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Zweischritt - 21/2007

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Parallelleben
Andrea Grills erster Roman lotet mit Witz das Bodenlose zwischen den Menschen aus.
Von Daniela Strigl

Fast allen, die ich kannte, waren die Tage zu kurz. Manchen waren sie zu lang. Keinem waren sie richtig.“ Die Ich-Erzählerin in Andrea Grills Romandebüt gehört zweifellos zur ersten Kategorie. Kein Wunder: Die junge Zoologin, wohl mit der Autorin entfernt verwandt, ist ständig in Bewegung, arbeitet emsig an einem Projekt zur Erfassung des Genmaterials von Eichhörnchen, kommt nicht zuletzt deshalb viel herum in der Welt, hat überall Bekannte und führt, wie ihre Eltern bemängeln, lauter „Parallelleben“. Zwischendurch freilich liegt sie auch, gelähmt von der Hitze, stundenlang auf dem Steinboden ihrer italienischen Wohnung und sehnt sich nach einem Kühlraum. Der Rollenwechsel ist für sie eine Art Lebenselixier, ihre Haustür wird zum Theatervorhang, hinter dem sie stets als neuer Charakter auftaucht, bald als Kasperl, bald als Krokodil: „Ich habe keine Ahnung, wie die anderen ununterbrochen zusammen sein konnten, ohne sich zu erschöpfen.“

Doppelter Boden
Der Hang zur Verwandlung und der Drang zur Verblüffung des Publikums bestimmen auch die Erzählweise des ziemlich heterogenen Romans, der, anders als die handfesten Familiengeschichten in Grills erstem Buch Der gelbe Onkel, einen ebenso schwindelfreien wie trittsicheren Leser erfordert. Da heißt das Ich „Hans Lokomotiv“ und ist trotzdem eine Sie. Da gibt es in einer Stadt namens Mokum einen Mann, dem die Erzählerin nolens volens dauernd über den Weg läuft, und zwei andere Männer, die beide gar nicht erschöpfend, irgendwie toll und leicht zu verwechseln sind – Doppelgänger vielleicht? So manches scheint einen doppelten Boden zu haben, und vielleicht ist hier eine sich selbst auf den Fersen. Der Zweischritt ist ein Tanz im Zweivierteltakt, er meint aber wohl auch die vergebliche Sehnsucht nach einem echten Parallelleben, in dem man das ganz Andere ausprobieren könnte.

Staunend Welt erkunden
So hat die Welt den Neugierigen vom Schlage der ständig unter Volldampf stehenden Hans Lokomotiv immerhin Nagetier-Arten zu bieten, die nach wie vor der Entdeckung harren. Gleich zu Beginn bekennt die Erzählerin sich zum Staunen als dem idealen Ausgangspunkt für jede Welterkundung. Staunenswerter noch als die Tiere erscheinen ihr die anderen Menschen, die ihr äußerlich so ähnlich sind und doch so fremd: „Ich hätte gerne gewußt, ob andere auch manchmal alle Dinge zu Ende dachten und was sie mit diesen Gedanken machten.“
Mit ihrer Geschichte einer quecksilbrigen jungen Frau steuert Andrea Grill auf den ersten Blick im Mainstream juveniler Erlebnisprosa, es gelingt ihr aber, dem Schifflein, zwischen Brasilien und dem Balkan, ein paar verblüffende Wenden ins Absurde zu verpassen, ehe sie es wieder in ruhigere Gewässer lenkt. Es sind die genauen, ungenierten Beobachtungen, die diese Prosa schön und aufregend machen, Überlegungen zur „Konversation mit Objekten“ oder zur Panik vor dem Wohlsein, in denen es dem Ich wirklich gelingt, die Dinge zu Ende zu denken, ohne Angst, dass dabei eine Banalität herauskommen könnte; es ist die Auslotung des Bodenlosen zwischen den Menschen: wenn zum Beispiel ein kleiner, schwitzender Mann am Bahnhof dem Ich in geschlagenen siebzehn Minuten sein Leben erzählt; es sind die Kippeffekte zwischen Ernst und Komik, es sind die Aperçus. „Ein Wagen ist wie ein Haustier, nur ärger“, lautet eine tiefe Einsicht. Und Moor, der eine der beiden Männer aus Mokum, erklärt das Problem, die geeignete Partnerin zu finden, mit dem einer Unterhaltung am nächsten Morgen: „Jeder sei interessant genug für ein Mittagessen, doch kaum jemand sei interessant genug für ein Frühstück.“

Prosa mit Witz
Diese Prosa hat Witz, sie ist authentisch und programmatisch gegenwärtig. Hier schreibt vor allem eine, die mit jedem Satz weiß, was sie sagen will. Allerdings nicht immer kann. Ein sorgfältigeres Lektorat wäre dieser hochbegabten Autorin zu wünschen gewesen. Mag die Wahl der poetischen Waffen auch prinzipiell frei sein: Der kreative Umgang mit dem Konjunktiv I und II gehört gewiss nicht dazu. Es ist ärgerlich, wenn ein Text sich an der sprachlichen Paradeiser- respektive Blumenkohl-Front so gar nicht entscheiden kann. Wenn Grammatikfehler das Vergnügen an einem originellen Gedanken trüben oder man einen Satz lesen muss wie „Jetzt hatte ich das Bedürfnis nach frischer Luft, vermochte jedoch keinen Grund zu versinnen, der mich nach draußen zwang.“ Ja, bitte, dringend frische Luft!

Wenig Sorgfalt
Die ungebündelte Neugierde auf die Welt, die in Zweischritt propagiert wird, steht einer Schriftstellerin gewiss gut an. „Würde ich den anderen so viel Aufmerksamkeit widmen wie du“, sagt Moor einmal zur Erzählerin, „bräuchte ich eine Sekretärin für meine Gedanken.“ Meinetwegen – aber auch das Geschriebene will geordnet werden.


Zweischritt
Roman von Andrea Grill
Otto Müller Verlag, Salzburg 2007
262 Seiten, geb., € 19,-
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  11:54:54 07.19.2005