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Wuchernde Imagination - 05/2011

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Wuchernde Imagination

Von Christina Ulm

Erbsengrüne Tapeten, auf grobem Papier gearbeitet, ein spärlich möblierter Raum. Zwei fahle, teilnahmslose Gesichter, mit Kohle umrissen. „Wenn der Fernseher mal nicht lärmt, ist es still. Hin und wieder scheppert Mutter in der Küche und nachmittags klingelt es an der Tür. ‚Der Junge ist da‘, sagt Mutter. ‚Schule ist aus‘, sagt Vater. ‚Klapp‘ macht die Tür und dann ist der Junge in seinem Zimmer. Die Eltern sitzen vorm Fernseher. Sie sind stumm.“
Der Text gibt dem Jungen keinen Namen, die Kargheit seines Lebens scheint auch seine Persönlichkeit zu vereinnahmen.

Wo es zischelt und raschelt

Sein Zimmer gewinnt auf jeder Doppelseite mehr Raum und schließlich ist den Lesenden ein ganz naher Blick erlaubt, das elterliche Desinteresse ein wenig kompensiert. Er liegt auf einem Teppich aus alten Zeitungen – praktisch und billig, so wie die Kleidung vom Amt. „,Wir haben keinen Geldscheißer!‘, sagen die Eltern.“ Macht nichts, denkt der Junge. Er hat Papiergeld der anderen Art. In der Tristesse der Armut kann kindliche Weltaneignung nur über ein Medium passieren, das die Welt transportiert. Er klebt ausgeschnittene Zeitungsbilder an die Wand, collagiert Elend und Faszinosum zusammen und entkommt so der Eintönigkeit: Die Ballerina lässt sich vom Flugzeug tragen, ein Lego-Feuerwehrmann reitet ein geflügeltes Kamel.„Krieg für den Frieden“, heißt eine Zeitungsseite. Die paradoxe Zweckentfremdung der Sprache wird positiv gespiegelt in der Zweckentfremdung* der Presse. In knappen, formelhaft gebrochenen Hauptsätzen entfesselt sich seine Fantasie, bis – die Mutter kommt, alles herunterreißt und neues Altpapier holt. Ein besonderer Artikel kommt in seinen Besitz, langsam tönen sich die Seiten satter. Der Junge absorbiert bio*logische Fakten und schmückt damit sein Zimmer; „ein Ort, an dem es zischelt und raschelt. Ein Ort, an dem sich ein Junge wohlfühlt.“ Er selbst verwandelt sich in eine Gottesanbeterin mit großen Augen und gespreiztem Gang. Bild und Text erzählen gleich mächtig von der ansteckenden Schöpferkraft und die Gedanken der Lesenden sprießen so wie die geschnipselten Blätter, Blumen und Insekten, die sich surrealistisch ausbreiten und bis ins Zwischenmenschliche wuchern: Der Vater kommt herein, er ist zunächst skeptisch. Doch dann geht er in die Hocke, es regt sich in Knie und Lethargie – „Und auf einmal hört man ein dunkles ‚Quaaak‘“. Er wird zum Frosch und auch die Mutter, die noch Wurzeln vor dem Fernseher schlägt, kann sich der Üppigkeit nicht mehr erwehren: In ihrem Haar wächst eine Blüte. 


Schnipselgestrüpp
Von Julia Friese und Christian Duda
Bajazzo 2010
44 S., geb., e 15,40
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