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Zwei Brüder - 01/2011

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Zwei Brüder

In seinem jüngsten Roman blickt der amerikanische Autor E. L. Doctorow mit den AUgen eines Blinden auf das 20. Jahr*hundert.

Von Brigitte Schwens-Harrant

Sie haben ein skurriles Kapitel New Yorker Stadtgeschichte geschrieben: jenes Brüderpaar, das 1947 tot im eigenen Haus gefunden wurde, inmitten von Tonnen von Zeitungen, Altwaren, Klavieren, sogar ein Auto fand sich im Wohnraum. Der eine Bruder war blind und wohl verhungert, der andere wurde von seiner eigenen Sammlung erschlagen.
Stoff für Sensationsromane – doch E. L. Doctorow hatte wohl weniger die (historische) Sensation im Sinn denn das (bleibend) Metaphorische dieser Geschichte. „Ich bin Homer, der blinde Bruder.“ Der Blinde erzählt, als Mittelpunkt jener Welt, die er mittels fein ausgeprägtem Gehör wahrnimmt und kommentiert. Etwa die Gespräche mit Bruder Langley, der aus dem Ers*ten Weltkrieg mit Gas vergiftet zurückkam und dessen Klugheit und Engagement seltsame Blüten treiben. Homer kommentiert Langleys Theorien skeptisch. Die Ersetzungstheorie („Alles im Leben wird ersetzt.“ „Es gibt Fortschritte, und gleichzeitig ändert sich nichts.“) will er nicht anerkennen. „Dann spürte ich seine Hand auf meiner Schulter. Und da begriff ich, dass Langleys sogenannte Ersetzungstheorie seine Verbitterung über das Leben war oder seine Verzweiflung daran.“
Die Welt ist alles, was Homer hört und sich vorstellt, und was zu Besuch kommt in dieses Haus. Und so wandert der Leser mit Homers Aufzeichnungen an eine abwesende Verehrte durch das 20. Jahrhundert. Doctorow lässt die Brüder älter werden als ihre historischen Vorbilder. Die Episoden nach dem Krieg wirken von Fitness bis Objet trouvé leider allzu bemüht.
Man kann den Roman des Autors philosophisch lesen, selbst die Bemerkung Homers, er könne sehen, wenn er einen intus hat, führt zu philosophischen Überlegungen; man kann ihn auch politisch lesen, außen ist innen: Fragen der Herrschaft und Macht entzünden sich etwa beim „hybriden“ Umgang mit der Dienstbotin.

Zeitlose Zeitung

Eine Geschichte bleibt etwas unterbelichtet: Langleys wichtigstes Projekt bestand darin, alle Tageszeitungen zu sammeln „mit dem Ziel, am Ende die Tagesausgabe einer Zeitung zu schaffen, die bis in alle Ewigkeit gelesen werden kann, da sie für jeden kommenden Tag ausreicht“. Er ordnete Artikel nach Kategorien, um statistisch begründet das Mate*rial auf Ereignisse einzugrenzen, die „durch ihre Häufigkeit das Wesen des menschlichen Verhaltens ausmachten“. Dann könnte er das Titelblatt festlegen und welche Artikel auf welche Seite kämen: „Letztendlich wollte er das gesamte Leben Amerikas in einer Ausgabe festhalten – er nannte sie Collyer’s immerwährend aktuelle zeitlose Zeitung, die einzige Zeitung, die man je brauchen würde. … Der Leser ist immer auf dem Laufenden und auf dem neuesten Stand des Geschehens. Er kann sicher sein, dass er die unbestreitbaren Wahrheiten des Tages liest …“ Ein ironisches Glanzstück dieses Romans, eine Spitze auch auf die Entwicklung der Medien. Die Fusionen liest Langley als erste Anzeichen einer Vereinigung aller Zeitungen zu einer einzigen.
Die Grenze zwischen Langleys Weisheit und Wahnsinn ist fließend: „Wie kannst du ontologisch zwischen draußen und drinnen unterscheiden? Nach dem Kriterium, ob du trocken bleibst, wenn es regnet? Warm bleibst, wenn es kalt ist? Was lässt sich schon philosophisch Bedeutsames darüber sagen, dass man ein Dach über dem Kopf hat? Drinnen ist draußen, und draußen ist drinnen. Nenne es Gottes unentrinnbare Welt.“ Langley lebt in seiner eigenen Dunkelheit; und weil er meint, dass alles, was lebt, sich im Krieg befindet, muss er sich schützen: Die Fensterläden bleiben geschlossen und Fallen werden aufgebaut, die ihn selbst zu Fall bringen werden. Unter einem Dach wohnen der paranoide Pessimismus und sein „gläubiger“ Bruder, Homer, der auch noch taub wird: „Nur die Berührung der Hand meines Bruder lässt mich wissen, dass ich nicht allein bin.“ Am Ende zeigt sich, wie unersetzlich der Bruder dem Bruder war.


Homer and Langley
Roman von E. L. Doctorow
Übersetzt von Gertraude Krueger
Kiepenheuer & Witsch 2011
219 S., geb., e 19,50
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