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Winter's Bone - 12/2011

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In Amerikas Abgrund

Von Alexandra Zawia

Dass der international meist gelobte US-Film des vergangenen Jahres eine Independentproduktion war, die sich fundamental von allem unterscheidet, was Hollywood als Erfolgsrezept kennt, kann als ein Zeichen mehr dafür gewertet werden, dass das amerikanische Mainstream-kino in einer Krise steckt. Debra Graniks Thriller „Winter’s Bone“ wurde nicht nur mit Festivalpreisen überhäuft, sondern war auch vier Mal für den Oscar nominiert, ohne aber auch einen zu erhalten. Denn Tatsache ist, dass die Academy die Preise lieber doch an jene vergibt, denen der Stempel der Konformität auf der Stirn prangt.

Abseits des Mainstream-Amerika

Ein weiterer und viel wesentlicherer Umstand aber, warum „Winter’s Bone“ im Mainstream-Amerika lieber still unter den Teppich gekehrt würde, ist die Region in der er spielt: Im Film lebt die 17-jährige Ree mit ihrer kranken Mutter und ihren beiden kleinen Geschwistern allein auf einem heruntergekommenen Gut in den Ozark Mountains, ein riesiges Hochlandplateau im Süden von Missouri. Es ist eine der ärmlichsten und abgeschiedensten Gegenden der USA und eine sogenannte „Shatter Zone“.
Rein geologisch bezeichnet dies eine zerklüftete, unwirtliche Bergregion. Aber sozialanthropologisch gesehen ist eine „Shatter Zone“ seit dem Zweiten Weltkrieg ein Grenzgebiet, in dem sich vor allem Widerstandskämpfer ansiedelten, um der durch den Staat exerzierten kapitalistischen Wirtschaft mit den einhergehenden Gesetzesregelungen zu entkommen. Speziell die Region der Ozarks ist zudem für die Herstellung der Bewusstseinsdroge Crystal Meth bekannt.
Im Film erhält Ree (außerordentlich: Jennifer Lawrence) die Nachricht, dass ihr Vater, der auf Kaution aus dem Gefängnis gekommen war, nicht zu seinem letzten Gerichtstermin erschienen ist. Weil die Kaution aber aus dem Haus und dem dazugehörigen Land bestand, droht Ree nun alles zu verlieren, falls ihr Vater auch nicht den nächsten Gerichtstermin wahrnimmt. Ree macht sich auf die Suche, muss jedoch feststellen, dass sie sich damit selbst in Lebensgefahr begibt. Sie beginnt- zu ahnen, dass ihr Vater ermordet wurde. Dennoch gilt es, ihn zu finden, oder zumindest Teile von ihm, um der Polizei beweisen zu können, dass er nicht vor Gericht erscheinen kann.

Nicht eindeutig zuzuordnen

Es ist eine bemerkenswerte Leis-tung von Regisseurin Debra Granik, dass sich „Winter’s Bone“ nicht eindeutig einem Genre zuordnen lässt. Sie kombiniert Elemente aus dem Sozial-Drama, dem Thriller, dem Horror- und dem Dokumentarfilm zu einer intimen, neorealistisch anmutenden Nahaufnahme der aktuellen Lebens-umstände in der Ozark Shatter Zone, in der nach eigenen Gesetzen gelebt wird und wo Polizei und Behörden mit instinktivem Misstrauen und erfahrungsgelernter Feind--
seligkeit beäugt werden. Schweigen ist Pflicht hier, wo alle von illegalen Geschäften leben und es besser ist, von nichts zu wissen.
Und allmählich wird eine notgedrungene Gemeinschaft sichtbar wie ein Pilzgeflecht unter der Erde, das Außenseiter in die Falle lockt. Weder lässt sich Granik zu klischeehafter Sozialkritik hinreißen, noch versucht sie, die Region „folkloristisch zugänglich“ zu machen. Dennoch ignoriert sie in ihrer Adaption des gleichnamigen Romans von Daniel Woodrell nicht jene Elemente, die der Autor selbst als „Country Noir“ definierte: Ree und ihre Verwandten, mit ihren Totem-Tier-Aufdrucken auf ihren Sweatshirts, den Bären-Klauen-Schlüsselanhängern und den Fell-Überzügen sind von einer animis-tischen Spiritualität geprägt, die einem grausamen Rangordnungs- und Ehrenkodex folgt.
Granik interessiert die Beziehung von Umgebung und Figuren, doch sie psychologisiert nie, gibt auch keine Antworten, sondern bleibt beobachtend. Authentizität und Ausbruchsmöglichkeiten stehen für sie im Fokus.

Der Fluch des Crystal Meth

Viele der Nebenrollen sind in „Winter’s Bone“ mit Einheimischen besetzt. Das Konzept, funktioniert, weil Granik ihnen Freiheit in der Dialoggestaltung ließ und die professionellen Schauspie-ler damit umgehen konnten. Granik und ihre Crew begleiteten die Bewohner durch ihren Alltag, filmten in ihren Häusern und verwendeten ihre Kleider als Kostüme im Film. Die Menschen sind vom Crystal- Meth gekennzeichnet, das schon nach einmaligem Konsum zu schweren körperlichen und psychischen Schäden führen kann und Rees Umfeld buchstäblich aufzufressen scheint. „Es ist eine bemerkenswerte menschliche Eigenschaft, sein Leben – ungeachtet widriger Umstände – lebenswert gestalten zu wollen“, sagt Granik. „Aber wie macht man das in Rees Fall, ohne daran zu ermüden, zu verzweifeln oder gar zu zerbrechen?“ Fragen, die es wert wären, gerade im Glitzer-Schein der Oscars noch oft gestellt zu werden.


Winter’s Bone
USA 2010. Regie: Debra Granik. 

Mit Jennifer Lawrence, John Hawkes, Kevin Breznahan, Dale Dickey.
Filmladen. 100 Min. Ab 1.4.
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