ro ro

Navigation
Literaturkritik | Filmkritik | Dossiers | Suchen
You do not have permission to download files

Suppenwürfel und Menschliche Schwächen - 18/2011

Herunterladen
Suppenwürfel und Menschliche Schwächen

Zwei gedichtbände zeigen, wie kompliziert einfach die Welt und das Ich sind.

Von Harald Wieser

Im Gedicht „Anständiges Mädchen“, das auch titelgebend für ihr Buch war, richtet sich die Autorin Lidjia Dimkovska mit folgender Frage an ihre Leser: „… ich habe Angst vor Lidija Dimkovska. Schon mal von ihr gehört?“ Angst scheint aber völlig unbegründet zu sein, wenn man die Gedichte liest. Sie sind durchwegs tiefgründig, teilweise humorvoll und mit viel Wortwitz versehen, teilweise ironisch mit traurigem Grundton, aber keinesfalls Angst einflößend.
A. spielt in vielen der Gedichte dieses Bandes eine wichtige Rolle, wird zu einer Art Leitfaden im „Anständigen Mädchen“. Immer wieder verwendet Dimkovska die Initiale für diverse Wortspielereien, wie zum Beispiel A.-national, A.-politisch oder A.-sozial.

Wortspiel als Stilmittel

Das Wortspiel ist überhaupt das beliebteste Stilmittel der Lyrikerin aus Skopje. So schreibt sie beispielsweise in ihrem Gedicht „Longitude“: „A., miss die Longitude ...“ Das „miss“ kann hier als Imperativ von „messen“ oder als englisches „vermissen“ gelesen werden. Ebenso gerne spielt die Autorin mit Redewendungen, die sie in ihre Gedichte einbaut und deren Sinn sie verdreht, wie in „Reife“: „Wie konnte der Blitz, bevor er vom Regen in die Traufe einschlug, / den Spiegel im Badezimmer für immer beschlagen lassen?“ Oder auch in „Morphologie des Märchens“: „... und es überredet, ein Biest zu bleiben, / die Schöne jedoch hat er überhaupt nicht vorgesehen.“ Dieses Gedicht ist schon fast übervoll an Alliterationen und Wortspielereien. Dabei beherrscht Dimkovska gerade die Einfachheit der Dinge so gut. Selbstverständliche Äußerungen und alltägliche Gegenstände werden in ihrer Lyrik bisweilen bedeutungsschwer und führen dem Leser vor Augen, wie kompliziert einfach die Welt doch sein kann. Das Gedicht „Suppenwürfel“ ist dafür ein gutes Beispiel. Es handelt sich dabei der Form nach um ein Kochrezept, als Zutaten werden menschliche Züge, Schwächen und Stärken angeführt. Besonders gelungen ist das Gedicht „Nagelknipser“. Es weist Ähnlichkeiten zur Short Story auf: Es erzählt, und das mit einer reduzierten, einprägsamen Sprache. In einem Gespräch mit der weit entfernten Familie wird nur die Belanglosigkeit des mitgenommenen Nagelknipsers zur Sprache gebracht, niemand wagt, das Gefühlte auszusprechen, die prägenden Themen: das Heimweh und die Kritik der Familie, dass das lyrische Ich so ferne ist. Der familieneigene Nagelknipser wird so zum Symbol für die Sehnsucht nach Heimat und Familie.

Große Themen

Lidija Dimkovska schreibt über große Themen: über Familie, Heimat und Herkunft, über Religion, Migration und die Rolle der Frau sowie über Liebe und Tod. Darin weisen ihre Gedichte inhaltliche Gemeinsamkeiten mit jenen Luljeta Lleshanakus auf. Auch geografisch gesehen liegen die beiden Autorinnen nicht sehr weit voneinander entfernt. Lleshanaku lebt in Tirana und erzählt in ihren Gedichten sehr persönliche Geschichten aus ihrem Umfeld. Sie verwendet dafür eine recht eindrucksvolle, bildhafte Sprache, die zwar manchmal etwas kryptisch und verträumt, aber nie übertrieben wirkt: „... drei Matrijoschkapuppen, der Größe nach geordnet, / ich bin die letzte, / diejenige, die man nicht mehr auseinandernehmen kann.“ So beschreibt sich das lyrische Ich im Gedicht „Wenn es kein Wasser gibt“. Selbstwahrnehmung spielt auch in Lleshanakus Lyrik eine zentrale Rolle. Im Klappentext ihres Gedichtbandes „Kinder der Natur“ wird ihre Poesie als eindringlich und feinsinnig, sowie als humorvoll und von großer Genauigkeit beschrieben. Die letzten beiden Attribute vermisst man allerdings bei der Lektüre.
Sehr gelungen hingegen ist das Gedicht „Was wir über Pompeji wissen“. Hier schafft Luljeta Lleshanaku es, mit einer sehr reduzierten Sprache eine Geschichte zu erzählen. Das gelingt ihr auch im Gedicht „Mama, ich und die Sicherheitsinstruktion“.
So nimmt man es der Autorin auch nicht übel, dass sie „weitsichtig“ geworden ist, eine Angst, die sie in ihrem Gedicht „Im Zusammenhang mit Weitsichtigkeit“ äußert – übrigens auch ein schönes Wortspiel.
Die Gedichtbände „Anständiges Mädchen“ und „Kinder der Natur“ stammen beide aus der Edition Korrespondenz. Beide Bücher sind sehr ansprechend gestaltet, und die Gedichte sind auch in der Originalsprache abgedruckt. Eine Bereicherung auch für jene, die diese Sprachen, Makedonisch und Albanisch, nicht verstehen.


Anständiges Mädchen
Gedichte von Lidija Dimkovska
Aus dem Makedon. von Alexander Sitzmann.
Edition Korrespondenzen 2010. 164 S., kart., e 16,-


Kinder der Natur
Gedichte von Luljeta Lleshanaku
Aus dem Albanischen von Andrea Grill
Edition Korrespondenzen 2010
167 S., kart., e 16,-
You do not have permission to download files


DownloadsII 5.0.4 by CyberRanger & Jelle
Based on ecDownloads 4.1 © Ronin



Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  07:30:58 07.20.2005