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Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens - 24/2007

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Kein Ich bin Ich
Der Philosoph und Essayist André Glucksmann wird 70.
Von Nikolaus Halmer

Zu Beginn seiner Erinnerungen Wut eines Kindes. Zorn eines Lebens bekennt André Glucksmann, dass es ihm bereits als Kind verwehrt wurde, „die klare Gewissheit eines Ich bin Ich“ auszubilden. Deshalb bereite es ihm „ein diebisches Vergnügen, die Identitäten zu wechseln“. Die Folge war eine lebenslange Skepsis – sich und anderen Menschen gegenüber. Im Gespräch mit der Furche deutet Glucksmann an, dass die Kindheit für ihn ein Synonym für Zerbrechlichkeit bedeute, die dem Erwachsenen meist abhanden gekommen sei.
Andererseits existierte beim jungen Glucksmann eine Seite, die ebenfalls sein Leben geprägt hat. Es ist „die Wut eines Kindes“. Sie zeigte sich anlässlich eines Festes für jüdische Waisenkinder, das die Bankiersfamilie Rothschild veranstaltete. Man feierte das Ende des Krieges. Die fröhliche Stimmung wurde plötzlich durch eine Aktion des kleinen André gestört, der unter heftigem Keuchen begann, seine Schuhe auf seine Wohltäter zu werfen. Damit protestierte er gegen die Rückkehr der Erwachsenen zur Normalität, die allzu rasch bereit war, die Ungeheuerlichkeiten des Krieges und das Leid der Résistancekämpfer zu vergessen.

Wut auf den Terror
Die Wut eines Kindes verwandelte sich später in den Zorn eines Lebens. Der Zorn des Philosophen und Essayisten Glucksmann, der am 19. Juni seinen 70. Geburtstag feiert, richtete sich gegen die Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit und Willkür der Herrschenden. Sein Ziel bestand und besteht darin, die Selbstzufriedenheit der westlichen Demokratien zu attackieren, die dem täglichen Morden gleichgültig gegenüberstehen. Er selbst reagierte häufig mit großer Wut auf den Terror, der von unterschiedlichen politischen Ideologien und staatlichen Instanzen ausgeht.
Glucksmanns Autobiografie verläuft keineswegs nach dem Muster eines Entwicklungsromans. Zwar tauchen einzelne Erinnerungen auf; sie vermischen sich jedoch mit philosophischen Reflexionen und Bemerkungen zur Politik, die meist in einem bitteren Tonfall gehalten sind.
Ausführlich beschreibt Glucksmann seine Kindheit als „Entwurzelter“. Als Sohn einer österreichisch-jüdischen Familie wurde er am 19. Juni 1937 in Boulogne-Billancourt geboren. Die Eltern waren vor Hitlers Machtergreifung nach Palästina ausgewandert. Sie kehrten nach Deutschland zurück, um am antifaschistischen Widerstand mitzuwirken. 1937 konnten sie nach Frankreich fliehen, wo Glucksmann aufwuchs. Seine Kindheit war vom Engagement seiner kommunistisch ausgerichteten Eltern geprägt. Mit drei Jahren verlor er den Vater; die Mutter rettete ihn und seine beiden Schwestern vor der Deportation in ein deutsches Konzentrationslager.
Diese Erfahrungen führten Glucksmann dazu, bereits im Alter von 13 Jahren in die Kommunistische Partei einzutreten, die er aus Protest gegen den sowjetischen Einmarsch in Ungarn bald wieder verließ. Er studierte Philosophie und war publizistisch tätig. In den Studentenunruhen des Jahres 1968 in Paris war Glucksmann neben Daniel Cohn-Bendit einer der Protagonisten. Die gescheiterte Revolte von 1968 führte zu einer vorübergehenden Radikalisierung: Glucksmann wurde Mitglied der militanten maoistischen Splittergruppe „Gauche proletarienne“, die auch von Jean-Paul Sartre unterstützt wurde. Im Buch bezeichnete Glucksmann diese Phase der „kritiklosen Huldigung der Person Mao Zedongs“ als „einen Punkt in meinem Erwachsenenleben, den ich wirklich bereue“.
Bekannt wurde Glucksmann mit der Aufsehen erregenden Abrechnung mit dem Marxismus, die er in seinem Buch Köchin und Menschenfresser. Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager 1975 vorlegte. Diese radikale Totalitarismuskritik erweiterte er in seinem Werk Die Meisterdenker. Darin setzte er sich kritisch mit den staatsphilosophischen Ideen großer deutscher Philosophen wie Fichte, Hegel und Marx auseinander. „Die Meisterdenker haben das sokratische Fragen hinter sich gelassen“ – so Glucksmann im Gespräch – „sie wollten ein positives Wissen festschreiben.“

Unbequemer Denker
Glucksmann versteht sich weiter als „unbequemer Denker“, als Dissident. Trotz heftiger Einwände ehemaliger Mitstreiter der Studentenunruhen des Pariser Mai 1968 scheute er sich nicht, den Nuklearpazifismus der Friedensbewegung zu kritisieren, das NATO-Bombardement auf Serbien zu rechtfertigen und ein militantes Vorgehen gegen islamistische Fundamentalisten zu fordern. Diese kompromisslose Haltung führte zu einer unterschiedlichen Bewertung seiner Aktivitäten. Während ehemalige osteuropäische Dissidenten wie Vaclav Havel oder Adam Michnik das Engagement Glucksmanns würdigten, bezichtigten ihn Vertreter der kommunistischen Parteien des Verrats am Marxismus oder warfen ihm – wie der französische Philosoph Gilles Deleuze in einem Beitrag für Le Monde – Ichbezogenheit und Eitelkeit vor.
In seiner Rolle als Philosoph der Dissidenz ist sich Glucksmann der Gefahr bewusst, allmählich die Pose einer Kassandra einzunehmen. Davor bewahrt ihn seine grundlegende Skepsis, die ihn seit der Kindheit begleitet. Seine Wahl, Dissident zu sein, bedeutet für ihn, „dass man in einem schwankenden Ganzen ein entwurzeltes Leben lebt“.


Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens
Erinnerungen von André Glucksmann
Aus d. Französ. v. Bernd Wilczek
Verlag Nagel & Kimche, 2007
318 Seiten, geb., € 24,20
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