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wIeNGREDIENZIEN - 06/2007

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„Wir entwackeln Ihren Sessel“
Reinhold Aumaier arrangiert Schriftliches und Mündliches aus Wien.
Von Maria Renhardt

Die Rolle des Autors ist in ständiger Veränderung. Der aus dem oberösterreichischen Mühlviertel gebürtige Wiener Sprachkünstler Reinhold Aumaier führt dies in seinen wIeNGREDIENZIEN wieder einmal eindrucksvoll vor. Wie bereits in seiner 2004 erschienenen Augenausfischerei verrät auch diesmal schon der Titel eindringlich Aumaiers Faible für das Jonglieren mit den Ingredienzien der Sprache. Durch Verschiebung und Akzentuierung spurt er fragile Assoziationsnetze und legt thematische Fährten.
Während er sich jedoch in seinem Konglomerattext mittels Sprachmimikry an mediale Alltagsmeldungen, Zitate und literarische Versatzstücke heranmacht, sie aufbricht und neu verfugt, geht er in seinem neuen Buch noch einen Schritt weiter, indem er sich der sprachlichen Realität aussetzt, die ihn umgibt. Seinen Stoff entnimmt Aumaier also der Sprachumwelt. Dabei dringt er sichtend und ordnend in die ungewöhnlichsten Nischen menschlicher Sprachäußerungen vor und werkt raffiniert mit den sprachlichen Rohstoffen.

Arrangeur und Dramaturg
Seine zwischen 1994 und 2005 aufgezeichnete Stadtpoesie zeigt eine ebenso radikale wie interessante Fortsetzung der Autorenrolle als Arrangeur und Dramaturg. Diese Rolle verlangt, dass man zum richtigen Zeitpunkt hinhört, mitschreibt und einen selektiven Blick angesichts der Informations- und Zeichenflut entwickelt und das Aufgezeichnete schließlich in eine kompakte, dramaturgisch relevante Reihenfolge bringt.
Aumaiers wIeNGREDIENZIEN dringen mitten ins Herz der Wiener Kultur und Sprache, denn im Grunde handelt es sich hier um eine Stadt-Mit-Schrift, um eine „work in progress“-Aktion, wie es im Untertitel dieses Buches heißt, in der „zwischen poesievering und vermeidling“ Überraschendes zutage gefördert wird. In diesem Sinne plündert Aumaier das Amtliche Telefonbuch, Zeitungen und Inserate nach Kuriosem und sammelt Plakatüberschriften, Graffiti, Grabinschriften, Zeittafeln, Vereinsnamen, Wiener Fußballclubs, Straßennamen oder Programmzettel. Das geht sogar so weit, dass eine simple Auflistung von Namen ein sprachmagisches Ganzes ergibt.
Wie so oft gewährt das gesprochene Wort – und hier ist Aumaier ein Meister im Aufnehmen aphoristischer oder skurriler Volkssager – tiefe Einblicke. Dem Wiener Erwachsenen- und Kindermund entstammen beispielsweise folgende Gesprächsfetzen: „Hast g’lesen in da Ganzen Woche, wann de Wöd untergeht? 2012!“ /
„I geh dann zum Walfisch und hau ma a Kriagl ins Gnack.“ / „Im Prinzip sind wir alle Hoppelhasen. Stimmt!“ / „Verständnisvoll handeln können andre Tiere auch, aber einsichtig san nur die Aff’n.“ Auf einer Wiener Kurier-Parkbank in Schönbrunn ist zu lesen: „Nehmen Sie Platz und atmen Sie ruhig! Diese Bank enttäuscht Sie nicht! Erwin Steinhauer.“

Originell und ungewöhnlich
Aumaiers Stadtpoesie ist originell. Vor allem aber zeigt sie ungewöhnliche Zutaten aus den facettenreichen Speichern Wiener Alltäglichkeiten und die besondere Fähigkeit des Autors, mit spitzen Fingern in den Sprachwust hineinzugreifen. So entsteht eine urbane Kulturgeschichte der anderen Art. Seltsamste Namen (Gugumuk Walter, Schmal-Filius Dietger, Hackstock Gutta), g’schmackige Leut’ (Paprika Istvan, Ingeborg Ravioli, Helmut Wursthorn …) oder frappierende Gassenbezeichnungen (Ochsenkopfweg, Im Gestockert, Herrenhäufel …) gondeln durch den Text. Selbst Musikkritiken können manchmal ihresgleichen suchen: „Seine Liederabende dauern gefühlte zehn Minuten, und danach ist man dafür reale zehn Tage glücklich. Es ist nicht einfach Gesang. Eigentlich strömt aus Michael Schades Mund ein Strahl aus Gold.“ Ebenso interessant sind kulinarische Details aus Menükarten samt herrlichen Fehlern („Mayoranfleisch mit Spirale; Eiflaumsuppe / Blunz / mit Röstkartoffel / und Sauerkraut“).

Holpriges und Kurioses
Aumaiers wunderbare Stadtpoesie erreicht durch pointierte Bearbeitung und subtile Anordnung des Materials spezifische Effekte. Aus früheren Texten kennt man bereits seinen souveränen Umgang mit der Sprache, und auch hier entblößt er treffsicher und mit Gespür Vorurteile oder macht Formulierungen in ihrer Holprigkeit bewusst. Und schließlich funkelt und vibriert in diesem Text natürlich Witziges, vor allem aber auch Unglaubliches. Gerade die Kuriosität so mancher Äußerung („WIR ENTWACKELN IHREN SESSEL“) verlangt ein diagnostizierendes, sprachkritisches Sensorium. Aumaier zeigt uns eine zweite Seite Wiens, vielleicht in Anlehnung an eines seiner Zitate: „Die Welt sehen / Große Häfen entdecken das Meer.“


wIeNGREDIENZIEN
Stadtpoesie 1994–2005
Von Reinhold Aumaier
Ritter Verlag Klagenfurt, Wien 2006
134 Seiten, brosch. € 13,90
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