stattete dem einzigartigen Baumwollmuseum in Kairo einen Besuch ab und er fuhr nach Usbekistan, wo die jahrzehntelange Bewässerung der Baumwollfelder die Fläche des Aralsees auf die Hälfte hat schrumpfen lassen. Er besuchte die chinesische Stadt Datang, die Weltmetropole der Socke, wo zehntausende Arbeiter sieben Tage die Woche zwölf Stunden lang Socken produzieren. Und am Schluss kehrt er zurück zur lothringischen Baumwollindustrie, die einen verzweifelten Überlebenskampf gegen übermächtige Gegner führt.

Preis für Reportagen
Orsennas Buch, das mit dem Ulysses-Preis für Reportagen ausgezeichnet wurde, beschäftigt sich mit dem „Hausschwein der Botanik“, wie der Autor die Baumwollpflanze wegen ihrer optimalen Verwendbarkeit nennt. Er hätte aber auch über Kaffee, Mais, Soja oder Zucker schreiben können, um zu veranschaulichen, worum es ihm geht: um den Hunger der Menschen nach einem besseren Leben, um die Plünderung der Schätze der Erde und um die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.
Der Autor verzichtet weitgehend auf politische Stellungnahmen und bietet stattdessen ein aus bunten Steinchen zusammengesetztes Mosaik. Er lässt die Menschen reden und hört ihnen zu. So gelingt ihm eine brillante Erkundung der Bedingungen unserer globalisierten Welt. Mit Theorien sowie Heils- oder Horrorbotschaften hält er sich zurück. Statt Rezepten findet man kluge Fragen. Und vor allem schreibt Orsenna mit wachem Blick auf, was auf der Welt passiert. Damit leistet er etwas sehr Wertvolles. Er bietet eine Fülle von Anschauungsmaterial und zeigt auf, dass vieles an der Globalisierung gar nicht so neu ist. Es geht vor allem um den Wetteifer der Menschen, darum, wer das meiste aus der Erde herausholt, egal, wie sie hinterher aussieht. Das war früher so und ist heute nicht anders. Bloß die Methoden sind effizienter geworden.


WEISSE PLANTAGEN
Eine Reise durch unsere globalisierte Welt
Von Érik Orsenna
Aus dem Franz. von Antoinette Gittinger und Uta Goridis
Verlag C. H. Beck, München 2007
288 Seiten, geb., € 19,50
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