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Von der Gänsehaut der Zeit - 40/2010

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Von der Gänsehaut der Zeit

Olga Martynova gewährt in ihrem ersten deutschsprachigen Roman interessante Einblicke in das Russland des 20. Jahrhunderts.

Von Maria Renhardt

Es sind nicht nur die russischen Verse und ihre Vorlesungen, die die Germanistin Marina zu einem Kongress nach Deutschland führen. Ihre Gedanken sind noch immer durchpulst von Andreas, dem Deutschen, der in Leningrad vor 20 Jahren Russisch studiert hat. Damals sind sie ein Paar gewesen, aber das Leben hat sie auseinandergeführt.
Die Reflexion dieser Beziehung und die erneute Annäherung ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman der in Leningrad aufgewachsenen Autorin Olga Martynova. Gleich zu Beginn heißt es: „Andrjuscha, werde ich sagen, ich bin zwanzig Jahre älter und nicht klüger geworden.“

Politisch und literarisch

Überhaupt gibt das Zurückgleiten in die Tiefen der Vergangenheit dem Band ein wichtiges Fundament, weil ihn der Zeitfluss durchwebt im Ineinander von Ewigkeit und punktuellen Ereignissen, die aus der Geschichte und der Gegenwart gehoben werden. Auf diese Weise belichtet Martynova kenntnisreich politische und literarische Innenwelten der russischen Gesellschaft. Am Beginn jedes Kapitels ist zur schnellen Orientierung eine Jahreszahl in eine Zeitleiste gekerbt.
Martynova führt mitten hinein in das russische Leben, in die ungewöhnlich schneereichen Winter und in die Auseinandersetzung mit den nicht beschlagnahmten „Dingen von früher“ aus der „geköpften Zeit“ der 20er-Jahre. Das letzte Jahrhundert hat Russland viele Scherben und gewaltsame Umwälzungen beschert: Dem Zaren folgt die Revolution samt den damit verbundenen Umbrüchen. Marina erzählt vom verfolgten russischen Avantgardisten Daniil Charms und seinem Freund Leonid Lipawskij, der deren Gespräche „fotografiert“: „Das war 1933 und 1934. Keine zwanzig Jahre nach der Revolution. Und doch: In kleinen logischen Schritten sind die Menschen, auch die Schriftsteller zu Sowjetmenschen, respektive Sowjetschriftstellern geworden.“ Überhaupt erweist sich die russische (Widerstands-)Literatur als feine seismografische Dokumentation des letzten Jahrhunderts. Martynova wagt sich an die Geheimnisse der Zeit und wirft auch Blitzlichter auf die Belagerungskatastrophe von Leningrad während des Zweiten Weltkriegs. Der kritische Blick der Protagonistin fällt auf die Nachwelt, die dieses Kapitel der Geschichte umschreibt und verkennt. Erst später, sehr viel später, als es zu „knicken und zu knacken“ beginnt, die Grenzen sich wieder lockern, wagt Marina eine Reise nach Deutschland.
Die Autorin gewährt interessante und sensible Einblicke in eine durchlöcherte Zeit, ohne Politisches auszusparen. Immer wieder schimmert auch die Lyrikerin durch, die sich prächtiger sprachlicher Bilder und zahlreicher lyrischer Stilmittel bedient: „Es wandelt niemand ungestraft unter dem trockenen Regen des Stundenglases, und die Gesinnungen ändern sich gewiss, wenn ein Stundenglas von innen gesehen wird, die Sandkörnchen, die Gänsehaut der Zeit …“


Sogar Papageien überleben uns
Roman von Olga Martynova.
Droschl 2010. 204 S., geb., e 19,00
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