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Der Mensch als Weib - 05/2011

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Der Mensch als Weib

Zum 150. Geburtstag von Lou Andreas-Salomé, der Schriftstellerin, Psycho*analytikerin und frühen Kultur*wissenschafterin.

Von Hans-Rüdiger Schwab

Es muss schwer gewesen sein, sich dem Zauber ihrer Persönlichkeit zu entziehen. Von denen, die sie näher kennenlernten, wurde Lou Andreas-Salomé jedenfalls gern als „ein ganz außerordentliches Wesen“ bezeichnet. So unterschiedliche Männer wie der Soziologe Ferdinand Tönnies und der Mediziner Viktor von Weizsäcker, ihr Freund Rainer Maria Rilke und ihr Lehrer Sigmund Freud haben dies gleichlautend getan. Weil die Geschichte der bemerkenswerten Frau so reich an Begegnungen war, ist die gängige Form, an sie zu erinnern, die des erzählten Lebens. Was darüber in Vergessenheit zu geraten droht, sind ihre höchst eigenständigen Leistungen als Schriftstellerin, Psychoanalytikerin und frühe Kulturwissenschaftlerin.
Für Andreas-Salomés literarische Texte, die zwischen 1895 („Ruth“) und 1902 („Im Zwischenland“) in kurzen Abständen entstehen, gilt das vielleicht noch am wenigsten. Wohlbegründet hat man sie einmal die neben Ricarda Huch bedeutendste Autorin der Jahrhundertwende genannt. Mit der eigenen Begabung ist die ungewöhnlich vielseitige Intellektuelle allerdings recht sorglos umgegangen. Nirgends nämlich spiegelt sich ihr geistiges Profil so eindrucksvoll wie in über 130 verstreut veröffent*lichten Essays, Aufsätzen und Rezensionen. An ihnen lässt sich nachvollziehen, mit welchen Akzenten sie gut vierzig Jahre hindurch den „geistigen Entwickelungskampf der Zeit“ begleitete (wie der vorübergehende Unter*titel einer jener Zeitschriften lautete, für die sie schrieb).
Den Bewunderinnen hat sie es nicht leicht gemacht. Gewiss: An Souveränität der Lebensführung kam niemand ihr gleich. Aber war sie auch eine Sachwalterin emanzipatorischer Ansprüche? Das Thema der geschlechtlichen Identität beschäftigt sie jedenfalls von früh an. Schon Nietzsche, der die 21-Jährige einen Frühling und Sommer lang als sein „Geschwistergehirn“ entdeckte, legt sie eine entsprechende Abhandlung vor. Um 1900 beteiligt sie sich dann programmatisch an der regen Debatte über das „Wesen“ der beiden Geschlechter und ihr Verhältnis zueinander.

Verschieden

Zu den Forderungen der organisierten Frauenrechtsbewegung wahrt Andreas-Salomé scheinbar kühle Distanz. Was sie, womöglich nicht ohne lustvolle Stichelei, zu dem Thema „Weiblichkeit“ vorbringt – „aller Frauen-Emanzipation, und was sich so nennt, zum Entsetzen“ –, trägt ihr von damals bis heute teilweise heftigen Widerspruch ein. Sie verweist auf die grundsätzliche Divergenz der Geschlechter. Dabei verfolgt ihr Diskurs keine gesellschaftspolitischen Ziele, sondern ist, mit lebensphilosophischer Grundierung, anthropologisch ausgerichtet. Ein Aufsatz vom „Menschen als Weib“ bringt dies bereits im Titel zum Ausdruck und enthält dort eine Rangfolge der Begriffe, die man nicht überlesen darf. Aus Sicht der Verfasserin lautet die entscheidende Frage, ob es, infolge ihrer spezifischen „Physis“ und „Psyche“, eigene Weltbezüge oder Erlebnisqualitäten der Frau gebe. Zu Recht mag man finden, dass sie mit ihrer Definition eines „sex in her own right“ erst viel später aufkommende Theoriebildungen über Geschlechterdifferenz vorwegnimmt. Tatsächlich liegt ihr Augenmerk auf der Her*ausarbeitung von „Verschiedenheit“: jener „Kraft“ der Frau, durch die sie sich gleichwertig neben dem Mann behaupte und ihn daher nicht „nachahmen“ müsse. Was sie abwehrt, ist nicht die rechtliche Gleichstellung, sondern die Nivellierung.
Gegenwärtig, diagnostiziert sie, sei die Frau in diesem Sinne „noch immer nicht genügend bei sich selbst“, wobei sie eine andere, „wahrhafte“ Emanzipa*tion jenseits des Aspekts „gleichwertiger Leistungsfähigkeit“ im Blick hat. Eine Sicht auf das Weibliche allein aus dieser Perspektive greift für sie zu kurz. Zentral geht es ihr vielmehr um die Stärkung dessen, was sie als Besonderheit der Frau ansieht – auf diese Weise werde dann auch die männliche Dominanz der Kultur letztlich unterlaufen. Etwas anderes kommt hinzu. Zentrale Richtgröße für die „Entwicklung“ der Frau ist ihr die „Freiheit“, welche „der des Mannes nicht nachstehen *dürfe“.
Andreas-Salomé gibt sich damit als Gegnerin jeder „Einengung der Frau durch Tradition und Vorurteil“ zu erkennen. Explizit solle sie sich nicht mit einem Dasein „als bloßes Anhängsel des Mannes bescheiden“, „ihr letztes Heil“ aber genauso wenig in der Angleichung an die Regeln einer männlichen Arbeitswelt suchen – als ob darin schon die Lösung des Problems gelingender Identität bestände, diese so vielmehr nicht auch nur „betäubt“, übertönt oder rein äußerlich „ausgefüllt“ werden könne. Die „soziale Notwendigkeit“ weiblicher Berufsausübung sieht sie gleichwohl ohne Begeisterung ein.
In für die Moderne nicht untypischem Vertrauen schließt Andreas-Salomés Geschlechtertheorie am zeitgenössischen Erkenntnisstand der Naturwissenschaften an. Eine natürliche Disposition scheint damit von vornherein dem Anspruch auf Subjektivität und Autonomie vorgeordnet zu sein. Tatsächlich überwölbt der biologische Ausgangspunkt alle kulturellen Bedingtheiten der Geschlechterrollen. Auf fundamentale Weise wird die Frau mit der Natur, dem Organischen, in Verbindung gebracht. Von daher seien ihre spezifischen Qualitäten ableitbar.

Ganzheitlich

Die Frau trägt sowohl regressive als auch utopische Züge, ist „das Uranfänglichere wie … das Vollendetere“. So wird das Feminine als das Undifferenziertere definiert, das Ganzheitliche, Geschlossene, in dem zugleich sein schöpferisches Vermögen liege. Das Weibliche stellt die abstrahierende Vernunft als beim „Gehirnmenschen“ Mann allein Geltung verbürgenden Maßstab infrage. Erfahrene Wahrheit sei niemals etwas ausschließlich durch binäre Logik Begründetes. Die Frau aber „kann viel mehr Widersprüche in sich aufnehmen und organisch verarbeiten“: Insofern verfügt sie über ein feineres Erkenntnisvermögen.
Mann und Frau sind anders, jeweils eine Welt eigenen Rechts. Dass der Mann die Frau „in ihrer selbsteigenen Sphäre“ und in ihrer Diversität von ihm wahrzunehmen lerne: Darin besteht das zentrale Anliegen. Über allem schließlich steht das grundsätzliche Recht jeder einzelnen Frau auf ihre jeweils eigene „Art … zu blühen“. Emanzipation durch die Selbstwerdung einer freien Persönlichkeit – auf diese Formel könnte man Andreas-Salomés Denken behelfsweise bringen.


Ideal und Askese
Aufsätze und Essays von Lou Andreas-Salomé. Bd. 2: Philosophie.
Hg. von Hans-Rüdiger Schwab
MedienEdition Welsch 2011
330 S., kart., e 26,80
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