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Der Marsch - 39/2007

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Blutige Befreiung
E. L. Doctorow führt mit seinem Roman „Der Marsch“ in das Wüten im amerikanischen Bürgerkrieg.
Von Brigitte Schwens-Harrant

Antebellumhäuser nennt man jene Villen im Süden der USA, die das Wüten der Jahre 1861–1865 überstanden haben. Demokratische Yankees kämpften damals, so lernte man, gegen die aristokratischen Baumwollpflanzer des Südens. Der Norden marschierte im Namen der Menschenrechte und für die Abschaffung der Sklaverei, vor allem aber um die Union zu erhalten. Der Süden – mit Sklaverei und Baumwolle reich geworden – kämpfte bis aufs Blut. Der Krieg, in dem Abraham Lincoln gegen die Abspaltung der Konföderierten Staaten mit modernen Waffen und einer Überzahl an Soldaten kämpfen ließ und den er schließlich gewann, ging als Sezessionskrieg in die Geschichtsbücher ein.

Mensch als Waffe
In seinem jüngsten, soeben auf Deutsch erschienenen Roman wirft der bekannte amerikanische Schriftsteller E. L. Doctorow seinen literarischen Blick auf diesen blutigen Abschnitt der Geschichte, der den Sklaven die Freiheit brachte und alles in allem – samt Folgen von Epidemien in Gefangenenlagern und Lazaretten – vermutlich über 600.000 Menschen das Leben kostete. Der Autor folgte General William Tecumseh Sherman bei den letzten großen Offensiven gegen die Konföderierten. „Als Befehlshaber betrachte ich den Tod eines meiner Soldaten zunächst und vornehmlich als einen numerischen Nachteil, als Passivposten in der Bilanz. Damit ist er für mich ausreichend definiert.“ So räsoniert jener General, der als Vater um seinen Sohn trauert, aber weiß, dass er als Befehlshaber eine nicht vollständige Sicht auf den Tod hat und haben kann – und auf den einzelnen Menschen, in dem er eine Waffe sieht. Das gilt auch für den Präsidenten: „Als wir in den ersten Kriegsjahren so viele Männer verloren haben, rief der Präsident schlicht dazu auf, dreihunderttausend weitere zu rekrutieren. Wie kann er, der Präsident, da wirklich verstanden haben, was der Tod ist?“

Die drei Abschnitte des Romans entsprechen der Marschrichtung des Generals: sie führen von Georgia über South Carolina nach North Carolina. Mit seiner Erzählweise versucht Doctorow, dem Chaos, dem Durcheinander, der unaufhaltsamen Bewegung und Verwüstung eine entsprechende Form zu geben. Es begegnen und verschwinden viele Personen, die alle irgendwie vom Krieg betroffen sind. Von den Plantagen verjagte Gutsbesitzerinnen sind darunter ebenso wie plündernde Soldaten oder plötzlich herrenlos gewordene Sklaven, die noch nicht recht wissen, wohin – mit sich und ihrer Freiheit.
Da ist etwa Emily Thompson, die Tochter des ehemaligen Richters am Obersten Gerichtshof von Georgia. Sie verliert ihr Hab und Gut und hilft schließlich in den Feldlazaretten dem Arzt Wrede Sartorius. Dieser wiederum hat in Göttingen gelernt, den „hierarchischen Kriegerunsinn“ zu verabscheuen, und nützt den Bürgerkrieg als Praktikum. Unterwegs ist auch Thompsons ehemalige Sklavin Wilma Jones, die mit Coalhouse Walker ein neues freies Leben versucht. Mattie Jameson wiederum wurde aus ihrem Herrenhaus vertrieben und ist nun auf der Suche nach ihren zwei Söhnen. Den einen findet sie tot, der andere wird ihr akkurat von Pearl, der Tochter ihres Mannes und einer Sklavin, sozusagen in die Arme gelegt. Pearl gibt ihrem Halbbruder, der sie im früheren Leben wie Dreck behandelt hat, sogar eine Münze mit, in der ein „ganzes Leben Niggerarbeit“ steckt. „Und nichts von dem, was du noch im Leben tust, wird ausreichen, uns das zurückzuzahlen. Ich will bloß, dass du das weißt.“

Freiheit lernen
Pearl, die „weiße Negerin“, ist eine der interessantesten Gestalten des Romans. In ihrem Versuch, die Freiheit zu lernen, ist sie überzeugender gezeichnet als andere Figuren, von denen manche etwas filmklischeehaft wirken. Eines fällt auf: es sind die Frauen, die anders ticken, um es salopp zu sagen. Etwa Emily: sie erträgt das kühle Forschungsinteresse des Arztes nicht, das so ohne Mitleid scheint, denn: „Haben wir etwa keine Seele?“
Kein Krieg ohne Medien – Fotografien wurden bekanntlich auch damals schon zu Propagandazwecken manipuliert. Josiah Culp bannt „den großartigen Marsch von General Sherman für künftige Generationen“ in Bilder, bis er umgebracht wird. Hugh Pryce, ein Korrespondent der Londoner Times, findet es aufregend, „wie diese sechzigtausend Provinzler eine dreißig Meilen lange Sense der Zerstörung über einen einst fruchtbaren Landstrich schwangen.“
Doctorows Roman wurde mit Leo Tolstojs Krieg und Frieden verglichen. Der Autor führt seine Erzählkamera einmal zur einen Person, dann wieder zur anderen. Manche begegnen wieder und einander, andere verliert man aus dem Blick oder sie verlieren ihr Leben. Währenddessen donnern die Kanonen, werden Städte geplündert und Häuser niedergebrannt, unbewaffnete Männer reihenweise erschossen – nicht im Kampf –, Kriegsgefangene misshandelt und schwarze Frauen von ihren Befreiern vergewaltigt, denn: „Wenn diese Akte von Vandalismus aus Rache begangen werden, dachte Teack, nun, dann sind sie von einer Wirksamkeit, auf die eine Armee stolz sein sollte.“ Wie also sieht die Moral der Befreiungstruppen aus? „Die besten Offiziere wussten, wann sie wegzusehen hatten.“ Kil Kilpatrick, dessen Kavallerie Kill-Kavallerie genannt wird, holt sich stets junge Schwarze ins Bett. Sherman wiederum weiß nicht, was tun mit dem Ballast, d.h. den vielen freigelassenen Sklaven, die seine Truppen begleiten und stören – er weist ihnen Land an der Küste zu. „Sollen sie meinetwegen ihren Exodus fortsetzen, brummte Sherman, aber nicht in die Richtung, in die ich ziehe.“

Dahintreibende Welt
Obwohl der Marsch ein Ziel hat, gibt es vielleicht gar keine Richtung in diesem mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichneten Roman. Doctorow beschreibt die Welt als eine dahintreibende. Moralisierende Verallgemeinerungen oder Anspielungen auf die aktuelle Situation im Irak braucht der Autor nicht. Beschrieben wird nichts anderes „als ein Krieg nach einem Krieg, ein Krieg vor einem Krieg“. Hier wird nicht gewertet. Hier wird einfach nur erzählt. Doch an seinem Ende begreift sogar der Journalist: „Hier holte ihn nicht der Krieg als Abenteuer ein, nicht der Krieg um einer ernsten Sache willen, sondern Krieg in seiner reinsten Form, ein sinnloser, von jeder Sache, jedem Ideal oder moralischen Prinzip abgelöster Massenwahn. Es war, als habe Gott diesen eigenschaftslosen Wirrwarr geistloser Kräfte verfügt, als Antwort auf die menschliche Anmaßung.“


Der Marsch
Roman von E. L. Doctorow
Aus dem Engl. von Angela Praesent
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007
411 Seiten, geb. € 23,60
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