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Abstieg ins Inferno - 14/2011

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Abstieg ins Inferno

Gerhard Roth schliesst mit „Orkus. Reise zu den Toten“ seinen zweiten umfangreichen RomanZyklus ab.

Von Markus Hildenbrand

Wenn einer zu den Toten reist, dann kann er was erzählen; sei es Odysseus, Aeneas, Dante – oder Gerhard Roth, der mit „Orkus. Reise zu den Toten“ seinen nach den „Archiven des Schweigens“ zweiten großen Zyklus abschließt. Dieses Werk nötigt schon allein wegen seines Umfanges Bewunderung ab, auch wenn zunächst der Zusammenhang der formal unterschiedlichen Teilstücke eher lose war. Erst die im Rahmen der Ausstellung „Orkus. Im Schattenreich der Zeichen“ präsentierten Materialien gewährten Einblick in die Genese und zyklische Konzeption, demnach – nicht unbescheiden! – in erster Linie die „Odyssee“, „Ulysses“ und Dantes „Commedia“ als literarische Vorbilder dienten, aber auch Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, eine Reise in die Abgründe und „das Grauen“ des eigenen Unbewussten.
An Dante habe ihn, Roth, vor allem die Hölle fasziniert, und so steigt er, von Neugierde getrieben, nun selbst hinab ins Inferno: „Solange ich denken kann, zog mich das Unglück an – der Tod, der Selbstmord, das Verbrechen, der Hass, der Wahnsinn. Was diese Eigenschaft betrifft, bin ich nie erwachsen geworden, denn ich gebe noch immer meiner Neugierde nach und erschrecke dabei wie eh und je, ohne dass ich davon lassen kann. Im Unglück sehe ich das eigentliche Leben.“

Erhellungen und Verdunklungen

Doch was sich wie ein autobiografisches Pendant zum „Alphabet der Zeit“ anlässt, bekommt eine neue Wendung, als man plötzlich über den Jugendfreund Sonnenberg stolpert, den man als späteren Untersuchungsrichter bereits aus mehreren Romanen des Autors kennt. Andere vermeintlich fiktive Bekannte folgen: Ascher, Paul Eck, Konrad Feldt und Alois Jenner, die man gemeinsam mit Roth bei einer pathologischen Sektion antrifft, der Journalist Viktor Gartner, der verstummte geisteskranke Künstler Franz Lindner, oder auch „der eigentliche Telemach“ Thomas Mach – dieser sogar als eigener Sohn.
Prüft Roth die Leser, ob sie sein nicht gerade schlankes Werk auch gründlich studiert haben? Es ist zwar reizvoll, diesen falschen oder richtigen Fährten zu folgen, doch letztendlich ist es unmöglich, Fiktion und Realität zu entflechten: „Ich trenne […] die Wirklichkeit der Literatur und die Wirklichkeit des Lebens nicht, denn ich möchte nicht auf die Erhellungen und Verdunklungen verzichten“, schreibt Roth. Dies gilt auch für die „realen“ Personen, die wir ebenfalls durch den Filter dieser bewussten künstlerischen Unschärfe sehen, und man wird sich gründlich verirren, wenn man in diesem sehr persönlichen Werk alles für bare Münze nimmt, was der Liste