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Alzheimer und die Umwege der Fiktion - 09/2011

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Alzheimer und die Umwege der Fiktion

Arno Geigers neuer Roman ist nicht bloss ein literarischer Krankheits*bericht, sondern ein poetisches Vaterdenkmal zu Lebzeiten.

Von Michael Braun

Das Thema Altern und Demenz ist hierzulande nicht erst mit der amerikanischen Literatur, mit Jonathan Franzen und anderen, populär geworden. Das Vaterbuch von Tilman Jens oder Martin Suters Roman „Small World“ zeichnen auf sehr unterschiedliche Weise das aktuelle Krankheitsbild der Alzheimer-*Demenz, das allein schon demografisch ein Schlüsselproblem der Zukunft ist: Wir werden immer älter, aber im Alter nicht
unbedingt gesünder.
Mit seinem neuen Buch stößt der Vorarlberger Arno Geiger tief und man kann sagen: auch innovativ in diese Lücke vor. Bereits 2005 hat er in Romanform („Es geht uns gut“) gezeigt, wie kreativ er eine Familien*geschichte erzählen kann. Nun geht es um den eigenen Vater, August Geiger, Jahrgang 1926. Der mittlerweile 85-Jährige lebt im Pflegeheim und hat seit etwa 15 Jahren Alzheimer-*Demenz. Wie er damit klar kommt, weiß der Sohn nicht genau: „Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm.“
Es sind Sätze wie diese, die den Reiz dieses Buches ausmachen. Nirgends läuft der Erzähler Gefahr, medizinische Diagnostik mit seiner Wahrnehmung zu verwechseln. Und doch bekommt der Leser eindrucksvoll mit, wie schleichend langsam die Krankheit verläuft, wie die äußeren Symptome von schwerer Vergesslichkeit bis zu Depressionen das Elementarbild, das wir vom Menschen mit Subjektautonomie und Willensfreiheit haben, erschüttern. Und wie sich das persönliche Verhältnis zwischen Vater und Sohn verschieben, wie die Liebe in Zeiten des ‚Vater-Exils‘ andere Formen annehmen kann. In den teils komischen, teils melancholischen Dialogen, welche die lose Kapitelfolge rahmen, geht es nicht mehr um regelrechtes Verstehen. Es geht um nachfühlendes Anhören, um Einhören in den anderen.

Ohne Nostalgie

Geiger verharmlost nichts und übertreibt nicht. Der Trost der Nostalgie ist ihm fremd. Er macht das Thema zu seinem eigenen (schon der Großvater litt daran). Surreal* und erschreckend wirkt die Szene, als der Vater sein Gehirn unter dem Hut vermisst. Unter den Wünschen, die bleiben und sein Leben ein menschenwürdiges bleiben lassen, sind die, dass die Dinge zu verbessern sind und das Heimgehen das eigentliche Ziel des Lebens ist.
Man muss nicht so weit gehen wie der Autor und die Demenz zum „Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft“ erklären. Obwohl es plausibel ist, dass es sich tatsächlich um die „Krankheit des Jahrhunderts“ mit seinen enormen Beschleunigungserfahrungen, Zukunftsängsten und Wissensexplosionen handelt. Aber Geiger zeigt: Alzheimer ist – mit den „Erinnerungslücken, Wahnvorstellungen und Hilfskonstruktionen“ – eine „besonders literarische Krankheit“ (Holger Helbig). Sie zwingt das Erzählen zur Selbstreflexion. Und sie illustriert das „Leben in der Fiktion“, die Dämmerexistenz, die den Betroffenen „ganz tief unfähig“ macht, wie es bei Thomas Bernhard heißt.
„Der alte König in seinem Exil“ ist weit mehr als ein literarischer Krankheitsbericht; es ist ein poetisches Vater-*Denkmal zu Lebzeiten und eine bezwingende Erzählung, die voller Zeichen, nicht Wunder ist. 


Der alte König in seinem Exil
Von Arno Geiger
Hanser 2011
188 S., geb., e 18,40

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