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Zärtliche Sachlichkeit - 40/2010

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Zärtliche Sachlichkeit

Ein Einzelschicksal in unlösbarer Verknüpfung mit der Krise der Weltwirtschaft.

Von Daniela Strigl

Dies ist eines der originellsten, klügsten und bewegendsten Bücher der österreichischen Literatur: Mit „Karl und das zwanzigste Jahrhundert“ unternahm Rudolf Brunn*graber 1932 den Versuch, ein sogenanntes Einzelschicksal in unlösbarer Verknüpfung mit der Weltwirtschaft und ihrer Krise darzustellen. „Januar 1930 in Österreich. 308.238 Arbeitslose. Jeder fünfte versicherte Arbeiter ohne Beschäftigung. Aber Karl ist keine Rechenmaschine, er ist ein Mensch voll Vergangenheit. (…) Vielleicht, denkt er, geschieht nun die Wendung ins Gute.“
Karl Lakner, Jahrgang 1893, wie sein Autor Sohn einer Wäscherin und eines trunksüchtigen Maurers, ist lange ein unbelehrbarer Optimist; erkämpft sich eine Lehrerausbildung, übersteht den Krieg mit Glück und Stoizismus als Held, wird mehrfach ausgezeichnet, geadelt gar. Brunngraber zeigt, dass Fleiß und Opfermut des Einzelnen für die Katz sind, wenn die Mächte der Ökonomie ihm entgegenwirken.

Alle Stufen des Abstiegs

Als Lehrer findet Karl keine Stelle, er schlägt sich durch, fühlt sich „degradiert und aus sich selbst verdrängt“, verliert schließlich seinen Glauben an Gott und die gerechte Einrichtung der Welt und durchlebt alle Stufen des Abstiegs. Eine Notiz über den Selbstmord des „arbeits- und unterstandslosen Karl Lakner“ steht am Ende eines Romans, der mit der Geschichte des Taylorismus beginnt.

Enteignetes Individuum

Das Buch wurde ein Bestseller und flugs von den Nazis verboten, mit seinen späteren Welterfolgen „Radium“, „Opiumkrieg“ und „Zucker aus Cuba“ war Rudolf Brunngraber (1901-1960) im Dritten Reich jedoch wohlgelitten. Der Sozialist, selbst ein Nischen-Überlebender der Massenarbeitslosigkeit (als Holzfäller, Gemälde-Kopist, Kinogeiger, Totensänger), stand unter dem Einfluss von Otto Neurath, dem Ökonomen und philosophischen Praktiker des Wiener Kreises, der ihn in seinem „Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum“ beschäftigte. In seinem Erstling erzählt Brunn*graber die Geschichte des Jahrhunderts als Geschichte der Globalisierung: ein Prunkstück der Neuen Sachlichkeit, nicht herzlos freilich, sondern erfüllt von einer sarkastischen Zärtlichkeit für das enteignete Individuum.


Karl und das zwanzigste Jahrhundert
Von Rudolf Brunngraber.
Revisited Bd. 3. Milena 2010.
270 S., geb., e 21,90
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